Je weiter mein Masterprozess voranschreitet, desto deutlicher wird für mich, dass ich mich nicht nur mit politischen Inhalten beschäftigen möchte, sondern mit einer konkreten Emotion, die politisch ist. Wut. Zorn. Ärger. Nicht als Begleiterscheinung, sondern als Ausgangspunkt einer gestalterischen Auseinandersetzung. Mich interessiert, was passiert, wenn Gestaltung nicht ausgleichen, erklären oder vermitteln will, sondern eine Emotion ernst nimmt, die oft als störend, unangenehm oder unprofessionell gilt.
Ein wichtiger Impuls für diesen Gedanken war ein Interview im Podcast Hotel Matze mit Caroline Wahl, in dem sie über Wut und Zorn spricht: „Ich finde Wut und Zorn schöne Emotionen, weil Menschen, die wütend und zornig sind und dann das sagen und laut sind, die sind danach befreit und die sind ehrlich. Die lassen was Ehrliches raus. Deswegen bin ich für Wut.“
Caroline Wahl, Hotel Matze
Dieser Gedanke ist mir im Kopf geblieben. Wut wird hier nicht als destruktive Kraft verstanden, sondern als etwas Klärendes. Als Moment, in dem etwas ausgesprochen wird, das zuvor keinen Raum hatte. Als Zustand von Ehrlichkeit, der nicht vermittelt oder abgeschwächt werden muss.
Mich interessiert Wut als präzise emotionale Reaktion. Sie entsteht dort, wo Grenzen überschritten werden, wo Ungerechtigkeit erfahren wird, wo Sprache nicht mehr ausreicht oder überhört wird. In diesem Sinne ist Wut nicht irrational, sondern oft eine sehr genaue Antwort auf konkrete Erfahrungen. Genau diese Qualität macht sie für mich als Thema einer gestalterischen Arbeit relevant.
Ich frage mich, wie Gestaltung aussehen kann, wenn sie aus Wut heraus entsteht. Wie Sprache, Typografie und Form diese Emotion tragen können, ohne sie zu glätten oder zu entschärfen. Wie Schrift laut sein darf, drängend, unruhig, fragmentiert. Wie Gestaltung Spannung nicht auflöst, sondern aushält. Wut nicht illustriert, sondern erfahrbar macht.
Dabei geht es mir nicht um Provokation oder um den schnellen Effekt. Mich interessiert Wut als Zustand, der ernst genommen werden will. Als Emotion, die nicht erklärt oder beruhigt werden muss, sondern eine eigene Form finden darf. Gestaltung wird in diesem Zusammenhang nicht zur Vermittlerin, sondern zur Trägerin dieser Emotion. Sie zeigt nicht, dass jemand wütend ist, sondern schafft einen Raum, in dem Wut sichtbar und spürbar wird.
Wut als Thema meiner Masterarbeit bedeutet für mich nicht, Lösungen zu präsentieren oder Positionen zu glätten. Es bedeutet, einen emotionalen Zustand sichtbar zu machen und auszuhalten. Gestaltung nicht als Antwort, sondern als Ausdruck. Als Möglichkeit, etwas zu zeigen, das oft verdrängt, relativiert oder delegitimiert wird.
Noch ist offen, in welcher Form sich diese Auseinandersetzung konkret materialisieren wird. Typografisch, textbasiert, räumlich oder performativ. Vielleicht als Arbeit, die sich nicht beruhigen lässt. Vielleicht als Gestaltung, die sich wiederholt, widersetzt oder aufdrängt. Sicher ist für mich nur, dass Wut nicht nur ein Motiv sein soll, sondern der Ausgangspunkt meines gestalterischen Denkens.
Eine mögliche Richtung für die Umsetzung dieser Arbeit könnte darin liegen, Gestaltung nicht als Ausdruck meiner eigenen Wut zu verstehen, sondern als Raum für die Wut anderer. Mich interessiert die Idee, eine Arbeit zu entwickeln, die Interaktivität zulässt und Menschen aktiv einlädt, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Dies könnte über ein gestalterisches Tool, ein typografisches System oder eine visuelle Struktur geschehen, die nicht vorgibt, wie Wut aussehen muss, sondern Möglichkeiten eröffnet, sie zu artikulieren, zu markieren oder sichtbar zu machen. Gestaltung würde hier nicht stellvertretend sprechen, sondern einen Rahmen schaffen, in dem Emotionen Platz haben dürfen und sich individuell einschreiben können.