Nachdem ich in den vorangegangenen Beiträgen die zeitlich-rhythmischen Variablen und die Belastungsgrenzen des Arbeitsgedächtnisses analysiert habe, rückt nun die visuelle Kontinuität des Einzelbildes in den Fokus. Wenn das Auge nach jedem Schnitt wertvolle Frames damit verbringt, das neue Handlungszentrum auf der Leinwand zu suchen, bricht die Immersion ab und die narrative Lesbarkeit der Kampfchoreografie kollabiert. Eine für dieses Problem hilfreiche handwerkliche Lösung liegt im Konzept des Eye Tracing. Die handwerkliche Lösung dieses Problems liegt in der bewussten Steuerung der Aufmerksamkeitslenkung, die sich theoretisch in der Schnittmenge aus der strukturgeometrischen Augenspur nach Hans Beller, Steven D. Katz’ Vektorentheorie und Walter Murchs Konzept des Eye Tracing verorten lässt.
Hans Bellers Konzept der Augenspur
Um eine verlässliche Kontrollinstanz für das Editing zu definieren, hilft ein Blick in das von Hans Beller publizierte Handbuch der Filmmontage. Beller nähert sich der Blickführung über das streng formale Konzept der Augenspur. In dieser strukturellen Denkschule wird der Frame wie eine zweidimensionale Schablone verstanden, auf der grafische Linien, Bewegungsmuster und Helligkeitskontraste feste Koordinaten bilden. Die Augenspur bezeichnet hierbei die konkrete, messbare Linie, die das Auge des Zuschauers beim Abtasten eines Frames zieht. Ziel einer sauberen Kontinuitätsmontage ist es, diese Linie über den harten Schnittpunkt hinweg fließend und ohne räumliche Sprünge fortzuführen, indem das neue Handlungszentrum im Folgeframe exakt dort platziert wird, wo der Blick im vorherigen Frame verankert war.
Für das Schneiden einer Duellsequenz würde dies ein exakt kalkulierbares Regelwerk bilden, in dem eine geografische Deckungsgleichheit der Relevanzpunkte vor und nach dem Schnitt gewährleistet werden muss.
Wenn demnach ein Fechter zu einem Hieb ansetzt, fixiert das Auge des Publikums die Klinge. Befindet sich diese Klinge nach dem Bildwechsel an einer völlig anderen Position im Frame, wird die Augenspur abrupt unterbrochen und das visuelle System wird sozusagen zu einer Neukoordination gezwungen, was den Fluss der Bewegung zerschießt. Bellers System der Augenspur fungiert somit als raumgeometrisches Sicherheitsnetz, das garantiert, dass die grafischen Kraftlinien der Einstellungen fehlerfrei ineinandergreifen und damit der Schnitt das Auge des Publikums so lückenlos wie möglich durch den visuellen Raum navigiert.
Die Vektorentheorie nach Steven D. Katz
Bellers zweidimensionales Koordinatensystem der Augenspur basiert auf der Vektorentheorie, die Steven D. Katz in seinem Standardwerk “Film Directing Shot by Shot” systematisiert. Katz präzisiert die Entstehung und Steuerung der Augenspur auf der Leinwand, indem er die visuelle Energie und strukturelle Spannung in drei Kategorien unterteilt: Richtungsvektoren, Indexvektoren und Bewegungsvektoren. Diese Kraftlinien funktionieren innerhalb des Frames wie ein unsichtbares Schienennetz, das die foveale Aufmerksamkeit des Zuschauers mathematisch binden und leiten soll.
Ein Richtungsvektor wird durch statische Linien in der Bildgestaltung etabliert, beispielsweise durch die lineare Ausrichtung einer Klinge im Raum oder die geometrische Fluchtlinie einer Wand. Ein Indexvektor entsteht durch eine eindeutige, gerichtete Absicht im Frame, wie die fixierte Blickachse einer Figur oder eine deutliche Zeigegeste mit der Hand. Ein Bewegungsvektor hingegen wird durch die tatsächliche physische Beschleunigung eines Objekts generiert, das den Bildraum durchmisst.
Ein perfekt koordinierter Match on Action platziert die Aufmerksamkeit des Betrachters im Folgebild genau an dem Punkt, an dem die Bewegung fortgeführt wird. Dadurch wird verhindert, dass der Blick nach dem Bildwechsel suchend über die Leinwand wandern muss.
Walter Murchs Eye Trace
Während Beller und Katz das geometrische Fundament im Raum sichern, erweitert Walter Murch in “In the Blink of an Eye” diese Perspektive um eine wichtige wahrnehmungsorientierte Komponente. In seiner berühmten Hierarchie der Schnittentscheidungen, der sogenannten Rule of Six, verwendet Murch den Begriff Eye Trace. Obwohl er im Kern dieselbe Dynamik damit meint, ordnet er die Blickführung völlig anders ein, in dem er dem Eye Trace steht bei Murch eine weit höhrere Wichtigkeit zuschreibt, als den klassischen Regeln der räumlichen Dreidimensionalität.
Für mein Werkstück ist dieser Ansatz ein wichtiges Addendum zu Bellers starrem System, der sagt, dass ein Schnitt die Augenspur nicht nur aus rein geografischen Gründen synchronisieren darf, sondern er auch den emotionalen Rhythmus der Figuren abbilden muss. Wenn ein Fechter einen entscheidenden Statuswechsel durchlebt, verlagert sich sein psychologischer Fokus. Der Eye Trace wird dann über diese emotionale Relevanz gesteuert. Murch zeigt auf, dass das Publikum bereitwillig raumgeometrische Achsensprünge akzeptiert, solange die Emotion stimmt und das Auge des Zuschauers an der exakten Stelle abgeholt wird, an der es das vorherige Frame verlassen hat. Mehr dazu jedoch in einem anderen Blog.
Wissenspool und Bibliografie (Erweiterung)
- Beller, Hans (Hrsg.) (2002): Handbuch der Filmmontage. Geschichte, Ästhetik, Praxis. 5. Aufl.
- Katz, Steven D. (1991): Film Directing Shot by Shot: Visualizing from Concept to Screen.
- Murch, Walter (2001): In the Blink of an Eye: A Perspective on Film Editing. 2. Aufl.