Beschleunigte Kommunikationskontexte (Blogpost 4)

Ich möchte diesen Blogpost (und wahrscheinlich auch den nächsten) meiner Recherche zum Thema „Beschleunigte Kommunikationskontexte/Aufmerksamkeit“ widmen.

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Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich die das Thema der „Veränderung der Wahrnehmung durch beschleunigte Kommunikationskontexte“ bearbeiten.

Zuerst gilt es also zu definieren, was „Beschleunigte Kommunikationkontexte“ sind!

Beschleunigung bezieht sich im Kontext dieser Arbeit auf eine gesellschaftliche Veränderung, wie sie der Soziologe Hartmut Rosa (2005) in seiner Arbeit Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005) definiert hat. Ich möchte eben Hartmut Rosas Theorie zur sozialer Beschleunigung als Ausgangspunkt für meine Definition nutzen.

Hartmut Rosa beschreibt Beschleunigung als strukturelle Grundlogik in unserer modernen Gesellschaft, denn diese definiert sich zunehmend über Geschwindigkeit und Wachstum.

Dabei definiert er folgende drei Arten der Beschleunigung: technische Beschleunigung, Beschleunigung sozialen Wandels und die Beschleunigung des Lebenstempos. Diese Beschleunigungen treten gleichzeitig auf und die Menge an Informationen, Handlungen und Erfahrungen um uns herum wachsen viel schneller, als unsere Fähigkeit eben diese zu verarbeiten.(Vgl. Rosa, H. (2005). Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Suhrkamp. 71–88.)

Hartmut Rosa unterscheidet eben drei miteinander verflochtene „Dimensionen sozialer Beschleunigung“: (Vgl. Rosa, 2005, p. 124–138.)


– Technische Beschleunigung: Also jene Beschleunigung die durch verbesserteTechnologien und Innovationen auftreten, z.B. in Bereichen wie Kommunikation, Transport (Flug statt Schiff etc.) oder der Produktion (Fast-Food Restaurants, Fabriken, etc.) (Vgl.Rosa, 2005, p.124–129.)

– Beschleunigung sozialen Wandels: Betrifft die Veränderung sozialer Normen, Verhaltensweisen oder Lebensformen, erkenntlich z.B So war es beispielsweise früher üblich, dass der Sohn denselben Beruf wie der Vater, sein Leben lang, ausgeübt hat. Heutzutage hat sich diese Tradition fast aufgelöst.  (Vgl.Rosa, Rosa, 2005, p.129–135.)

– Beschleunigung des Lebenstempos: Diese Beschleunigung betrifft die Menge an Handlungen und Erfahrungen die in einem Moment, also einer Zeiteinheit – um es messbar zu machen – passieren. z.B. durch die Digitalisierung kann man hunderte Nachrichten auf einmal bekommen; oder wir hören Sprachnachrichten, lesen und schreiben Nachrichten gleichzeitig; Das macht unsere Zeit immer knapper! (Vgl.Rosa, 2005, p.135–138.)

Diese drei Dimensionen sind nach Hartmut Rosa zwar logisch voneinander unterscheidbar, wirken aber empirisch gemeinsam und verstärken sich auch gegenseitig. (Vgl.Rosa, 2005, p.124–138.)

Technische Beschleunigung erhöht den sozialen Wandel, dieser beschleunigt wiederum die Zeitknappheit und eben diese Zeitknappheit steigert das Lebenstempo, was Wiederrum den Wunsch nach mehr technischer Beschleunigung verstärkt.
Wir befinden uns also in einem sich selbst immer weiter verstärkendem Kreislauf der Beschleunigung, und diese lässt sich eben auch in unserer Mediennutzung und Medienlandschaft allgemein erkennen! (Vgl. Rosa, 2005, p. 243–255.)

Beschleunigung im Kommunikationskontext

Aus Rosas Theorie lassen sich zentrale Charakteristika der Heutigern Kommunikationsräume, z.B. Social Media, ableiten. 

Permanente Steigerung der Kommunikationsfrequenz

Obwohl technischer Fortschritt Zeitersparnis mit sich bringt, ist das Ergebnis davon nicht gleich freie Zeit, da mit der Zeitersparnis auch unsere Handlungsmöglichkeiten und Reaktionsgeschwindigkeiten wachsen! Hartmut Rosa erklärt das beispielsweise anhand von  E-Mails: E-Mails sind schneller als Briefe, bekommen aber auch schneller eine Antwort, was Wiederrum eine noch schnellere Rückantwort bedarf. Ein Brief wurde gesendet und man bekam frühestens ein paar Tage danach eine Antwort, mit der man sich bis dahin nicht auseinander setzen musste – anders bei E-Mails die schon binnen Minuten wieder beantwortet im Postfach landen können) Kommunikation wird also schneller, aber auch dichter und häufiger! (Vgl. Rosa, 2005, p. 252–253.)

Verdichtung von Reizen und Verkürzung von Rezeptionszeit

Durch die Zeitknappheit verdichten sich unsere Handlungen und Erfahrungen und wir müssen mehr Inhalte in kürzerer Zeit verarbeiten. Dadurch wird unsere Wahrnehmung beeinflusst und unsere Aufmerksamkeit muss permanent neue verteilt werden. (Vgl. Rosa, 2005, p.199–204.)
Unser beschleunigtes Lebenstempo führt dazu, dass wir die Zeit für unsere Wahrnehmung kürzen, ebenso wie die unserer Handlungen. Inhalte müssen in einer Flut von immer neuen Reizen viel schneller verstanden werden (Vgl. Rosa, 2005, p. 199–204.)  Es gibt weniger bis keine Pause und mehr Multitasking, was zu einem Gefühl der permanenten Zeitknappheit führen kann. (Vgl. Rosa, 2005, p. 199–201.) Das schreiben auch Davenport und Beck in ihrem Buch „Attention Economy“  (Vgl. Davenport & Beck, 2001, p.6-8) – sie nennen es „info stress“, und beschäftigen sich weiterführend mit der Auswirkung dieses Stresses auf die Einzelperson wie auch die Unternehmen. 

Gleichzeitigkeit vieler Kanäle

Eben dieses Multitasking wird als Strategie im Umgang mit der Zeitknappheit betrachtet, denn mehrere Aktivitäten parallel heißt, mehr Handlungen Zeiteinheit! (Vgl.Rosa, 2005, p.199–204.) Diese Logik spiegelt sich heute in paralleler Mediennutzung und plattformübergreifender Kommunikation wieder – so wird parallel Musik gehört und gescrolled oder getextet .

Beobachtungen zur Aufmerksamkeitsspanne

„The Sunday New York Times contains more factual information in one edition than in all the written material available to a reader in the fifteenth century.“ (Vgl.Davenport & Beck, 2001, p. 4)

Wie Davenport und Beck in ihrem Buch über Aufmerksamkeit schreiben: Wir sind umgeben von einer nie dagewesene Menge an Information, zu jeder Zeit und dauerhaft (jetzt vermutlich noch mehr als zum Zeitpunkt von Davenport und Beck vor 25 Jahren) – und das hat sich eben mit der Entwicklung der Technik und Medien beschleunigt, wie Hartmut Rosa schreibt. Dabie handelt es sich bei Information, und Reizen, wie Hartmut Rosa schreibt, nicht nur um Wörter und Bilder, wie in Zeitschriften, TVs oder Mails, sondern jedes Produkt und jedes Business-Angebot möchte deine Aufmerksamkeit für „ihre Information“.(Vgl. Davenport & Beck, 2001, p. 5)

Hartmut Rosa bringt die Beschleunigung auch ganz konkret mit der Nutzung von Medien und den medialen Wahrnehmungsprozessen in Verbindung. Er beschreibt, dass die Inhalte – beispielsweise im Fernsehen – immer kürzer werden, beispielsweise Werbespots waren etwa mal 30 Sekunden lang und waren zum Zeitpunkt seiner Beobachtung oft nur noch wenigen Sekunden lang. Außerdem wechselten die Zuschauer:innen ihr Programm zusätzlich dazu noch im Sekundentakt und auch die Schnittfrequenz ist deutlich höher! (Vgl. Rosa, 2005, p.202–204.) 

All das deutet schon hin auf den weiteren Verlauf dieser Beschleunigung, wie er heute auf Social Media zu beobachten ist. Eye-Tracking-Daten aus dem Jahr 2020 (Vgl.eye square GmbH. (2020). Die magischen 2,5 Sekunden: Media attention benchmark. p1-7.) zeigen anhand einer Meta-Analyse von 320 In-Context-Studien mit über 340.000 Proband:innen, dass die durchschnittliche visuelle Verweildauer auf Werbe-Stimuli beispielsweise nur wenige Sekunden beträgt und bereits nach 2,5 Sekunden haben 62,5 % der Betrachter:innen den visuellen Kontakt wieder abgebrochen.  (Vgl. eye square, 2020, p. 2)Aufmerksamkeit operiert primär in extrem kurzen Episoden, in denen Inhalte entweder sofort verarbeitet werden – oder verloren gehen. (Vgl. eye square, 2020, p. 4-5.)

Für unsere Wahrnehmung bedeutet das folgendes: Wir werden in immer kürzeren Abständen mit neuen visuellen Eindrücken konfrontiert. Unsere Wahrnehmung wird in kleine Häppchen zerteilt, also fragmentierter und wir müssen viele verschiedene Inhalte immer schneller verstehen! 

Währenddessen schrumpft das Fenster unserer Aufmerksamkeit, denn immer mehr Ereignisse werden in immer kleinere Zeiträume gepresst und müssen verarbeitet werden. In diesem Rahmen erwähnt Rosa auch „Multitasking“, als Strategie gegen eben diese Zeitknappheit, was aber dazu führt dass wir mental ständig zwischen zwei oder mehr Kontexten hin und her springen müssen. Aufmerksamkeit wird dadurch systematisch verknappt – während gleichzeitig die Menge an Reizen weiter zunimmt. (Vgl. Rosa, 2005, p.202–204.)

Deshalb entsteht für all jene, die unsere Aufmerksamkeit erregen wollen ein sogenannter „Wettbewerb um die Aufmerksamkeit“, denn es besteht der Zwang zu Selektieren und die Notwendigkeit seine Aufmerksamkeit „effizient zu verteilen“ (Vgl.Davenport & Beck, 2001, p. 3)

Fazit

Beschleunigung ist – hingegen einer zum Zeitpunkt des Schreibens oft beiläufig getätigten Annahme – nicht nur eine Begleiterscheinung von Social Media, sondern ein gesellschaftliches Phänomen dass auf vielen Ebenen spürbar ist und auch schon immer spürbar war. Die Beschleunigung hat nach Rosa direkte Auswirkung auf unsere Wahrnehmung, Identität und Kommunikation und auch auf alle zeitbasierten Kommunikationsformen und Medien wie auch auf die Inhalte, die auf diesen Kanälen funktionieren sollen.

Quellen

Rosa, H. (2005). Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Suhrkamp.

Davenport, T. H., & Beck, J. C. (2001). The attention economy: Understanding the new currency of business. Harvard Business School Press.

eye square GmbH. (2020). Die magischen 2,5 Sekunden: Media attention benchmark.
(Link für später: https://marktforschungsanbieter.de/ & https://marktforschungsanbieter.de/files/profiles/249/1238735351562530.pdf? )

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