Exposé erstellen
Im nächsten Schritt habe ich mein bisher eher offenes Ideen-Setup in ein konkretes Exposé überführt. Ziel war es, meine Gedanken nicht nur visuell (wie im Figma Jam), sondern auch inhaltlich zu schärfen: Was ist eigentlich das Problem, das ich bearbeiten will? Wo setze ich an, und was soll am Ende wirklich entstehen? Hier kommt eine kurze Zusammenfassung, was ich in meinem Exposé festgelegt habe.
Ausgangspunkt meiner Masterarbeit ist die historische Unsichtbarkeit von Frauen, die maßgeblich zu Wissenschaft, Kunst, Politik oder Kultur beigetragen haben. Ein zentraler Bezugspunkt ist dabei das Buch Beklaute Frauen von Leonie Schöler, das sehr deutlich zeigt, wie systematisch weibliche Leistungen über Jahrhunderte hinweg vergessen, marginalisiert oder Männern zugeschrieben wurden. Das ist kein Zufall und auch kein reines Dokumentationsproblem, sondern ein strukturelles: Geschichtsschreibung ist immer von Machtverhältnissen geprägt – und diese waren (und sind) patriarchal.
Was mich dabei besonders interessiert, ist nicht nur das Was (also welche Geschichten fehlen), sondern das Wie: Wie werden diese Geschichten erzählt – und warum erreichen klassische, textlastige Formate viele Menschen heute nur noch begrenzt? Gerade für ein jüngeres, visuell geprägtes Publikum fehlt oft der emotionale Zugang. Genau hier setzt meine Arbeit an.
Meine zentrale Fragestellung lautet daher:
Wie kann Creative Coding als künstlerisch-technische Methode genutzt werden, um vergessene Frauen der Geschichte in einem hybriden Ausstellungsformat visuell erfahrbar zu machen?
Die Idee ist, Erinnerung nicht nur zu vermitteln, sondern erlebbar zu machen. Statt passivem Lesen soll es um Interaktion gehen – um Eingriffe, um Sichtbarmachen, um das Überwinden von Störungen. Daraus ergibt sich auch meine zentrale Annahme: Dass generative, algorithmische Visualisierungen (z. B. Fragmentierung, Rauschen, Überlagerung, Emergenz) starke Metaphern für Auslöschung und Wiederaneignung sein können. Wenn Besucher:innen selbst eingreifen müssen, um Inhalte freizulegen oder zusammenzusetzen, wird Erinnerung zu einem körperlichen, bewussten Akt.
Konkret plane ich, 4–8 interaktive, generative Poster zu entwickeln. Jedes davon widmet sich entweder einer Frau oder einem thematischen Kapitel aus Beklaute Frauen. Diese Poster funktionieren hybrid:
Es gibt ein minimalistisch gestaltetes, gedrucktes Plakat (A1/A2), das im Ausstellungsraum hängt, und darauf eine projektionbasierte Animation, die mittels Creative Coding generiert wird. Die gedruckte Fläche dient dabei bewusst als physischer Anker und Projektionsfläche – nicht als bloßer Träger, sondern als Teil des Konzepts.
Die Animationen reagieren auf Interaktion, voraussichtlich über ein Touch-Interface oder einfache Sensorik. Besucher:innen können Inhalte freilegen, Störungen „wegwischen“, Ebenen verschieben oder neue Zustände auslösen. Wichtig ist mir dabei, dass die Technik nicht Selbstzweck wird, sondern die historischen Inhalte unterstützt und nicht überlagert.
Methodisch arbeite ich nach dem Ansatz Research through Design. Das heißt: Gestalten und Programmieren sind nicht nur Umsetzung, sondern selbst Erkenntnisinstrumente. Neben einer theoretischen Auseinandersetzung mit feministischer Geschichtsschreibung, Memory Studies und Ausstellungsdesign entwickle ich iterativ visuelle und technische Prototypen. Parallel teste ich Materialität, Projektion, Interaktion und Lesbarkeit im Raum.
Die Evaluation erfolgt qualitativ: durch Beobachtungen und Gespräche mit Designer:innen sowie mit einem allgemeinen Publikum. Mich interessieren dabei weniger harte Messwerte, sondern Fragen wie: Wird das Thema verstanden? Entsteht emotionale Nähe? Funktioniert die Metapher?
Am Ende soll kein abgeschlossenes „Museumskonzept“ stehen, sondern ein gestalterischer Ansatz, der zeigt, wie Creative Coding zur feministischen Erinnerungsarbeit beitragen kann. Die Ausstellung möchte ich nach Abgabe meiner Masterarbeit aber tatsächlich, wenn ich einen Raum dafür finde, realisieren.
Feedback zu von Final Crit
Feedback von den zwei profis:
Horst Hörtner is expert in human computer interaction and managing director of the Ars Electronica Futurelab which is known as one of the most important institutions in your study field on the edges of digital media, design, art, science, industry, society.
Er meinte:
- super spannendes thema, er möchte gern mehr dazu wissen
- Er findet speziell den Umschwung in den 70ern, als human computers von bestehend weiblich auf ein männliches narrativ geändert wurde sehr spannender zeitpunkt, vielleicht da näher darauf eingehen in meiner research
- interaktive ausstellung findet er super, aber mit beamer auf poster projezieren diese technik findet er nicht cool.
- Hat mir gezeigt: der neue Samsung “The Frame” Monitor -> wirkt wie ein Gemälde und man muss komplett nahe gehen um das nicht zu checken. Wenn sich FH leisten kann, wär geil solche zu verwenden. Hier meine Vermutung: eventuell kann ich FH überzeugen, einen solcher bildschirme zu kaufen (kosten so 1200€), aber ich möchte eine ausstellung mit 4-8 solcher poster machen. Das wird sich nicht spielen. Kann man solche bildschirme ausleihen bei samsung? wahrscheinlich nicht.
- Für meine weitere Vorstellung der Umsetzung wär mir super wichtig zu wissen, welches Medium ich bedienen werde.
Gespräch Horst Hörtner
Beim Final Crit hatte ich auch ein Gespräch mit Horst Hörtner (HCI-Expertise, Managing Director vom Ars Electronica Futurelab), das für mich vor allem nochmal den größeren Kontext aufgemacht hat. Er meinte direkt, dass er das Thema super spannend findet und gerne mehr darüber wissen würde – was mir gezeigt hat, dass die Richtung nicht nur „nett gestaltet“, sondern auch inhaltlich relevant ist.
Ein konkreter inhaltlicher Hinweis von ihm war, dass ich mir in der Research-Phase ruhig einen bestimmten historischen Kipppunkt genauer ansehen könnte: den Umschwung in den 1970ern, als das Narrativ rund um „human computers“ stärker männlich geprägt wurde, obwohl diese Rolle davor hauptsächlich weiblich besetzt bzw. wahrgenommen war. Er fand diesen Moment als Beispiel für kulturelle Umdeutung extrem spannend – und das passt total zu meinem Grundthema (wer sichtbar ist, wem Leistung zugeschrieben wird, wie Geschichte umgeschrieben wird). Ich nehme das auf jeden Fall als möglichen Fokuspunkt für die theoretische Auseinandersetzung mit.
Zur Umsetzung hat er folgendes gesagt: Die Idee einer interaktiven Ausstellung findet er sehr stark, aber die klassische Lösung „Beamer projiziert auf Poster“ findet er technisch und konzeptuell nicht so überzeugend. Also hier Impuls: weg vom Projection-Setup, hin zu etwas, das im Raum hochwertiger wirkt.
Er hat mir dazu ein sehr konkretes Beispiel gezeigt: den Samsung „The Frame“-Monitor von Samsung. Das Ding wirkt (wenn es gut eingesetzt wird) fast wie ein echtes Bild oder Gemälde – so sehr, dass man ziemlich nah hingehen muss, um überhaupt zu checken, dass es ein Screen ist. Er meinte: Wenn die FH sich sowas leisten kann, wäre das ein extrem gutes Medium für mein Vorhaben, weil es diese „Poster/Art-Objekt“-Ästhetik unterstützt, ohne die typischen Projektion-Probleme.
Gleichzeitig bin ich da direkt in die Realitätsfrage reingelaufen: Ich plane ja eher 4–8 Stationen. Selbst wenn ein Screen „nur“ um die 1200 € kostet, ist das in der Summe unrealistisch. Ich hatte kurz die Idee, ob man sowas eventuell ausleihen könnte (z. B. direkt beim Hersteller), aber ich gehe eher nicht davon aus, dass das easy ist. Trotzdem: Vielleicht kann ich zumindest versuchen, die FH von 1-4 Screens als Prototyp/Leihgerät zu überzeugen? Ich mein wenn der Chef von Ars Electronics so überzeugt von dem Monitor ist, dann könnte man da schon bissl investieren, oder?
Was ich aus dem Gespräch vor allem mitnehme: Für meine nächsten Schritte ist es extrem wichtig, dass ich mich früh auf ein Medium festlege (Screen / Screen + physische Layer / Print + Overlay etc.). Weil davon hängt praktisch alles ab: Gestaltung, Interaktionsidee, Materialität, Setup und auch wie „ausstellungsfähig“ das Ganze am Ende wirkt.

Gespräch Martin Kaltenbrunner
Mein zweites Gespräch war mit Martin Kaltenbrunner (Interface Culture / HCI, Tangible Music Lab, u. a. Reactivision). Er fand die Grundidee – Creative Coding + feministische Erinnerung + interaktive Bild-Formate – direkt spannend und hat ziemlich schnell eine Referenz gedroppt, die thematisch gut passt: den Film „Hidden Figures“. Den kannte ich schon (und mag ihn auch), aber es war trotzdem hilfreich, weil er nochmal bestätigt hat, dass das Thema „Unsichtbarmachung“ und „nachträgliche Sichtbarkeit“ auch außerhalb meiner Buch-Referenz gut ankommt.
Gleichzeitig hat er einen Punkt angesprochen, den ich sowieso schon im Hinterkopf hatte, den ich aber bisher nicht wirklich entschieden habe: Wie stark hängt mein Projekt sichtbar am Buch „Beklaute Frauen“ – und wie gehe ich mit Urheberrecht / Bezugnahme um? Sein Hinweis war ziemlich klar: Entweder ich nehme aktiv Kontakt mit der Autorin (Leonie Schöler) auf, kläre, wie/ob ich Inhalte verwenden darf, oder ich finde einen Weg, das Projekt so zu positionieren, dass das Buch nicht als „so offensichtlicher Ausgangspunkt“ im Vordergrund steht. Also: inspiriert sein ist okay, aber die Arbeit sollte trotzdem als eigenes System funktionieren – mit eigener Auswahl und eigener Narration.
Inhaltlich hat er mir dann noch ein paar Keywords mitgegeben, die ich mir fett notiert habe, weil sie mein Thema gut bündeln:
Interaktivität, dynamisches Bild, politisches Plakat – zeitgenössisch, interaktiv.
Das hat bei mir direkt was ausgelöst, weil es genau diese Richtung verstärkt, die ich eigentlich meine: nicht „nur“ schöne generative Visuals, sondern ein Format, das im öffentlichen Raum oder Ausstellungsraum wie ein Statement funktioniert – nur eben aktualisiert für ein digitales / interaktives Setting.
Auch technisch bzw. vom Setup her kam ein sehr konkreter Vorschlag, den ich super finde: Er meinte, er würde es stärker finden, wenn ich nicht projiziere, sondern mit einem normalen Monitor arbeite, den ich physisch überlagere – zum Beispiel durch Beklebung, Karton, Folien, Schichten oder Material, das das Bild wirklich „verdeckt“. Und dass dann die Interaktion nicht nur „Touch = Effekt“, sondern eher wie ein echtes Freilegen funktioniert: etwas wegrubbeln, abziehen, wegwischen, Schicht für Schicht. Das passt inhaltlich eigentlich gut, weil das „Sichtbarmachen“ dann nicht nur eine Metapher in der Animation ist, sondern wirklich im Material passiert. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob mir das zu “DIY” wirkt oder ob ich das auch sleek umgesetzt bekomme. Projection Mapping fand er eher weniger professionell und nicht so stark, weil es “nur ein schlechter monitor” ist.
Als letzte Inspiration hat er mich noch aufs Ars Electronica Archiv hingewiesen – als Ort, wo ich Referenzen sammeln kann, die in eine ähnliche Richtung gehen (interaktive Arbeiten, Medienkunst, politische oder gesellschaftliche Themen, die über Interfaces vermittelt werden). Das ist für mich gerade auch deshalb spannend, weil ich dort wahrscheinlich Beispiele finde, die mir helfen, meine eigene Arbeit besser zu verorten: Was ist an meinem Ansatz neu, was ist ähnlich, und wo kann ich bewusst abgrenzen oder weiterdrehen?
Unterm Strich war das Feedback für mich vor allem ein Push in zwei Richtungen: konzeptuell sauberer werden (Buch als Ausgangspunkt vs. eigenes System) und physischer/greifbarer denken (Monitor + Analog statt Projektion).