Von Ordnung zu Chaos – Prozesse, Motion Grammar und Learnings für meine Masterarbeit
Eines der Master-Highlights war für mich bestimmt unser Klanglicht Vertigo. Mit einem super motivierten Team hat das ganze mega viel Spaß gemacht und auch das Endergebnis kann sich sehen lassen (oder so).
Als einzige Media-Person kam ich zu Beginn sehr ins Schwitzen – nur ich, Aftereffects und die Ideen von 6 verschiedenen Menschen? Schwierig.
Neben der eigentlichen Animation war für mich deshalb vor allem der Arbeitsprozess super wichtig und das wollte ich auch irgendwie klar strukturieren. Uns war es deshalb dann wichtig, einen klaren gestalterischen Ablauf in unsere Zusammenarbeit zu bringen, damit ich am Ende nicht ganz chaotisch irgendwelche Dinge zusammenstöpseln muss.
Wir starteten deshalb mit einem gemeinsamen Brainstorming und einigten uns relativ schnell auf ein zentrales Thema: Control & Loss of Control. Daraus entwickelte sich eine grobe Story mit Spannungsbogen – von Ordnung hin zu Chaos. Diese Dramaturgie war nicht als klassische Handlung gedacht, sondern eher als emotionaler Verlauf.


Im nächsten Schritt teilten wir diesen Verlauf auch schon in mehrere Phasen auf.
Für jede Phase definierten wir, was visuell und emotional passieren soll. Begriffe wie „Order“ und „Chaos“ übersetzten wir in konkrete „Visual properties“.
Welche Farben stehen für Kontrolle? Welche Formen für Instabilität? Welche Bewegungen wirken ruhig, welche chaotisch? Welche Dynamik unterstützt welchen Zustand? Und Warum?


Parallel dazu entwickelte Lukas Rieder dann ein Musikstück, das unserer Idee Rhythmus gab und die Dramaturgie übersetzt hat. Der Sound wurde zum zentralen „Struktur-Geber“, an dem sich die Animation orientieren konnte.
Wir arbeiteten mit einem klaren Spannungsbogen und vier Phasen, die visuell verständlich übersetzt werden mussten. Um passende Gestaltungsmittel zu finden (zuerst jeder für sich und dann auch im Team), definierten wir verschiedene Eigenschaften für abstrakte Begriffe wie Ordnung und Chaos. So war die Grundidee klar und alles weitere konnte in diesem Rahmen stattfinden.

Auf dieser Basis begann der experimentelle Teil: Ideen sammeln, visuelle Ansätze ausprobieren, alles verwerfen, neu denken (nochmal verwerfen und nochmal neu denken, …)
Wir arbeiteten mit Moodboards und Referenzen, entwickelten gezielt Elemente für die einzelnen Phasen, gaben uns 100 mal Feedback und setzten alles Schritt für Schritt zusammen.
Danach wurde dann auch schon direkt an der Installation getestet, angepasst und wieder verändert.
Dieser Kreislauf aus Austesten, Korrigieren und Weiterentwickeln war zentral – genauso wie das ständige mentale Zurückkehren zur Kern-Idee. „Ist es nur cool oder passt’s auch zur Story?“ Transportiert es die richtigen Gefühle? Machte es Sinn im Ablauf? Denn am Ende sollte die Arbeit mehr sein als nur visuell spannend.

Diese Erfahrung fließt direkt in mein Masterprojekt ein, hoffe ich. Ich beschäftige mich ja mit „alternativen narrativen Strategien im Motion Design” – also konkret mit Storytelling ohne klassische Charaktere. In der kommerziellen Animation, vor allem in Erklärvideos und Markenkommunikation, sind Figuren oft noch Standard. Doch Vertigo hat mir noch einmal sehr klar gezeigt, dass Emotion, Verständlichkeit und Dramaturgie auch durch etwas abstraktere Systeme entstehen können – also weg mit all den Figuren?
Für meine Masterarbeit nehme ich aus diesem Projekt also mehrere Dinge mit:
– die Bedeutung eines klaren Prozesses (für mich, mein Team und das End-Ergebnis)
– die Übersetzung von Konzepten in visuelle Eigenschaften,
– die Rolle von Rhythmus und Timing als narrative Werkzeuge,
– Storytelling ist nicht an Charaktere gekoppelt, sondern an Bewegungssysteme, visuelle Hierarchien und Gestaltung
Wie lässt sich non-character Storytelling systematisch einsetzen?
Und wie können solche Ansätze auch in Markenkommunikation und Erklärvideos funktionieren?