LS3 #5 Werbung bleibt so in Erinnerung

Sprachlich krasse Werbungen! Let’s gooo

Reime sind eines der wertvollsten Stilmittel in der Werbung, das habe ich ja schon im letzten Blogpost etwas angeschnitten. Warum ist das eigentlich so?  

Rhyme as Reason Effekt

Reime sind nicht nur witzig oder dumm oder poetisch, sie haben bestimmte Wirkungen, unterschiedlich natürlich basierend auf dem Kontext, ob sprachlich oder visuell und wie sie dargestellt bzw. rübergebracht werden.

Der rhyme-as-reason Effekt ist ein „cognitive bias“, bestätigt diese Wirkung und besagt, dass der Wahrheitsgehalt einer Aussage von Menschen eher als qualitativ hochwertig und glaubhaft beurteilt werden, wenn die Grundlage der ästhetischen Qualität gegeben ist (Tofighbakhsh & McGlone, 2000). Daher werden diese oft in der Werbung verwendet; Menschen glauben der Aussage mehr, sie erinnern sich stärker daran und werden so besser beeinflusst (Rhyme, 2025).

Der Effekt basiert auf einer Studie von 2000, in welcher Wissenschaftler die Teilnehmenden verschiedene Aphorismen mit gleicher semantischer Bedeutung dargelegt bekamen, manche gereimt und andere nicht. Die Teilnehmenden sollten dann die Richtigkeit der verschiedenen aussagen beurteilen. Die Ergebnisse zeigten klar, dass die gereimten Aussagen kontinuierlich als korrekter beurteilt wurden (Tofighbakhsh & McGlone, 2000).

Bekannte Werbeslogans

Wenn ich selbst so darüber nachdenke, welche Werbeslogans ich kenne, fallen mir zu aller erst folgende ein:

  • Haribo macht Kinder froh, und Erwachsene ebenso
  • Carglass repariert, Carglass tauscht aus
  • Willst du viel, spül mit Pril
  • Bei Technikfragen Tech-Nick fragen

Diese und noch viel mehr Slogans sind teilweise schon sehr alt und trotzdem bleiben sie im Kopf hängen. Der erste Teil von “Haribo macht Kinder froh” stammt aus z.B. den 1930ern (ca. 1935) von Gründer Hans Riegel sen., der Zusatz “…und Erwachsene ebenso” wurde 1962 ergänzt, um die Zielgruppe zu erweitern (Haribo, 2026). Carglass besitzt seinen Slogan seit 2009 und hat durch den bekannten Radio SingSang dazu eine ganze Memewelle geschaffen (Dowideit, 2012).

Sixt als Beispiel für Provokation und Wortwitz

Ein Beispiel, welches ich hier einmal hervorheben möchte ist Sixt, die Autovermietung.

Sixt selbst sagt über sich: “Die SIXT Autovermietung ist bekannt und berüchtigt für ihre ausgefallene und humorvolle Werbung – und das in jeder Spielart. Von gigantischen Flughafeninstallationen über aufsehenerregende Printanzeigen bis hin zu markanten Online-Werbungen sorgt SIXT regelmäßig über alle Kanäle hinweg für großes Staunen” (Sixt, 2021).

Sixt ist immer vorne dabei, was aktuelle politische oder soziale Neuigkeiten angeht und nutzt diese aus um exakt dort provokant anzusetzen und es für ihre Werbung zu nutzen. So erreichen sie eine besonders grße Zielgruppe, egal ob diese das Thema unterstützden oder nicht, da es sowieso ins Lächerliche gezogen wird (Mühlberg, 2025).

Literaturverzeichnis

Dowideit, A. (2012, July 11). Steinschlagschaden: Die Angst vor dem teuren „Krracks“. DIE WELT; WELT. https://www.welt.de/wirtschaft/article108264548/Steinschlagschaden-Die-Angst-vor-dem-teuren-Krracks.html

Haribo. (2026). HARIBO Geschichte – Der Süßwarenkonzern seit 1920. HARIBO. https://www.haribo.com/de-at/ueber-uns/geschichte

McGlone, M. S., & Tofighbakhsh, J. (2000). Birds of a Feather Flock Conjointly (?): Rhyme as Reason in Aphorisms. Psychological Science, 11(5), 424–428. https://doi.org/10.1111/1467-9280.00282

Mühlberg, M. (2025, July 30). Sixt und die Meme-Kultur: Wie viel bringt provokante Online-Werbung? Absatzwirtschaft. https://www.absatzwirtschaft.de/sixt-und-die-meme-kultur-wie-viel-bringt-provokante-online-werbung-274302/

Rhyme. (2025). Rhyme As Reason Effect. Newristics. https://newristics.com/heuristics-biases/rhyme-as-reason-effect

Sixt. (2021). SIXT Werbung | Motive & Kampagnen. Sixt.de. https://www.sixt.de/mietwagenleitfaden/werbung/

LS3 #4 Reimformen mit oder ohne Normen?

Da ich ja gerade bei den Grundlagen der Reime bin, gibts jetzt hier einmal eine Darstellung verschiedener Differenzierungen, da gibt es nämlich einige.

Reime nach ihrer Position im Vers

Diese Gruppe beschreibt, wo im Vers die Übereinstimmung stattfindet.

  • Endreim: Der Klassiker am Ende des Verses.
  • Binnenreim: Zwei oder mehr Wörter reimen sich innerhalb eines einzelnen Verses.
  • Anfangsreim: Die ersten Wörter aufeinanderfolgender Verse reimen sich.
  • Stabreim (Alliteration): Gleichheit der Anlaute (z. B. „bei Wind und Wetter“). Historisch die wichtigste Form in der germanischen Dichtung (Edda).
  • Pausenreim: Das letzte Wort eines Verses reimt sich auf das erste Wort des folgenden Verses.

Reime nach ihrer Klangqualität/ phonologische Struktur

Diese Kategorie beschriebt wie „perfekt“ der Reim für die Ohren klingt.

  • Reiner Reim: Die Lautfolge ab dem letzten betonten Vokal ist identisch (z. B. Herz / Schmerz).
  • Unreiner Reim: Der Klang ist ähnlich, aber nicht identisch, oft durch Umlaute oder leicht variierende Vokale (z. B. Liebe / Trübe).
  • Erweiterter Reim: Hier ist nicht nur die Endsilbe gleich, sondern auch der Konsonant direkt vor dem betonten Vokal stimmt überein (z. B. Grauen / grauen).
  • Reicher Reim: Dieser Begriff wird oft verwendet, wenn sich zwei oder mehr ganze Silben reimen (z. B. Wanderer / Anderer). Je mehr Silben identisch sind, desto „reicher“ wirkt der Klang.

Reime nach Betonung und Rhythmus/ Silbenzahl/ Reimgeschlecht

Diese Kategorie ist entscheidend für den Rhythmus und das Tempo des Gedichts.

  • Männlich (stumpf): Der Reim endet auf einer betonten Silbe (z. B. Flut / Gut).
  • Weiblich (klingend): Eine betonte Silbe folgt auf eine unbetonte (z. B. singen / klingen).
  • Gleitend (reich): Eine betonte Silbe folgt auf zwei unbetonte (z. B. singende / klingende).

Reime nach morphologisch-lexikalischen Besonderheiten

In dieser Kategorie finden sich spielerische Reime und oft technisch Anspruchsvolles

  • Gespaltener Reim: Ein Wort reimt sich auf eine Kombination aus mehreren Wörtern (z. B. „gingen“ auf „in Gen“).
  • Gebrochener Reim: Ein Wort wird am Versende getrennt, um den Reim zu erzwingen (oft humoristisch).
  • Augenreim: Die Wörter sehen geschrieben gleich aus, klingen aber anders (z. B. frz. „mont“ und „pont“, im Deutschen seltener).
  • Grammatischer Reim: Wörter reimen sich aufgrund identischer Flexionsendungen (z. B. lachte / dachte).
  • Vexierreim: Ein erwartetes Reimwort wird durch ein anderes ersetzt, das den Sinn überraschend verändert.

Reimfolgen

Das sind die Muster, nach denen die Endreime über mehrere Verse hinweg angeordnet sind.

FormSchemaKurzerklärung
Paarreimaa bbEinfach und direkt, oft in Volksliedern.
KreuzreimababKlassisch, wechselhaft und harmonisch.
Umarmender ReimabbaErzeugt eine geschlossene Einheit.
HaufenreimaaaaAlle Verse einer Strophe reimen sich auf denselben Laut.
SchweifreimaabccbEine Kombination aus Paarreim und einem “Schweif”.
Verschränkter ReimabcabcDie Reime greifen über drei Verse hinweg ineinander.
Kettenreimaba bcbBekannt durch Dantes Göttliche Komödie (Terzine).
LimerickaabbaEine feste fünfzeilige Form, meist humorvoll.

Literaturverzeichnis

Benedikt Jeßing, & Köhnen, R. (2017). Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. In J.B. Metzler eBooks. J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-476-04494-5

Google. (2024). Gemini (Version 1.5 Flash) [Großes Sprachmodell]. https://gemini.google.com/
J Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, & Poeschel, C. (2007). Metzler Lexikon Literatur. In J.B. Metzler eBooks. J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05000-7

LS Impulse #6 Musichouse Cypher

On every first Wednesday of the month, the MusicHouse in Graz hosts an open cypher night a very simple powerful and so cool format: there is a microphone, a beat, and whoever feels like it can step up and rap. No tickets or hierarchy, and def no pressure to be professional. You can have years of experience or be on stage for the first time. You just take the mic and start.

I have attended several of these evenings by now, and every time I leave feeling unusually inspired and energized. The atmosphere is raw and spontaneous. Sometimes people perform full verses or prepared tracks, sometimes it turns into playful battles, sometimes it’s just four lines that exist only in that moment and then disappear again. There are always a few experienced regulars who carry the rhythm of the night, but there are also new people each time trying out their voice in public for the first time.

What fascinates me most is how much creativity emerges purely from impulse. There is no overthinking, no polishing, no design process in the classical sense. It’s immediate expression. People react to each other’s lines, pick up words, echo sounds, or build on themes that were mentioned minutes earlier. Language becomes something fluid and collective. It feels less like individual performance and more like a shared system of call and response.

Because these spaces are often still male-dominated, I also joined a Flinta* workshop connected to the cypher. The idea was to create a safer and more supportive environment to experiment with rap and freestyle. During the workshop, we focused on rhyme schemes, multisyllabic rhymes, and even just “sound rhyming” without meaning at first playing with phonetics rather than semantics. We tried to stack syllables, repeat patterns, and gradually move from abstract sounds to actual words. In the end, we also practiced freestyling on the microphone, which felt vulnerable but surprisingly freeing.

This experience made me realize how much rap is about rhythm, structure, and pattern recognition. Even when the content is improvised, there is an underlying framework that holds everything together. Rhyme becomes both a safety net and a playground: it guides you, but it also pushes you to invent new connections.

What does this have to do with communication design?

Although this event seems purely musical at first, I kept thinking about it in terms of design. A cypher is basically a designed communication space. It sets a few simple rules like having a circle, a beat and an open mic and within that framework, people create meaning together. It’s participatory, low-threshold, and highly interactive. In a way, it functions similarly to workshops or co-creation formats in design practice.

More importantly, the way rhymes work in rap feels very close to visual systems. Rhymes create repetition, expectation, and recognition. When a pattern repeats or slightly changes, it produces satisfaction or surprise. These are the same principles we use in layout, typography, or image sequences. It made me wonder if rhyme is not only an auditory phenomenon but a structural one that could also exist visually.

Relevance for my Master’s thesis

Since I am now focusing on the idea of rhyme in visual design for my masters topic, the cypher feels directly connected to it. Experimenting with multisyllabic and mosaic rhymes in the workshop helped me understand rhyme as something physical and rhythmic rather than purely linguistic. It made me more sensitive to patterns, echoes, and variations.

For my research, this raises questions like:
How could “visual rhymes” function similarly to sound rhymes? Can repeating shapes, colours, or compositions create a comparable sense of flow and recognition? And could these rhythmic structures make visual communication especially in activist or participatory contexts more engaging or memorable?

The MusicHouse Cypher reminded me that creativity doesn’t always come from perfect planning. Sometimes it emerges from constraints, repetition, and improvisation. For me, this feels like an exciting methodology for design research as well: testing, reacting, iterating in real time.

In that sense, the cypher is not only a music event but also an experimental lab for language, structure, and collective expression and therefore an unexpected but very relevant impulse for my design practice.

Maybe one day i will also have the courage to go up there hehe

LS Impulse #5 Overlays Exhibition

Recently, on 22nd of January to exact hehe, we organized and presented our collective exhibition Overlays, a showcase of different Master projects from our program. Even though this exhibition was “our own” and not an external cultural event like a museum or talk, I still want to frame it as an impulse for my Design & Research process, because being part of the organizational team influenced me in a very different and practical way than simply visiting an exhibition would have.

I was part of the speaker group, which meant that we were responsible for coordinating the overall structure of the show and mediating between the different majors: communication, media, sound, and interaction. Our role was less about designing one specific piece and more about holding everything together. We had to make sure everyone contributed, everyone felt represented, and that the exhibition worked as one coherent experience rather than four separate fragments. At the same time, we had to communicate with the professors, manage expectations, deal with budgets, and make sure the whole thing would actually happen in a realistic timeframe. In other words: it slowly turned into project management.

What surprised me was how automatically I slipped into that role. Together with Fiona, I often found myself organizing meetings, following up on tasks, reminding people of deadlines, and making decisions just so things would move forward. It wasn’t something I had consciously chosen. In fact, I don’t necessarily see myself as a “manager type.” But because we wanted to avoid chaos and because we cared about the quality of the exhibition, it became necessary to step in.

At times, this was honestly frustrating. Especially within the communication design group, it was sometimes difficult to motivate people or create a shared sense of responsibility. I noticed how much invisible labor goes into coordination work and emotional labor, too. Encouraging people, negotiating, mediating conflicts, and constantly checking if everyone feels heard. I realized that managing creative people can be more exhausting than the creative work itself, particularly if you feel like you are chasing others instead of building momentum together.

At the same time, there were also very positive moments. Our speaker group was extremely motivated, and despite the stress, there was a strong sense of teamwork. And once the exhibition finally opened, everything came together surprisingly well. The projects were presented in a thoughtful and diverse way, the atmosphere felt supportive, and there was a real sense of community. I also held a speech during the opening, which I initially felt nervous about, but ended up really enjoying. Speaking in front of an audience about our collective work made me realize how much ownership I had developed over the whole process.

What does this have to do with communication design?

This experience made me understand communication design less as “making visuals” and more as facilitating relationships and structures. Organizing the exhibition was essentially a large-scale communication task: aligning different voices, translating between expectations, and designing a shared narrative for the public. In that sense, curating and coordinating became a form of design itself.

It also highlighted how exhibitions are not neutral containers. They are designed experiences that shape how projects are perceived. Decisions about placement, hierarchy, space, and storytelling directly influence meaning. Designing these frameworks felt just as important as designing individual artifacts.

Learning?

My biggest learning is that I seem to naturally take on roles that combine design with organization and mediation. Even if I didn’t plan to, I ended up acting as a connector between people, ideas, and structures. For my future practice, this could mean that I’m not only interested in creating visual outcomes but also in designing processes, systems, and collaborative formats.

Organizing the exhibition showed me that design can mean enabling others to speak. And maybe that is a direction I want to explore further: communication design not only as expression, but as facilitation and infrastructure.

Link

https://www.fh-joanneum.at/veranstaltung/ausstellung-overlays/

https://www.overlays.at

https://www.instagram.com/overlays.exhibition/

LS3 #3 Was macht ein Reim daheim?

Fangen wir mal mit den Grundlagen an.

Was ist überhaupt ein Reim, wie ist das Ganze entstanden und was für verschiedene Arten gibt es?

Definition & kurze Geschichte

Wir gehen damit mal kurz zurück in den Deutschunterricht, aber was sind Reime überhaupt? Laut dem Duden sind Reime “gleich klingende [End]silben verschiedener Wörter am Ausgang oder in der Mitte von zwei oder mehreren Versen, Zeilen” (Dudenredaktion, o. J.).

Der Begriff “Reim” kommt ursprünglich von dem französischem Substantiv rime ab und wurde dann im mittelhochdeutsch als rîm verwendet und steht für “Reihe” (Jakobi, 2016).

Die ersten tatsächlichen Reime, die man heutzutage zurückführen kann, befinden sich im Buch der Lieder, eine Gedichtsammlung aus China, welche etwa im 10. Jahrhundert v. Chr. geschrieben wurde (Bauer, 2009, S. 41–43.).

Im Deutschen gilt als erste heruntergeschriebene Schriftdichtung das Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg. Es ist eine poetisch Erzählung über das Leben Jesu und aus den vier Evangelien kompiliert und er führt damit den Endreim in die deutsche Literatur ein (von Weissenburg, 2026).

Der Endreim wird dadurch bis zum 20. Jahrhundert als Norm in der Reimsprache und Poesie benutzt, bis die moderne Lyrik sich etwas davon abwendete und sich mehr auf den freien Vers bezog.

Nicht nur in Gedichten, Poesie und Lyrik sind Reime wichtig, sondern vor allem in der Musik der heutigen Zeit – Hip Hop und Rap.

 Der Start des Hip Hops wird durch eine Party in New York 1973 definiert, wo Kool DJ Herc das erste Mal nur den Beat eines Liedes nutzte und wiederholte (Moll, 2023). Hierbei geht es aber erstmal nur umd die Beats und nicht um das Sprachliche. Ein kleiner Deepdive in Reddit hilft bei der Reim Recherche; In den frühen 1980er-Jahren war Rap sprachlich noch vergleichsweise einfach strukturiert. Künstler wie Kool Moe Dee und die Treacherous Three experimentierten jedoch bereits 1980 mit schnelleren, fließenderen Vortragsweisen und begannen, interne Reime innerhalb einer Zeile zu nutzen. Dadurch löste sich der Rap zunehmend vom einfachen Endreim und entwickelte einen dichteren, kontinuierlicheren Sprachfluss („stream of consciousness“). Gleichzeitig verschob sich der Fokus bei Künstlern wie Melle Mel von reiner Klangstruktur hin zu inhaltlicher Bildhaftigkeit und narrativem Erzählen. Die Reimschemata blieben formal schlicht, gewannen jedoch durch soziale und politische Themen an Ausdruckskraft (Skechuz421, 2025).

In der Werbung sind Reime Gang und Gebe vor Allem, wenn es um Slogans geht. Der erste bekannte Werbeslogan wurde von der Marke “Beecham Pills” 1859 erstellt und lautete Beecham Pills: Worth a guinea a Box. Es ging hierbei um Abführmittel Pillen (Marinela Potor, 2022). Welches der erste gereimte Werbeslogan ist, konnte ich bisher nicht herausfinden, aber es ist klar, dass es seither undenkbar in der Werbung ist.

Diese Definition & Geschichte platzieren Reime eindeutig im Bereich der Sprache und Klang, daher finde ich es so interessant auch die visuelle Wirkung davon zu erforschen.

Wie lassen sich verschieden Reime differenzieren:

  • Reime nach ihrer Position im Vers
  • Reime nach ihrer Klangqualität/ phonologische Struktur
  • Reime nach Betonung und Rhythmus/ Silbenzahl
  • Reime nach Reimfolge und Struktur
  • Reime nach morphologisch-lexikalischen Besonderheiten

Aber dazu mehr im neuen Blogpost 🙂

Literaturverzeichnis

skechuz421. (2025). Hip-Hop-Geschichte der fortgeschrittenen Reime. Reddit.com. https://www.reddit.com/r/hiphop101/comments/1mr3sq2/hip_hop_advanced_rhyming_history/?tl=de. Online-Forum-Post.

Bauer, W. (2009). Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie. Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus – Perlentaucher. In Perlentaucher.de (p. S. 41–43.). C.H. Beck Verlag. https://www.perlentaucher.de/buch/wolfgang-bauer/geschichte-der-chinesischen-philosophie.html

Jakobi, S. (2016). KinderundJugendmedien.de – Reim. Kinderundjugendmedien.de. https://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/begriffe-und-termini/lyrik/1816-reim

Marinela Potor. (2022, February 23). 10 unvergessliche Werbesprüche. BASIC Thinking. https://www.basicthinking.de/blog/2022/02/23/10-unvergessliche-werbesprueche/

McGlone, M. S., & Tofighbakhsh, J. (1999). The Keats heuristic: Rhyme as reason in aphorism interpretation. Poetics, 26(4), 235–244. https://doi.org/10.1016/s0304-422x(99)00003-0

Moll, S. (2023). Lebensgefühl, unantastbar . Taz.de. https://taz.de/Ausstellung-50-Jahre-HipHop-in-New-York/!5949715/

von Weissenburg, O. (2026). Otfried von Weißenburg, Evangelienbuch | bavarikon. Bavarikon.de. https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-CMS-0000000000004595

Wolff, L. (1930). Zur bedeutungsgeschichte des wortes reim. Zeitschrift Für Deutsches Altertum Und Deutsche Literatur, 67(4), 263–271. JSTOR. https://doi.org/10.2307/20653085

LS3 #2 Nevermind this is what I want to do

I will start writing in german from here on since I will probably also write my thesis in german 🙂

Worüber schreibe ich eigentlich – auch wenns im vorherigen Blogpost noch was ganz Anderes war?

In kurz: Reime, die bleiben und warum Wortspiel im Design vielleicht mehr ist als Spielerei?

Reime begleiten uns seit wir sprechen können. In Kinderliedern, Gedichten, Songtexten, Werbeslogans, politischen Parolen, Memes, oder oder oder. Überall tauchen sie auf, bleiben hängen, machen Spaß oder nerven sich hartnäckig ins Gedächtnis. Trotzdem werden Reime im visuellen Kommunikationsdesign oft eher beiläufig eingesetzt (These): intuitive & spontan. Genau hier möchte ich mit meinem Masterarbeitsthema ansetzen.

Warum Reime wirken

Aus der Sprachwissenschaft, Psychologie und Werbeforschung weiß man schon lange und es gibt viele STudien dazu: Gereimte Aussagen werden oft als einprägsamer, leichter verständlich und sogar glaubwürdiger wahrgenommen als nicht-gereimte. Begriffe wie Processing Fluency oder der Rhyme-as-Reason Effect beschreiben, dass unser Gehirn gereimte Sprache schneller verarbeitet und ihr dadurch manchmal mehr Gewicht gibt, als sie objektiv und inhaltlich verdient.

Diese Forschung bezieht sich jedoch meist auf gesprochene Sprache oder reine Texte. Was aber passiert, wenn Reime visuell werden? Wenn sie nicht nur gelesen, sondern gestaltet, gesetzt, skaliert, gerahmt oder gebrochen werden?

Reime im visuellen Kommunikationsdesign

Im Design tauchen Reime natürlich (schon immer) überall auf: auf Plakaten, in Kampagnen, auf Protestschildern, in Social-Media-Posts. Oft sind sie witzig, manchmal provokant, manchmal unangenehm oder sehr plump. Neutrale Reime gibt es selten. Trotzdem gibt es kaum systematische Untersuchungen dazu wie Reime im Zusammenspiel mit Typografie, Layout/ Grid, Hierarchien oder der gewähltenForm wirken.

Mich interessiert besonders diese Schnittstelle: Reime nicht als dekoratives Stilmittel, sondern als sprachliche Struktur, deren Wirkung sich erst durch visuelle Gestaltung entfaltet. Ein Reim in fetter Grotesk auf einem Plakat wirkt anders als derselbe Reim in einer fragilen Serifenschrift, im Hochformat, im öffentlichen Raum oder auf Instagram.

Worum es dann also in meiner Masterarbeit geht

In meiner Masterarbeit möchte ich mich damit beschäftigen, wie Reime und wortspielerische Sprache die Wahrnehmung, emotionale Aktivierung und Erinnerbarkeit visueller Botschaften beeinflussen und das dann im Vergleich zu nicht-gereimter Sprache setzen. Dabei interessiert mich auch, wo die Grenzen liegen: Wann wird ein Reim zu banal? Wann untergräbt er Ernsthaftigkeit und schafft Lächerlichkeit? Und wann kann er komplexe oder schwere Themen vielleicht sogar zugänglicher machen?

Methodisch bin ich noch ganz am Anfang, aber will dann mit einer Mischung aus Theorie, Analyse bestehender Beispiele und eigenen gestalterischen Experimenten arbeiten. Geplant sind unter anderem Reim- und Nicht-Reim-Versionen gleicher Inhalte, die in A/B-Tests verglichen werden mit empirischer Recherche. Wenn es sich zeitlich ausgeht, würde ich auch gerne qualitative Rückmeldungen zu Emotion, Humor, Irritation oder Verständlichkeit bekommen.

Zwischen Humor, Aktivismus und Ernst

Ich hab mich ja in vielen vorherigen Blogposts mit den Thematiken Femisnismus und Protestdesign auseinandergesetzt. Dieser Bereich liegt jetzt zwar nicht mehr so stark im Fokus, ist aber dennoch interessant für meine Recherche.

Reime haben in diesem Bereich natürlich auch eine lange Tradition durch Sprechchören/ chants und Plakate mit Slogans. Sie funktionieren so oft als niedrigschwellige, kollektive Sprache. Gleichzeitig bewegen sie sich oft auf der Grenze zwischen Witz und Ernst, was ich auch sehr interessant finde, wie findet man diese Grenze? können Reime politisch sein, ohne ihre Schärfe zu verlieren? Können sie komplexe Inhalte vermitteln, ohne sie zu verharmlosen? Und wie kann Gestaltung diese Spannung sichtbar machen?

Das Werkstück als Experiment

Was genau am Ende für ein Werkstück bei rumkommt steht noch etwas in den Sternen.  Denkbar sind zum Beispiel eine Poster-Serie, ein Booklet, eine Installation oder ein hybrides, auch analoges Format. Die finale Form soll sich aus den Forschungsergebnissen ergeben bzw eine Art Vergleich finde ich spannend.

MA: #6 Personas

Die Frage ist nicht: Was soll das Produkt können?
Sondern: Wann könnte es gebraucht werden?

Persona 1 – Anna, 46 Jahre, Tochter (Hinterbliebene)

Anna ist 46 Jahre alt, berufstätig und Mutter von zwei Kindern. Nach dem Tod ihres Vaters steht sie vor der Aufgabe, den Haushalt aufzulösen. Zwischen Dokumenten, Alltagsgegenständen und persönlichen Erinnerungsstücken fühlt sie sich schnell überfordert. Vieles scheint wichtig, nichts fühlt sich richtig an. Entscheidungen fallen schwer, weil sie sich endgültig anfühlen.

Die Erinnerungsbox begegnet Anna in einer Phase, in der sie Struktur braucht, ohne emotional überfordert zu werden. Sie nutzt die Box nicht, um alles zu sammeln, sondern um auszuwählen. Fotos, handgeschriebene Notizen und einzelne persönliche Gegenstände finden darin Platz. Die Box wird für sie zu einem ruhigen Ort, an dem Erinnerungen gesammelt werden dürfen, ohne sofort sortiert oder bewertet zu werden.

Wichtig ist für Anna, dass die Box keine feste Nutzung vorgibt. Sie öffnet sie unregelmäßig, manchmal monatelang gar nicht. Gerade diese Offenheit empfindet sie als entlastend. Die Box hilft ihr nicht, den Verlust zu verarbeiten – aber sie gibt ihr einen Ort, an dem Erinnerungen sicher aufgehoben sind.

Persona 2 – Elisabeth, 72 Jahre, vorsorgende Nutzerin

Elisabeth ist 72 Jahre alt und lebt allein. Sie ist gesund, aktiv und denkt zunehmend darüber nach, was von ihr bleiben soll. Erinnerungen sind für sie etwas Wertvolles, aber sie möchte ihnen nicht ständig begegnen. Viele persönliche Dinge liegen in Schubladen oder alten Kisten – nicht vergessen, aber bewusst nicht präsent.

Die Erinnerungsbox sieht Elisabeth als Möglichkeit, selbst Einfluss darauf zu nehmen, wie Erinnerungen später weitergegeben werden. Sie nutzt die Box vorsichtig und über längere Zeit. Ab und zu legt sie etwas hinein, manchmal nimmt sie Dinge wieder heraus. Für sie ist die Box kein Abschiedsobjekt, sondern ein stiller Begleiter, der Ordnung schafft, ohne etwas festzuschreiben.

Wichtig ist für Elisabeth, dass die Box zurückhaltend gestaltet ist. Sie möchte keine Symbolik, keine Erklärung, kein Pathos. Die Box darf altern, so wie sie selbst. Sie empfindet es als beruhigend, dass sie nicht alles auf einmal entscheiden muss.

Persona 3 – Karl, 68 Jahre, reflektierender Nutzer

Karl ist 68 Jahre alt und lebt mit einer chronischen Erkrankung. Sein Alltag ist ruhiger geworden, und mit der Zeit wächst auch die Auseinandersetzung mit Erinnerung und Vergänglichkeit. Bestimmte Gegenstände sind für ihn stark emotional besetzt, andere möchte er bewusst nicht weitergeben.

Für Karl ist die Erinnerungsbox ein ambivalentes Objekt. Sie bietet ihm die Möglichkeit, Dinge auszuwählen, gleichzeitig konfrontiert sie ihn mit Endlichkeit. Er nutzt die Box sehr selektiv. Nur wenige Gegenstände finden ihren Platz – dafür mit großer Bedeutung.

Karl schätzt an der Box, dass sie nichts verlangt. Er kann sie schließen, wenn es zu viel wird. Besonders wichtig ist für ihn die Möglichkeit, nichts erklären zu müssen. Die Box ist für ihn kein Kommunikationsmittel, sondern ein persönlicher Raum.

Persona 4 – Martina, 59 Jahre, organisierte Nutzerin

Martina ist 59 Jahre alt, berufstätig und sehr strukturiert. Sie plant voraus, ordnet Unterlagen und denkt pragmatisch über Vorsorge nach. Erinnerung ist für sie kein rein emotionales Thema, sondern auch eine organisatorische Aufgabe.

Die Erinnerungsbox nutzt Martina bewusst und systematisch. Sie sieht sie als Ergänzung zu bestehenden Ordnern und Ablagen – allerdings mit einer anderen Qualität. Während Dokumente funktional sortiert sind, bietet die Box Raum für persönliche Bedeutung.

Martina schätzt klare Module, Übersicht und Erweiterbarkeit. Für sie ist die Box ein Werkzeug, das Struktur schafft. Erst im Laufe der Nutzung bemerkt sie, dass genau diese Ordnung ihr erlaubt, sich emotional behutsam zu nähern, ohne überwältigt zu werden.

MA: #5 Interviews mit den Zielgruppen

INTERVIEWLEITFÄDEN – STRUKTURIERT NACH ROLLE & ZEITPUNKT

A) VOR dem Produkt – Nutzer:in (vorsorgend / reflektierend)

Einstieg

  1. Können Sie mir kurz erzählen, wie Sie aktuell mit persönlichen Erinnerungen umgehen?
  2. Welche Rolle spielen Gegenstände für Sie, wenn Sie an Ihre eigene Geschichte denken?

Erinnerung & Weitergabe

  1. Denken Sie manchmal darüber nach, was von Ihnen bleiben soll?
  2. Gibt es Dinge, die Sie bewusst weitergeben würden – oder eher nicht?
  3. Für wen wären diese Erinnerungen gedacht?

Gedankenexperiment „Erinnerungsbox“

  1. Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Box, in der Sie Erinnerungen für andere sammeln könnten.
    Wie fühlt sich dieser Gedanke für Sie an?
  2. Was würden Sie vermutlich in eine solche Box legen?
  3. Gibt es Dinge, die Sie bewusst nicht hineinlegen würden? Warum?

Haltung & Grenzen

  1. Was würde Sie motivieren, so eine Box zu nutzen?
  2. Was würde Sie eher davon abhalten?
  3. Wie offen oder abgeschlossen dürfte so ein Objekt für Sie sein?

Gestaltung (ohne Lösung vorzugeben)

  1. Wie sollte sich eine solche Box anfühlen?
  2. Sollte sie eher sichtbar sein oder bewusst im Hintergrund bleiben?
  3. Was wäre Ihnen bei der Gestaltung besonders wichtig?

B) VOR dem Produkt – Hinterbliebene

Einstieg

  1. Können Sie beschreiben, wie Sie den Umgang mit den Dingen der verstorbenen Person erlebt haben?
  2. Was war dabei besonders schwierig oder belastend?

Erinnerungen & Entscheidungen

  1. Gab es Gegenstände, bei denen Entscheidungen besonders schwerfielen?
  2. Was hat Ihnen geholfen, Dinge einzuordnen oder loszulassen?
  3. Gab es etwas, das Ihnen im Nachhinein gefehlt hat?

Gedankenexperiment „Erinnerungsbox“

  1. Hätte eine Erinnerungsbox Ihnen in dieser Situation helfen können?
  2. Was hätten Sie damals in eine solche Box gelegt?
  3. Wäre eine Box eher Entlastung oder zusätzliche Belastung gewesen?

Bedürfnisse & Grenzen

  1. Was hätte Ihnen Sicherheit gegeben?
  2. Was hätte Sie möglicherweise überfordert?
  3. Wie wichtig wäre es gewesen, selbst Tempo und Zeitpunkt zu bestimmen?

C) NACH dem Produkt – Nutzer:in

(vorsorgende oder organisierte Nutzung der Box)

Erster Eindruck

  1. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Erinnerungsbox gesehen haben?
  2. Wie leicht oder schwer fiel es Ihnen, sich ihr zu nähern?

Nutzung

  1. Wie haben Sie entschieden, was in die Box kommt?
  2. Gab es Dinge, die Sie bewusst herausgelassen haben?
  3. Haben Sie die Box eher einmalig oder über Zeit genutzt?

Gestaltung & Funktion

  1. Fühlt sich die Größe der Box für Sie passend an?
  2. Gibt es Elemente, die Sie nicht gebraucht haben?
  3. Gibt es etwas, das Sie vermissen?

Emotionale Wirkung

  1. Wie fühlt sich die Box für Sie heute an?
  2. Hat sich Ihr Blick auf Erinnerungen durch die Box verändert?

Weiterentwicklung

  1. Was würden Sie an der Box verändern?
  2. Für wen würden Sie sie weiterempfehlen – und für wen nicht?

D) NACH dem Produkt – Hinterbliebene

Einstieg

  1. In welcher Situation haben Sie die Erinnerungsbox genutzt?
  2. Was war Ihre erste Reaktion beim Öffnen der Box?

Befüllung & Auswahl

  1. Was haben Sie in die Box gelegt?
  2. Gab es Dinge, bei denen Sie gezögert haben?
  3. Fühlte sich die Box eher wie Hilfe oder wie Verantwortung an?

Gestaltung & Umgang

  1. War die Box für Sie verständlich in der Nutzung?
  2. Fühlte sie sich zu groß, zu klein oder passend an?
  3. Haben Material und Haptik eine Rolle gespielt?

Emotionale Wirkung

  1. Wie hat sich die Box emotional auf Sie ausgewirkt?
  2. Gab es Momente, in denen Sie sie bewusst nicht öffnen wollten?

Reflexion

  1. Hat die Box Ihnen geholfen, mit Erinnerung umzugehen?
  2. Was hätte sie besser machen können?
  3. Würden Sie sich wünschen, dass sich die Box über Zeit verändern darf?

MA: #4 Marktrecherche

Memory Boxes, Gedenkseiten, Erinnerungsbücher – der Markt ist nicht leer. In den letzten Jahren sind zahlreiche Produkte und Plattformen entstanden, die versprechen, Erinnerung festzuhalten und Trauer zu begleiten. Viele davon erfüllen eine wichtige Funktion. Sie geben Halt, Struktur und manchmal auch Trost. Und doch zeigen sich bei genauerem Hinsehen Schwächen, die vor allem dann sichtbar werden, wenn Erinnerung nicht als einmaliger Akt, sondern als langfristiger Prozess verstanden wird.

Physische Erinnerungsboxen sind oft der erste Impuls. Sie sammeln Dinge: Fotos, Briefe, kleine Objekte. Alles bekommt einen Platz. Doch genau darin liegt auch ihre Begrenzung. Häufig sind diese Boxen statisch gedacht. Einmal gefüllt, werden sie geschlossen. Die Erinnerung wird archiviert, nicht begleitet. Das Objekt signalisiert Abschluss – auch wenn dieser emotional noch lange nicht erreicht ist.

Digitale Gedenkseiten verfolgen einen anderen Ansatz. Sie sind dynamisch, erweiterbar und jederzeit zugänglich. Fotos können hochgeladen, Texte ergänzt, Erinnerungen geteilt werden. Sie ermöglichen Austausch und Gemeinschaft. Gleichzeitig bleiben sie körperlos. Die Erinnerung findet hinter dem Bildschirm statt, eingebettet in Interfaces, die oft von anderen Inhalten überlagert werden. Trauer teilt sich den Raum mit Alltag, Werbung und Benachrichtigungen.

Was beiden Formen häufig fehlt, ist die Verbindung von Zeit, Körper und Handlung. Erinnerung braucht nicht nur einen Ort, sondern auch eine Geste. Etwas, das bewusst passiert. Ein Öffnen, ein Herausnehmen, ein Innehalten. Etwas, das nicht ständig präsent ist, sondern gezielt aufgesucht wird.

Diese Arbeit versucht, genau diese Lücke zu schließen. Nicht durch ein weiteres Produkt, das Erinnerung fixiert, sondern durch ein Objekt, das sich entwickeln darf. Ein Objekt, das verändert werden kann – mit der Zeit, mit der Trauer, mit den Menschen, die es benutzen. Es ist weder abgeschlossen noch endgültig. Es ist offen.

Statt Erinnerung zu ordnen, soll sie begleitet werden. Statt Inhalte vorzugeben, werden Räume angeboten. Physische Elemente stehen gleichberechtigt neben digitalen Inhalten. Beides darf existieren, ohne sich gegenseitig zu verdrängen. Die Erinnerung bleibt greifbar, ohne starr zu werden.

Ein solches Objekt versteht sich nicht als Lösung, sondern als Angebot. Es zwingt zu nichts. Es wartet. Und genau darin liegt seine Stärke. Denn Trauer ist nicht planbar. Sie kommt in Wellen, verändert ihre Form und verschwindet nie ganz. Ein Erinnerungsobjekt muss das aushalten können.

MA: #3 Gutes Design – Ansätze von Don Norman im Bezug zum praktischen Teil

Trauer zu gestalten ist heikel. Zu schnell wirkt etwas kitschig, zu schnell zu kühl. Design bewegt sich hier auf einem schmalen Grat zwischen Funktion und Emotion. Jede Form, jede Farbe, jedes Material sendet eine Botschaft – und genau darin liegt die Herausforderung. Was für die eine Person tröstlich ist, kann für eine andere distanziert oder sogar verletzend wirken.

In Gesprächen mit Trauerbegleiter:innen und Betroffenen wurde schnell deutlich: Es gibt kein „richtiges“ Trauern. Manche Menschen suchen Nähe, andere Abstand. Manche möchten erinnern, andere vergessen – zumindest zeitweise. Trauer verläuft nicht linear, sie lässt sich nicht planen und schon gar nicht standardisieren. Genau deshalb muss ein Produkt in diesem Kontext offen bleiben. Es darf nichts verlangen. Es darf keine Erwartungen formulieren. Es sollte nicht erklären, wie man sich fühlen sollte.

Gestaltung kann hier nur anbieten, nicht führen. Ein Objekt in der Trauerarbeit muss aushalten, dass es vielleicht lange nicht benutzt wird. Oder dass es plötzlich, nach Jahren, wieder Bedeutung bekommt. Es muss sowohl Anwesenheit als auch Abwesenheit respektieren. Diese Offenheit ist keine Schwäche, sondern eine bewusste Haltung.

Gutes Design in der Trauerarbeit zeichnet sich daher weniger durch starke, expressive Formen aus, sondern durch Zurückhaltung. Materialien, die altern dürfen und Gebrauchsspuren annehmen. Oberflächen, die nicht perfekt bleiben müssen. Farben, die nicht dominieren, sondern begleiten. Eine Gestaltung, die nicht im Mittelpunkt steht, sondern Raum lässt – für Erinnerungen, für Gefühle, für Stille.

Auch Funktionen sollten nicht erklärt werden müssen. Je mehr ein Objekt „bedient“ werden will, desto mehr kann es überfordern. Gerade in emotionalen Ausnahmesituationen ist Einfachheit entscheidend. Eine Handlung sollte intuitiv sein, fast selbstverständlich. Öffnen, schließen, berühren. Keine Anleitung, keine richtige Reihenfolge.

Das Ziel ist dabei nicht, Gefühle zu erzeugen oder Emotionen zu verstärken. Design ist kein Ersatz für Trauer, kein Trostversprechen. Vielmehr geht es darum, Gefühle zuzulassen. Einen Rahmen zu schaffen, in dem Trauer stattfinden darf – ohne bewertet zu werden. Ohne zeitlichen Druck. Ohne Ziel.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Dass gutes Design in der Trauer nicht sichtbar sein will. Es drängt sich nicht auf. Es ist da, wenn man es braucht. Und es tritt zurück, wenn man es nicht braucht. Gerade dadurch kann es Halt geben – leise, respektvoll und menschlich.