Für meinen letzten Blogpost möchte ich nochmal einen Schritt zurückgehen und über das Buch sprechen, das eigentlich der Auslöser für das ganze Projekt war: Beklaute Frauen von Leonie Schöler. Nicht als wissenschaftliche Rezension, sondern eher als persönlicher Blick darauf, warum mich dieses Buch so beschäftigt – und auch wohin das inhaltlich führen könnte in der Ausstellung.
Was mich beim Lesen sofort gepackt hat: Das Buch liest sich nicht wie ein trockenes Geschichtsbuch, sondern eher wie eine Sammlung von Stories, die man eigentlich hätte kennen müssen. Frauen, die geforscht, erfunden, geschrieben, gerechnet oder gestaltet haben – und deren Leistungen entweder komplett vergessen wurden oder später ganz selbstverständlich Männern zugeschrieben wurden. Nicht, weil irgendwer „aus Versehen“ ihren Namen vergessen hat, sondern weil das System so funktioniert hat (und teilweise noch immer funktioniert).
Was mir beim Lesen relativ schnell klar geworden ist: Beklaute Frauen ist kein Buch über „einzelne vergessene Genies“, sondern vor allem ein Buch über Strukturen. Es geht weniger darum, möglichst viele individuelle Heldinnengeschichten nachzuerzählen, sondern darum zu zeigen, wie systematisch Geschichte gemacht, verzerrt und weitergegeben wird. Die Kapitel sind thematisch aufgebaut und drehen sich um gesellschaftliche Bewegungen, Machtverhältnisse und Mechanismen – zum Beispiel darum, wer als Bürger:in gilt, wie Ehe als ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis funktioniert, warum künstlerische oder wissenschaftliche Arbeit von Frauen strukturell unsichtbar gemacht wird oder wie Erinnerungskultur ganz konkret Politik ist. Einzelne Biografien tauchen immer wieder auf, aber eher als Beispiele innerhalb eines größeren Systems, nicht als Hauptfiguren im klassischen Sinn. Genau diese Mischung finde ich extrem stark: Persönliche Geschichten machen die Strukturen greifbar, aber der Fokus bleibt darauf, dass es nicht um „Ausnahmen“ geht, sondern um wiederkehrende Muster.
Hier sehe ich auch die Verbindung zu meiner Ausstellungsidee. Das Buch könnte man in einer modularen Übersetzung aufarbeiten: einzelne, fokussierte Momente die in Summe das System wiedergeben.
Wenn ich an 4–8 Poster denke, könnte jedes davon ein eigenes Kapitel oder Motiv aufgreifen, vielleicht direkt aufs Buch referenziert, oder auch mit Beispielen außerhalb dieser Literatur – nicht als Nacherzählung, sondern als visuelle Interpretation. Hier ein paar erste Ideen:
– Ein Poster könnte sich mit dem Thema Zuschreibung beschäftigen: Ein Porträt, das sich immer wieder verändert, Namen verliert, überschrieben wird. Vielleicht taucht der Name der Frau nur kurz auf, wird wieder verdrängt, fragmentiert, überlagert.
– Ein anderes könnte sich mit dem Matilda-Effekt beschäftigen: Mehrere Ebenen von Text oder Bild, die übereinander liegen, wobei die „offizielle“ Geschichte zuerst sichtbar ist – und die eigentliche Urheberin erst durch Interaktion freigelegt werden kann.
– Ein Kapitel über frühe Programmiererinnen oder Rechnerinnen ließe sich super über Zahlen, Raster, Algorithmen übersetzen: Ein scheinbar neutrales System, das aber gezielt Informationen ausblendet oder überschreibt.
– Auch spannend finde ich die Idee, Berufsbilder zu visualisieren, die historisch weiblich waren und später männlich „geworden“ sind. Das könnte ein Poster sein, das langsam seine visuelle Sprache wechselt: Farben, Typo, Bildwelt kippen, ohne dass sich der Inhalt ändert.
Ein weiterer Punkt, den ich stark finde, ist, dass viele Geschichten im Buch keinen klaren Abschluss haben. Die Frauen werden nicht plötzlich rehabilitiert. Oft bleibt ein Gefühl von Frust, Ungerechtigkeit oder Leerstelle. Auch das will ich nicht glattbügeln. Interaktion heißt für mich hier nicht „Problem lösen“, sondern sich mit der Störung auseinandersetzen. Vielleicht lässt sich manches Poster nie ganz „freiräumen“. Vielleicht bleibt immer ein Rest Rauschen, ein Fleck, ein fehlender Teil. Solange es bewusst wirkt, kann man die Betrachter auch nicht mit einem positiven Gefühl rausgehen lassen.
Für mich könnte Beklaute Frauen deshalb auch weniger ein konkretes inhaltliches Regelwerk als ein Denkanstoß. Das Buch gibt mir Themen und Muster, aber die Übersetzung mit noch mehr Literatur gespickt, in Bilder, Bewegung und Interaktion ist meine eigene Arbeit. Das Buch ist vielleicht eher der Startpunkt, aber nicht das Endprodukt.