#1: Review: „Augmented Reality im Bilderbuch”

(Nachdem ich diesen Blogpost hier nie veröffentlicht habe und ihn damals nur auf Moodle hochgeladen habe, hol ich dies endlich mal nach!)

Im Rahmen des Unterrichtsfachs „Proseminar Master Thesis“ habe ich mich intensiv mit der Masterarbeit „Augmented Reality im Bilderbuch“ von Yasmin Janschitz aus dem Jahr 2020 auseinandergesetzt. Die Arbeit widmet sich der zentralen Frage, welches gestalterische und narrative Potenzial sich aus der Verknüpfung von Augmented Reality als digitalem Erweiterungsmedium und dem klassischen Bilderbuch als analogem Träger für die Leserinnen und Leser ergibt. Ich habe dieses spezifische Werk für meine Analyse gewählt, weil es sich exakt an einer Schnittstelle bewegt, die im Kontext des Media Designs immer wieder eine tragende Rolle einnimmt. Es geht um das Spannungsfeld zwischen technologischer Innovation, visueller Gestaltung und dem klassischen narrativen Medium. Gerade solche hybriden Formate wirken auf den ersten Blick ungemein innovativ und zeitgemäß. Aus diesem Grund hat mich interessiert, wie dieses kreative und technische Potenzial wissenschaftlich aufgearbeitet und methodisch durchleuchtet wurde.

Der Aufbau der untersuchten Arbeit folgt einer klassischen, sehr geradlinigen Struktur. Nach einer einleitenden theoretischen Einführung in das Thema der Augmented Reality werden die historischen Meilensteine dieser Technologie sowie aktuelle Anwendungsfelder in der Medienlandschaft skizziert. Darauf aufbauend folgt schließlich der praktische Teil, welcher das Herzstück der Arbeit bildet. Dieser besteht aus der Konzeption, der gestalterischen Ausarbeitung und der technischen Umsetzung eines illustrierten Kinderbuchs, das über eine eigens programmierte Applikation im dreidimensionalen Raum erweitert werden kann. Dieses physische Buch stellt gemeinsam mit den digitalen Inhalten das zentrale Artefakt der Arbeit dar.

Die Dokumentation des Artefakts und das gestalterische Niveau

Die Dokumentation dieses praktischen Werkstücks ist der Verfasserin grundsätzlich gut gelungen und bleibt in den einzelnen Produktionsschritten nachvollziehbar. Das Buchdesign, die iterative Charakterentwicklung der Figuren sowie die technische Funktionsweise der digitalen AR-Erweiterungen werden sowohl visuell durch Abbildungen als auch beschreibend im Fließtext dargestellt. Die verwendeten Software-Werkzeuge und Entwicklungsumgebungen werden lückenlos benannt, wodurch der gesamte Produktionsprozess transparent bleibt. Besonders positiv sticht dabei der ästhetische und gestalterische Gesamteindruck des fertigen Endprodukts hervor. Das Layout, die gewählten Illustrationen und die Ausarbeitung der Charaktere wirken aus gestalterischer Sicht konsistent und handwerklich professionell umgesetzt. Als Mediendesignerin erkennt man hier sofort, dass ein hohes Maß an visuellem Know-how und illustratorischem Talent vorhanden war.

Gleichzeitig offenbart sich genau an dieser Stelle ein zentrales Problem, das für mein eigenes Verständnis von wissenschaftlicher Praxis extrem lehrreich ist. Die Dokumentation der Arbeit verbleibt über weite Strecken auf einer rein beschreibenden Ebene. Die Autorin stellt zwar sehr detailliert dar, was sie wie umgesetzt hat, sie versäumt es jedoch, diese gestalterischen Entscheidungen analytisch zu hinterfragen. Es fehlt eine tiefergehende Reflexion darüber, warum bestimmte visuelle und technische Parameter im Hinblick auf die Forschungsfrage gewählt wurden. Dadurch entsteht beim Lesen unweigerlich der Eindruck, dass das gesamte Projekt eher als eine reine Demonstration technischer Möglichkeiten fungiert. Es wird leider versäumt, das Artefakt gezielt als eigenständiges Erkenntnisinstrument in der Forschung einzusetzen.

Theorie und praktische Umsetzung

Wenn man das Verhältnis zwischen dem theoretischen Fundament und der praktischen Umsetzung genauer betrachtet, setzt sich das Defizit fort. Der theoretische Teil der Arbeit bietet zwar einen soliden und breiten Überblick über den aktuellen Stand der AR-Technologie und zeigt logische Einsatzfelder auf, was jedoch gänzlich fehlt, ist eine tiefe theoretische Was jedoch fehlt, ist eine klare theoretische Fundierung im Sinne konkreter Modelle oder wissenschaftlicher Konzepte, die als analytisches Werkzeug dienen könnten. Begriffe werden eingeführt, aber nicht systematisch weitergedacht. Die Folge ist eine nur lose Verbindung zwischen theoretischem Rahmen und praktischer Umsetzung. Die relevanten Begrifflichkeiten werden zwar sauber eingeführt, im weiteren Verlauf der Arbeit jedoch nicht systematisch weitergedacht oder miteinander verknüpft. Die logische Konsequenz daraus ist eine spürbar lose Verbindung zwischen dem theoretischen Rahmen und der praktischen Umsetzung. Das handwerklich starke Artefakt steht gewissermaßen isoliert neben dem theoretischen Textblock, anstatt direkt aus den theoretischen Erkenntnissen heraus entwickelt und argumentativ rückgebunden zu werden. Die technische und gestalterische Qualität des AR-Bilderbuchs ist in jeder Abbildung sichtbar, aber die tiefere wissenschaftliche Einbettung bleibt an der Oberfläche.

Bewertung anhand der CMS-Kriterien

Betrachtet man die Masterarbeit durch die Brille der Qualitätskriterien für den Studiengang Communication, Media, Sound and Interaction Design, zeigt sich für mich ein deutliches Ungleichgewicht. Der praktische Teil erfüllt gestalterisch ohne Zweifel ein professionelles Niveau, das den Ansprüchen der Branche gerecht wird. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn bleibt hingegen limitiert, da die Forschungsfrage in der schriftlichen Ausarbeitung nicht mit der notwendigen akademischen Tiefe analysiert wird.

Die Eigenständigkeit und der kreative Aufwand der praktischen Umsetzung sind zu jedem Zeitpunkt erkennbar und verdienen Lob. Der theoretische Textteil hingegen verharre ich in einer rein deskriptiven Haltung und verzichtet fast vollständig auf Analysen oder kritische Diskussionen. Zwar sind Aufbau und Struktur klar und übersichtlich gegliedert, was die Lesbarkeit und den Lesefluss enorm unterstützt, aber gleichzeitig wirkt die Argumentation an vielen Schlüsselstellen zu stark reduziert, um die tatsächliche Komplexität der Verknüpfung von analogen und digitalen Medienwelten adäquat abzubilden.

Auch beim formalen Umfang zeigt sich eine deutliche Abweichung zwischen der reinen Textmenge und der inhaltlichen, wissenschaftlichen Tiefe. Empirische Erhebungen, wie beispielsweise ein fundierter Nutzertest mit Kindern, oder systematische, kriteriengeleitete Analysen fehlen. Dadurch werden zentrale Behauptungen über den Mehrwert des Buches nicht empirisch oder theoretisch abgesichert. Ein Blick auf das Literaturverzeichnis bestätigt dieses Bild. Die Literaturbasis stützt sich überwiegend auf Onlinequellen, Blogbeiträge und simple Praxisbeispiele. Hochwertige, wissenschaftliche Fachliteratur oder aktuelle Papers aus dem Bereich der Medienwissenschaften wurden nur sehr eingeschränkt einbezogen, was die theoretische Fundierung zusätzlich schwächt.

Gesamtfazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich um eine Abschlussarbeit mit einem klaren gestalterischen Schwerpunkt und einem qualitativ absolut überzeugenden Werkstück handelt. Das physische Buch und die App-Erweiterung sind professionell produziert und demonstrieren ein hohes technisches sowie illustratives Können der Verfasserin. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung bleibt jedoch leider hinter dem eigentlichen Potenzial der spannenden Fragestellung zurück. Gerade bei einem Thema, das die komplexe Wechselwirkung von analogen und digitalen Medien untersucht, wäre eine intensivere theoretische Durchdringung zwingend erforderlich gewesen, um den Text über eine rein beschreibende Ebene hinauszuheben.

© Media Design

IMPULS #8: „A History of Contemporary Stage Combat, 1969 – Today“

Der Theoretische Teil meiner Masterarbeit beinhaltet eine Auseinandersetzung mit der Historie des inszenierten Kampfes. Auf der Suche nach Literatur, die den Bogen von den Anfängen der Kampfchoreografie bis zur Gegenwart spannt, wurde mir bei dem Vortrag von Franzy Deutscher das Buch „A History of Contemporary Stage Combat, 1969 – Today“ von Brian LeTraunik empfohlen. Da meine Forschungsfragen mitunter die typischen Gestaltungsentscheidungen in bewaffneten Duellszenen untersuchen, bietet dieses Buch eine essenzielle historische und strukturelle Grundlage für meine analytische Arbeit.

Die Institutionalisierung der Kampfkunst für die Kamera

Brian LeTraunik dokumentiert in seinem Werk detailliert die Entwicklung des zeitgenössischen Bühnen- und Filmkampfes ab dem Jahr 1969. Dies war das Gründungsjahr der Society of American Fight Directors (SAFD). Er beschreibt, wie sich der inszenierte Kampf von einer oft improvisierten, riskanten Nebensächlichkeit am Set zu einer hochspezialisierten, akademisierten Disziplin gewandelt hat. Für mein theoretisches Kapitel ist diese historische Einordnung von nicht zu unterschätzender Bedeutung, denn sie zeigt auf, dass die Lesbarkeit einer Kampfhandlung das Resultat einer jahrzehntelangen Standardisierung von Sicherheits- und Ästhetikregeln ist.

Besonders spannend für mein Forschungsinteresse ist LeTrauniks Analyse der sich verändernden Erwartungshaltungen des Publikums. Während in den klassischen Mantel-und-Degen-Filmen der Fokus auf eleganten, weiten Choreografien lag, verlangte das Kino ab den späten 1960er Jahren eine neue Form von visuellem Realismus und Härte. Das Buch verdeutlicht, dass diese gesteigerte Intensität auf der Leinwand eine direkte Auswirkung auf die Kameraarbeit und die Schnittfrequenz hatte. Die Choreografien mussten enger mit den Einstellungsgrößen abgestimmt werden, um die beabsichtigte emotionale Wirkung und Dynamik zu erzielen.

Sinnhaftigkeit für die Forschungsfragen und das Werkstück

Das Werk liefert mir konkrete Argumentationsketten für die Beantwortung meiner zentralen Fragestellung, wie Kamera und Schnitt die Wahrnehmung von Duellszenen steuern. LeTraunik betont, dass ein gelungener Kampf auf der Leinwand immer eine Erweiterung des narrativen Skripts sein muss. Er darf kein reines Spektakel ohne erzählerischen Mehrwert darstellen. Diese Aussage stützt meine Hypothese, wonach technische Entscheidungen im Editing wie Einstellungsgrößen, Blickachsen und Schnittrhythmen maßgeblich darüber entscheiden, ob Statuswechsel und Charakterentwicklungen “im Eifer des Gefechts” für das Publikum überhaupt erkennbar bleiben.

Für die praktische Umsetzung meines Werkstücks, der eigenen filmischen Duellsequenz, ziehe ich aus LeTrauniks Ausführungen den Schluss, dass die visuelle Klarheit der Bewegungen oberste Priorität haben muss. Diese visuelle Kohärenz entsteht, wenn die Kamera die im Raum stattfindende Dynamik respektiert und das Editing die erzählerischen Wendepunkte präzise herausarbeitet.

Somit lässt sich sagen, dass LeTrauniks Werk ein wichtiges Fundament für mein Literaturverzeichnis bilden wird.