IMPULS #7: Ungeskripteter Realismus in den Videos von Dequitem

Bei meiner Recherche nach Filmempfehlungen und neuen Ansätzen für die visuelle Gestaltung von Duellszenen stößt man unweigerlich auf das Phänomen der Überstilisierung. Als absoluten Gegenentwurf dazu fand ich vor wenigen Monaten den YouTube-Kanal von Dequitem, hinter dem der deutsche HEMA-Praktizierende Lennard Dewitz steht. Sein Motto, “You will fight the way you train, so train the way you want to fight”, überträgt er konsequent auf seine Kurzfilme. Im Kontext meiner Masterarbeit bietet sein Schaffen einen extrem interessanten Impuls, da er vollständig auf Choreografien verzichtet und stattdessen echte Sparringskämpfe in voller Rüstung, mit historischer Technik und maximaler Geschwindigkeit filmisch inszeniert.

Das Besondere an Kurzfilmen wie „Knight’s Honor“ oder „The Red Knight“ ist die fundamentale Abwesenheit eines Skripts für den eigentlichen Kampf. Die Kontrahenten versuchen hierbei, mit historisch belegten Techniken Wirkungstreffer zu erzielen und diese vor der Kamera so realitisch wie nur möglich wirken zu lassen und ohne die Person dahinter tatsächlich (schwer) zu verletzen. Für das Publikum hat das einen psychologischen Effekt, der sich sehr von Hollywood-Produktionen unterscheidet. Es entsteht eine authentische Spannung, weil die physische Erschöpfung, das echte Timing und die Wucht der Einschläge ungefiltert spürbar sind. Jede Parade und jeder Ausfall ist eine unmittelbare Reaktion in Echtzeit.

Diese Unvorhersehbarkeit stellt die Kameraarbeit vor extreme Herausforderungen, da Lennard Dewitz als Regisseur, Kameramann und Editor in Personalunion agiert. Bei der Analyse der Kurzfilme fällt auf, dass er oft mit einer dynamischen, leicht distanzierten Kameraführung arbeitet, um die Akteure ganzheitlich im Bild zu behalten. Die Einstellungsgrößen wechseln klug zwischen Halbtotalen, welche die Schrittarbeit und Raumaufteilung sichtbar machen, und schnellen Close-ups, die das Aufeinandertreffen der Waffen betonen. Die durchschnittliche Einstellungslänge ist im Vergleich zu typischen Actionszenen in Filmen, sehr lang gewählt, um die Kontinuität des realen Kampfes nicht durch hektische Schnitte zu verfälschen. Auf Effekte wie beispielsweise Speed-Ramps wird zur Gänze verzichtet.

Verletzungsrisiko und der Transfer in mein Werkstück

In einem seiner Videos gibt Lennard Dewitz Einblicke in seine Arbeit und geht dabei sehr offen auf die Produktionsbedingungen und das nicht zu unterschätzende Verletzungsrisiko ein. Wenn mit voller Kraft und ohne Absprache agiert wird, schützen selbst ein historischer Vollplattenharnisch und stumpfe Waffen nicht vor Prellungen oder technischem Materialversagen. Dieses Risiko schwingt in stets in den Filmen mit und verstärkt die Immersion des Zuschauers. Für mein eigenes Werkstück kann und werde ich dieses Konzept des ungeskripteten Kampfes natürlich aus Sicherheits- und Planungsgründen nicht übernehmen und meine Darstellenden werden mit einer festgelegten Choreografie arbeiten.

Der entscheidende Impuls für meine Arbeit liegt jedoch im Bereich des Editing-Rhythmus. Dequitems Arbeiten zeigen, dass “echte”, ungescriptete Kämpfe von plötzlichen Rhythmuswechseln, Momenten des Belauerns und explosiven Ausbrüchen geprägt sind. Hollywood neigt dazu, Kampfszenen durch eine künstlich hohe, gleichmäßige Schnittfrequenz zu rhythmisieren, was Einfluss auf die Immersion und den Realismus der Szene hat. Ich möchte für meinen Kurzfilm versuchen, diese visuelle Ehrlichkeit von Dequitems Schnitten zu adaptieren und in meine Arbeit einfließen lassen. Das bedeutet, dass ich in der Postproduktion längere Einstellungen stehen lassen werde, um die physische Leistung der Akteure und die genuine Dynamik des Duells für das Publikum lesbar zu machen, ohne dabei der Szene die Spannung zu nehmen.

IMPULS #6: Das Bühnenfecht-Seminar mit Peter Zillinger

Die Frage nach dem optimalen Verhältnis zwischen historischer Akkuratesse und visuellem Spektakel ist ein zentraler Pfeiler meiner Forschungsarbeit, der mich, je mehr ich mich mit der Thematik befasse, immer mehr in Detailfragen untergehen lässt, weshalb mir das Seminar für Bühnenfechten1 mit Peter Zillinger bei INDES Graz die Gelegenheit bot, die praktische Vermittlung von Kampfchoreografien genauer zu untersuchen und mehr darüber zu lernen. Da mein Werkstück bekanntlich eine Brücke zwischen Bewegungspraxis und Montage schlagen soll, ging ich mit spezifischen filmtheoretischen Fragestellungen in dieses Wochenende, in der Hoffnung weitere Antworten zu finden.

Der zweitägige Workshop erwies sich als eine spannende Erfahrung, die für den Fortgang meiner Masterarbeit jedoch eine andere Relevanz einnahm als ursprünglich angenommen. Durch meine beinahe zehnjährige Erfahrung im LARP-Bereich sowie meiner weit fortgeschrittenen Erfahrung im historischen Fechten, brachte ich bereits ein fundiertes Vorwissen in den Bereichen Schauspiel, Waffenkunde und Waffenhandhabung mit. Viele der grundlegenden Konzepte zur Körperbeherrschung und Distanzlehre waren mir daher bereits vertraut.
Einzige Ausnahme stellte das korrekte Handling eines Smallswords dar, mit welchem ich bis zu dem Tag noch keinerlei Erfahrung hatte.

Ein wesentlicherer Punkt für die Einordnung des Gelernten war der starke Fokus auf das Theater und die klassische Bühne. Die Gesetzmäßigkeiten des Raumes unterscheiden sich hier fundamental vom Medium Film. Auf der Theaterbühne müssen Bewegungen permanent für das gesamte Publikum vergrößert werden, da es keine dynamische Kamera gibt, die den Bildausschnitt verändern kann. Für mein primäres Forschungsfeld, das visuelle Storytelling durch Kamera und Schnitt, boten die rein theaterfokussierten Übungen daher weniger brauchbare neue Erkenntnisse.

Trotz des Fokus auf das Theater bot das Seminar wertvolle methodische Ansätze. Peter Zillinger vermittelte ein Set an Übungen, das als strukturierter Werkzeugkasten für Personen verstanden werden kann, die noch keine Berührungspunkte mit dem historischen Fechten hatten. Es wurde unter anderem vermittelt, wie Stiche sicher für die Bühne praktiziert werden, Häue überzeugend dargestellt werden (sowohl die Aktion, als auch die Reaktion dessen) und wie ein kleines 3-minütiges Stück aufgebaut werden kann. Für Stuntchoreografen oder Trainer ist dieses Wissen bestimmt essenziell, um unerfahrenen Darstellenden innerhalb kurzer Zeit die nötige Glaubwürdigkeit ihrer Aktionen auf der Bühne zu verleihen.

Ein persönliches Highlight und direkter Gewinn für meine theoretische Arbeit war ein intensiver Austausch mit Peter Zillinger abseits der praktischen Übungen. Er gab mir die Filmempfehlung „Die drei Musketiere“ aus dem Jahr 1973 mit auf den Weg. Dieser Film legte einst den Grundstein für seine eigene Begeisterung für das Bühnenfechten. Für meine Masterarbeit ist dieser Hinweis ein wertvoller Fund und ich habe diesen Klassiker in meine Liste der potenziellen Fallbeispiele aufgenommen, um die dortigen Duellszenen meinen Shot-by-Shot-Analyse zu unterziehen. Die Fechtszenen dieses Films gelten als wegweisend für die damalige Zeit und bieten hervorragendes Material, um den historischen Wandel von Kamera- und Schnittmustern im Film zu untersuchen.

Zusammenfassend hat mir das Seminar nochmals mehr verdeutlicht, dass die Abstraktion für die Bühne eine anderen Aufbau verlangt als die Inszenierung für die Kamera und trotz der anfänglichen Ernüchterung während dieses Workshop-Wochenendes konnte ich doch Nutzen für meine Arbeit ziehen.

  1. Link zur Ausschreibung des Bühnenfecht-Seminars von Peter Zillinger ↩︎

IMPULS #5: Gewaltdarstellung und Bühne – Ein Vortrag von Franzy Deutscher

Der Kontrast zwischen historisch akkuraten Kampftechniken und der Notwendigkeit einer bühnenwirksamen Inszenierung begleitet mich seit dem Beginn meiner Recherche. Ein besonderer Glücksfall für meine Masterarbeit war daher der Vortrag auf dem Swordtrip Gatherings, bei dem die Stuntfrau und Fight Directorin Franzy Deutscher1 einen Vortrag zum Thema Gewaltdarstellung und Bühne2 hielt. Da sich ein Teil meiner Arbeit intensiv mit der visuellen Lesbarkeit von Duellszenen beschäftigt, bot dieser Vortrag eine perfekte Brücke zwischen der physischen Performance vor der Kamera und der anschließenden gestalterischen Verarbeitung im Schnitt.

Franzy Deutscher beleuchtete in ihrem Vortrag primär die Mechanismen, wie Gewalt auf der Bühne und im Film so transportiert werden kann, dass sie für das Publikum glaubwürdig wirkt, ohne die Sicherheit der Beteiligten zu gefährden. Für meine eigene Fragestellung war vor allem ein Aspekt relevant, nämlich die bewusste Vergrößerung und Verlangsamung von Bewegungen, um dem Auge des Zuschauers die Möglichkeit zur Orientierung zu geben. Im historischen Fechten sind die Bewegungen oftmals minimal, hocheffizient und für das ungeschulte Auge kaum wahrnehmbar. Auf der Leinwand würde diese Akkuratesse ohne visuelle Unterstützung jedoch schnell zu einer Überforderung des Publikums führen.

Die Referentin erklärte ebenso, dass eine Kampfhandlung im Film eine klare Geschichte erzählen muss. Jeder Hieb und jede Parade repräsentiert eine Entscheidung der Figur. Wenn die Kamera diese Details durch eine unruhige Führung oder eine zu hohe Schnittfrequenz fragmentiert, geht die erzählerische Funktion komplett verloren. Der Vortrag bestätigte meine Hypothese, dass die Verständlichkeit einer Szene maßgeblich von der Kooperation zwischen der Choreografie und den technischen Einstellungsgrößen abhängt. Eine weite Einstellung erlaubt es dem Publikum, die Beinarbeit und die Distanz der Kontrahenten zu erfassen, während das Close-up die emotionale Konsequenz im Gesicht der Figuren einfängt.

Abschließend konnte ich dank des Vortrages mein Literaturverzeichnis noch um einige Werke erweitern, die mir bei meiner bisherigen Recherche noch fehlten, aber eine wichtige Lücke meines Theorieteils damit gut füllen konnten.

Für das Werkstück meiner Masterarbeit, den geplanten Kurzfilm bzw. die geplante Duellszene, konnte ich aus dem Vortrag konkrete Leitlinien mitnehmen. Franzy Deutscher betonte, dass die physische Achse zwischen den Schauspielenden exakt auf die Kameraposition abgestimmt sein muss. Nur so lassen sich Trefferabsichten und optische Täuschungen, wie das Vorbeischlagen am Kopf, glaubwürdig abbilden.

Zusammenfassend hat mir der Vortrag gezeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen Fight Direction und Kameraarbeit bereits in der Preproduction beginnen muss. Ein stimmiges Gesamtbild entsteht erst, wenn die gestalterischen Entscheidungen im Editing die physischen Gesetzmäßigkeiten des Bühnenkampfes respektieren und gezielt verstärken.

  1. Franzy Deutscher – Biografie ↩︎
  2. Swordtrip Gathering Workshop – Gewaltdarstellung und Bühne ↩︎