#2: Das Phänomen der Schnittblindheit

Bei der Ausarbeitung des theoretischen Rahmens meiner Masterarbeit und insbesondere bei der detaillierten Literaturrecherche für das wahrnehmungspsychologische Kapitel, stand ich vor dem Dilemma, nicht genau zu wissen, wonach ich eigentlich genau suchen soll und welche Literatur für dieses Nischenthema wie meines eigentlich von relevanter Wichtigkeit ist. Bisher hatte ich Bildkomposition, Einstellungsgrößen und Schnittrhythmen meist vollkommen intuitiv gewählt, doch die Suche nach naturwissenschaftlicher und psychologischer Evidenz hinter diesen gestalterischen Entscheidungen, stellte sich schwerer heraus als gedacht, da viele Arbeiten in andere, für meine Arbeit irrelevante, Bereiche der Psychologie abbogen, die keinerlei Bezug zu Bewegtbild oder Film aufweisen.

Fündig wurde ich dann an der Schnittstelle zur experimentellen Psychologie und den kognitiven Neurowissenschaften. Ein glücklicher Zufallsfund und für meine Arbeit wichtiges Werk ist die Studie „Edit Blindness: The relationship between attention and global change blindness in dynamic scenes“ von Tim J. Smith und John M. Henderson. Die Autoren liefern hier den quantitativen Beweis für ein Phänomen, das die Grundlage des klassischen Kinos bildet, nämlich die bewusste Erzeugung von Schnittblindheit.

Das Experiment und die Kategorisierung des unsichtbaren Schnitts

Die Studie von Smith und Henderson untersuchte die zentrale Frage, inwiefern die Einhaltung der traditionellen Kontinuitätsregeln, der “Continuity Editing Rules”, das bewusste Bemerken eines harten Schnitts durch das Publikum unterdrücken kann. Den Proband:innen wurden originale, fünfminütige Filmsequenzen aus stilistisch gänzlich unterschiedlichen Werken präsentiert. Die explizite Aufgabe der Teilnehmenden bestand darin, jeden erkannten Schnitt so schnell wie möglich durch einen Tastendruck zu markieren. Parallel dazu zeichnete ein Eye-Tracking-System ihre exakten Blickbewegungen auf. Die Schnitte wurden nach ihrer Adhärenz an das Kontinuitätssystem in vier Kategorien unterteilt: Szenenübergreifender Schnitt ohne räumlich-zeitlichen Zusammenhang (Between Scenes), Schnitte innerhalb einer etablierten Szene (Within Scenes), Bewegungsschnitte (Match Action) und Schnitte entlang der Blickachse einer Figur (Gaze Match).

Die empirischen Ergebnisse dieses Experiments sind für die Medientheorie hochgradig aufschlussreich. Obwohl die Probanden kognitiv vollkommen auf das Entdecken der Schnitte fokussiert waren, lag die durchschnittliche Fehlquote über alle Kategorien hinweg bei 15,8 Prozent. Sobald die Schnitte den Regeln des klassischen Kontinuitätssystems folgten, stieg die Schnittblindheit stark an. So wurde bei einfachen Schnitten innerhalb einer Szene ein Viertel aller Bildwechsel komplett übersehen, während bei den Bewegungsschnitten (Match Action), bei denen der Schnitt exakt mit dem plötzlichen Einsetzen einer physischen Bewegung einer Figur zusammenfällt, die Fehlerquote sogar auf 32,4 Prozent anstieg, was zeigt, dass fast jeder dritte Schnitt vom visuellen System nicht registriert wurde.

Beispiele für die vier in dieser Studie verglichenen Schnittkategorien: Szenenübergreifender Schnitt (Between Scenes, obere Reihe), Szeneninterner Schnitt (Within Scene, zweite Reihe), Bewegungsschnitte (Match Action, dritte Reihe) und Blickübereinstimmung (Gaze MAtch, untere Reihe). Alle Bilder stammen aus Blade Runner (Ridley Scott, 1982) und zeigen die beiden Bilder vor dem Schnitt sowie das Bild unmittelbar nach dem Schnitt.

Ein kritischer Kernpunkt der Studie liegt in der Auswertung der Eye-Tracking-Daten zur Identifikation der zugrundeliegenden Mechanismen. Die visuelle Sensitivität des Menschen ist während biologischer Prozesse wie dem Augenzwinkern (“Blinks”) oder schnellen Augenbewegungen (“Sakkaden”) durch neuronale Suppressionsmechanismen messbar herabgesetzt. Smith und Henderson überprüften im Rahmen der Studie auch, ob die unbemerkt gebliebenen Schnitte schlicht in diese Phasen der temporären Blindheit fielen. Die Daten bewiesen jedoch, dass dieser biologische Filter nur für einen minimalen Anteil der verpassten Schnitte verantwortlich war und die überwiegende Mehrheit der Probanden die Augen während des Schnitts geöffnet hatten und den Bildschirm fixierten.

Die eigentliche Ursache für die Schnittblindheit liegt folglich im psychologischen Bereich der unaufmerksamen Blindheit (“Inattentional Blindness”). Wenn das menschliche Gehirn intensiv mit der Verarbeitung einer narrativen Handlung oder der Antizipation einer physikalischen Bewegung beschäftigt ist, verbleiben keine kognitiven Ressourcen für die bewusste Wahrnehmung des technischen Bildwechsels. Bei einem Match Action-Schnitt bindet die einsetzende Beschleunigung eines Objekts die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers. Das visuelle System ist darauf programmiert, die Flugbahn oder den Bewegungsverlauf des Objekts zu berechnen, wobei der harte Wechsel des Hintergrunds oder der Kameraperspektive in dieser Phase der maximalen kognitiven Fokussierung als irrelevantes Detail eingestuft und daher aus dem Bewusstsein gefiltert wird.

Relevanz für die Erforschung filmischer Bewegungsszenen

Für die systematische Erforschung von visuell komplexen Bewegungsszenen liefern diese Befunde eine relevante theoretische Basis: Wenn eine filmische Sequenz die Aufmerksamkeit des Publikums über den Bewegungskontrast erfolgreich bindet, wird der Schnitt als gestalterischer Übergang transparent. So bestimmt die Dynamik der physischen Handlung auf der Leinwand direkt die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn des Betrachters.

Ob ich diese Erkenntnis jedoch erfolgreich in meinem Werkstück unterbringen werde, wird sich jedoch noch im Laufe des Ausarbeitens herausstellen.

Bibliografie:

  • Smith, Tim J. & Henderson, John M. (2008): Edit Blindness: The relationship between attention and global change blindness in dynamic scenes. In: Journal of Eye Movement Research, Vol. 2, No. 2, S. 1–17.

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