Agamben beschreibt die Profanierung als das Zurückführen von Dingen oder Praktiken aus einem „sakralisierten“ oder „entfremdeten“ Zustand in den Bereich des Alltäglichen und Menschlichen. Es geht darum, das, was durch bestimmte Systeme (z. B. Religion, Staat, Kapitalismus) entzogen und zweckentfremdet wurde, für den freien Gebrauch und die persönliche Erfahrung wieder verfügbar zu machen.
Im Kontext der Fotografie:
- Die digitale Fotografie ist durch die Mechanismen von Social Media und Konsumkultur „säkularisiert“, aber zugleich entfremdet: Bilder dienen oft kommerziellen oder sozialen Zwecken (Likes, Marketing, Reichweite). Sie sind funktionalisiert, standardisiert und flüchtig.
- Die analoge Fotografie hingegen entzieht sich diesen Mechanismen teilweise. Sie wird „profan“, indem sie sich wieder als persönliches, greifbares und zeitlich begrenztes Medium zeigt, das uns erlaubt, Momente auf eine intime und bewusste Weise zu erleben.
Wie passt das zur analogen Fotografie?
- Rückeroberung des Bildes
- In der digitalen Fotografie wird das Bild oft zu einem Konsumobjekt: Millionen von Fotos werden gemacht und geteilt, um Reaktionen (Likes, Kommentare) zu generieren. Analoge Fotografie hingegen könnte als ein Akt der Profanierung verstanden werden, da sie den Fotograf*innen die Kontrolle und Intention über die Bilder zurückgibt. Ein analoges Bild ist kein Mittel für Massenkonsum, sondern ein individuelles und konkretes Objekt.
- Materialität als Profanierung
- Agamben sieht die Profanierung oft in der Wiederherstellung des ursprünglichen Gebrauchs eines Objekts. Die Materialität der analogen Fotografie (Film, Negative, Prints) macht sie profan: Sie gehört nicht mehr nur dem virtuellen Raum (wie digitale Fotos), sondern kann physisch erlebt, geteilt und besessen werden – ohne dass ein kommerzielles System eingreift.
- Zeitlichkeit und Vergänglichkeit
- Analoge Fotografie entschleunigt die hyperaktive Produktion und Zirkulation von Bildern. Sie fordert Geduld und Hingabe – Eigenschaften, die in der digitalen Kultur oft verloren gehen. Diese Entschleunigung könnte als eine Rückkehr zu einer menschlicheren, alltäglicheren Nutzung von Bildern interpretiert werden.
- Spiel als Akt der Profanierung
- Agamben beschreibt Profanierung auch als eine Form des Spiels: Ein bewusster Umgang mit Objekten, der sie ihrer ursprünglich zugeschriebenen Funktionalität entreißt. Die bewusste Nutzung von analogen Kameras (inklusive der „Fehler“ und Einschränkungen) könnte genau in diesem spielerischen Akt bestehen. Fehler werden nicht als Mängel, sondern als wertvolle Aspekte des Mediums selbst angesehen.
Source: Buch Profanierungen von Giorgio Agamben
ABB.: https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Analoge-Fotos-digitalisieren-so-gehts,foto542.html
