#3: Grenzen der visuellen Lesbarkeit: Chaos Cinema und der Abbruch der bewussten Verarbeitung

Die Suche nach der passenden Fachliteratur für das wahrnehmungspsychologische Kapitel meiner Masterarbeit erwies sich, wie schon beim vorherigen Blogpost erwähnt, als ein Prozess, der mir viel Kopfzerbrechen bereitete. Im vorherigen Post ging es um das Thema, wie Schnitte durch Bewegung und kognitiven Fokussierung innerhalb des Films für den Zuseher unsichtbar werden, jedoch stellte sich beim Lesen daraufhin ebenso die Frage, ab wann diese Fokusierung auf Bewegung zu viel wird. Wann kommt der Punkt, an dem der Zuseher nicht nur den Schnitt nicht bemerkt, sondern die Orientierung oder die Verfolgbarkeit verliert? Die medienwissenschaftliche Forschung bietet hierzu zwei Ansätze, die den Übergang von der gestalterischen Ausnahmesituation zur biologisch messbaren Grenze unseres Gehirns perfekt beschreiben. Es handelt sich um das medienästhetische Konzept des „Chaos Cinema“ sowie um eine neurosensorische Studie zum Abbruch der bewussten Verarbeitung.

Das “Chaos Cinema”

Unter dem Begriff “Chaos Cinema” wird in der zeitgenössischen Filmwissenschaft die Entwicklung des modernen Actionkinos seit den frühen 2000er Jahren diskutiert. Dieser durch den Filmtheoretiker Matthias Stork geprägte Begriff beschreibt eine Inszenierungsweise, die durch extrem kurze Einstellungslängen, permanente Kamerabewegungen und eine bewusste Fragmentierung des physischen Raumes gekennzeichnet ist. Das erklärte Ziel dieser Montageform ist die Erzeugung einer maximalen, rein affektiven Intensität und die Zuschauenden sollen die kinetische Energie der Bewegung unmittelbar und ungefiltert spüren. Aus wahrnehmungspsychologischer Sicht operiert diese Form des zeitgenössischen Filmemachens jedoch permanent an der Grenze zur sensorischen Überforderung. Wenn die visuelle Gestaltung sich ausschließlich auf die Erhöhung des Spektakels fokussiert, droht die Sequenz ihre fundamentale erzählerische Funktion zu verlieren. Das menschliche visuelle System besitzt eine biologisch limitierte Verarbeitungsgeschwindigkeit für die Erfassung von Raum-Zeit-Kontinuitäten. Damit das Gehirn einer Bewegung im Raum folgen kann, muss es in der Lage sein, die Flugbahn eines Objekts über Schnitte hinweg logisch zu extrapolieren. Wird dieser Prozess durch eine zu hohe Schnittdichte permanent unterbrochen, kollabiert das räumliche Bewusstsein des Publikums. Die Zuschauenden verlieren den Überblick, wodurch die Handlungen der Figuren unlesbar werden.

“Chaos Cinema” Part 1
“Chaos Cinema” Part 2

Der neurobiologische Beweis für den Abbruch der bewussten Verarbeitung

Dass diese Überforderung keine rein subjektive Empfindung ist, sondern sich neurophysiologisch exakt nachweisen lässt, beweist die empirische Arbeit von Celia Andreu-Sánchez und ihrem Forschungsteam aus dem Jahr 2018. In ihrer Studie „Chaotic and fast audiovisuals increase attentional scope but decrease conscious processing“ untersuchten die Forschenden mittels EEG-Messungen die Gehirnaktivität von Probanden bei der Konfrontation mit unterschiedlichen Montagegeschwindigkeiten. Dafür wurden zwei Versionen eines Videos mit exakt identischem Inhalt, aber unterschiedlicher durchschnittlicher Einstellungslänge (Average Shot Length, kurz ASL) produziert. Die langsame Version wies eine ASL von 5,9 Sekunden auf, während die schnelle Fassung eine ASL von 2,4 Sekunden besaß.

Die Ergebnisse dieser neurophysiologischen Untersuchung geben Einblicke in das Verständnis von visueller Lesbarkeit. Die EEG-Daten zeigten bei der schnellen Schnittfassung eine massive Aktivierung in den okzipitalen Gehirnarealen, die für die basale visuelle Verarbeitung zuständig sind. Die ständigen Bildwechsel und die damit verbundenen visuellen Reize (Transienten) zwingen das Auge zu permanenten, unkoordinierten Suchbewegungen, wodurch die unbewusste Aufmerksamkeitsspanne rein physiologisch maximiert wird.

Gleichzeitig blockiert diese Flut an Reizen jedoch die tiefergehende kognitive Arbeit, denn Messungen in den frontalen und zentralen Hirnregionen bewiesen, dass bei der schnellen Schnittfrequenz die bewusste, semantische Informationsverarbeitung im Gehirn drastisch absinkt. Da das menschliche Auge physikalisch bereits etwa 200 bis 300 Millisekunden benötigt, um eine gerichtete Sakkade zu einem neuen Fokusobjekt auszuführen, verbleibt dem Arbeitsgedächtnis bei einer ASL von unter zwei Sekunden schlicht keine Zeit mehr für die inhaltliche und dramaturgische Einordnung des Gezeigten.

Das Umschalten in den reaktiven Wahrnehmungsmodus

Diese messbare Abweichung zwischen visueller Aktivierung und kognitiver Blockade definiert den exakten Kipppunkt der visuellen Wahrnehmung, der sich über die kognitive Belastungstheorie (Cognitive Load Theory) von John Sweller theoretisch begründen lässt. Da das menschliche Auge, wie zuvor erwähnt, für die Ausführung einer gerichteten Sakkade zu einem neuen Fokusobjekt bereits eine physische Zeitspanne von 200 bis 300 Millisekunden benötigt, bricht das System bei einer dauerhaften ASL von unter zwei Sekunden zusammen. Das Arbeitsgedächtnis wird mit einer Flut unzusammenhängender Daten überschwemmt, für deren semantische Einordnung schlicht keine kognitiven Ressourcen mehr zur Verfügung stehen. Das Gehirn schaltet in einen rein reaktiven Schutzmodus um, um eine sensorische Überlastung zu verhindern.

Für das visuelle Storytelling in komplexen Bewegungsszenen hat dieser Moduswechsel radikale Konsequenzen. Das Publikum ist in dieser Phase zwar empfänglich für die kinetische Energie auf der Leinwand, kann jedoch den gezeigten Handlungen nicht mehr logisch folgen. So können subtile Statuswechsel oder unmittelbare Konsequenzen einer physischen Aktion vom Gehirn nicht mehr verarbeitet werden.

Bibliografie

*Zuhilfenahme von Gemini: Die KI wurde zur Übersetzung, Korrektur und Formulierungshilfe von Texten verwendet. Alle Inhalte wurden anschließend eigenständig ausgewertet, überarbeitet und in den hier präsentierten Blog integriert.

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