#6: Zeitliche Manipulation und optische Desorientierung in der Actionmontage

Der Aufbau meines “Postproduktions-Kapitels” meiner Masterarbeit wird neben der Analyse von reinen Schnittfrequenzen auch eine Auseinandersetzung mit den Werkzeugen der zeitlichen und optischen Manipulation beinhalten. Während die klassische Montagelehre des Kontinuitätsschnitts die Erhaltung einer unsichtbaren Raum-Zeit-Kontinuität anstrebt, bricht das moderne Actionkino diese Regeln ganz bewusst auf. Daher stand ich bei der Literaturrecherche vor der Kernfrage, wie sich die gezielte Verzerrung von Zeitstrukturen wahrnehmungspsychologisch begründen lässt (Anm.: zum Zeitpunkt, wo ich mein Masterarbeitsthema festlegte, war ich mir nicht bewusst, wie viel ich mich in den kommenden Monaten mit der Wahrnehmungspsychologie auseinander setzen werde!).
In der gestalterischen Praxis setzte ich Effekte wie Slow-Motions, Speed Ramps oder veränderte Shutter-Winkel oft rein intuitiv ein, um der Bewegung eine bestimmte künstlerische Note zu verleihen. Die wissenschaftliche Fundierung dieser Effekte zeigt jedoch, dass diese technischen Eingriffe die menschliche Informationsverarbeitung gezielt manipulieren. Um diesen Aspekt als tragenden Faktor in meinen Wissenspool zu integrieren, stütze ich mich auf die medienanalytischen Arbeiten von Matthias Stork zur Ästhetik des Post-Classical Cinema sowie auf quantitative Untersuchungen zu Schnittraten von Nick Redfern.

Die Beeinflussung des Impacts durch Speed Ramps und extreme Verlangsamung

In der zeitgenössischen Actionästhetik hat sich die temporäre Manipulation der Wiedergabegeschwindigkeit zu einem der dominantesten Stilmittel entwickelt. Speed Ramps beispielsweise beschreiben das nahtlose temporäre Beschleunigen und Abbremsen des Filmmaterials innerhalb einer einzigen Einstellung. Aus wahrnehmungspsychologischer Sicht greift dieser Effekt direkt in die evolutionär verankerte Bewegungserwartung des Zuschauers ein, da unser visuelles System ist darauf trainiert ist, die Trägheit und die physikalischen Gesetzmäßigkeiten von beschleunigten Körpern im Raum automatisch zu antizipieren.

Wird der Ansatz eines Schlages oder Trittes durch eine Speed Ramp künstlich beschleunigt, signalisiert das Gehirn dem Betrachter eine abnorme bzw. übermenschlich Energie. Fällt der exakte Moment des physischen Impacts anschließend mit einer abrupten extremen Verlangsamung zusammen, wird diese Erwartungshaltung radikal gedehnt. Indem der Schnitt den exakten Moment des Einschlags zeitlich extrem dehnt, wird die Dynamik für das Publikum intensiviert und die physische Wucht detailreich spürbar gemacht. Da der eigentliche Treffer in der Realität oft zu schnell abläuft, um vom Auge in all seinen mechanischen Konsequenzen erfasst zu werden, zwingt die Verlangsamung das Arbeitsgedächtnis dazu, die physische Wucht, die Deformation der Körper und die Gewaltdarstellung im Detail zu verarbeiten. Matthias Stork beschreibt in seinen Analysen zum Post-Classical Cinema, dass diese Form der zeitlichen Verzerrung die klassische Kontinuität aufbricht, um eine rein affektive, kinetische Sensation zu erzeugen. Die Zeit wird zu einem dehnbaren gestalterischen Parameter, der sich der emotionalen Intensität der Konfrontation unterwerfen muss.

Shutter Drag und das bewusste Erzeugen von optischem Stress

Neben der rein zeitlichen Taktung auf der Timeline bietet die Kameraarbeit über die gezielte Manipulation des Verschlusswinkels (Shutter Angle) ein weiteres mächtiges Werkzeug, um die optische Wahrnehmung zu steuern. Während die klassische 180-Grad-Regel eine natürliche, dem menschlichen Auge nachempfundene Bewegungsunschärfe garantiert, bricht der bewusste Einsatz von Shutter Drag durch das Verlängern der Verschlusszeit, dies auf, wobei durch das Öffnen des Shutter-Angles auf bis zu 360 Grad die Belichtungszeit drastisch erhöht wird und eine Übersteigerung des Motion Blurs entsteht. Dies führt dazu, dass sämtliche Bewegungen von dem dadurch resultierenden typischen optischen Schweif begleitet werden. In Kombination mit unruhiger Kameraführung wird dieser Effekt in der Postproduktion genutzt, um das Gefühl einer unkontrollierbaren, überwältigenden Situation visuell greifbar zu machen.Dieses Stilmittel wurde häufig in Spielfilmen um die Jahrtausendwende genutzt, wie zu sehen bei Gladiator (2000) oder Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs (2003)

Verwendung des Shutter Drags bei Gladiator (2000)

Dieser Effekt kann für mein Werkstück durchaus interessant sein, da diese künstlich maximierte Bewegungsunschärfe die harte Realität einer Kampfszene phasenweise in einen fließenden, fast rauschhaften Zustand verwandelt, wodurch das Auge des Publikums die exakten Details der Bewegung im Raum nicht mehr isoliert wahrnehmen kann. Die Konturen verschwimmen dabei und die Aggressivität sowie die Geschwindigkeit des Gefechts verschmelzen visuell miteinander, wodurch eine ganz spezielle, impressionistische Dynamik erzeugt wird.

Bibliografie und weiterführende Literatur

  • Redfern, Nick (2022): Analysing Motion Picture Cutting Rates. In: Wide Screen, Vol. 9, No. 1, S. 1–29
  • Thompson, Roy (1993): Grammar of the Edit. Oxford: Butterworth-Heinemann.
  • Mercado, Gustavo (2010): The Filmmaker’s Eye: Learning (and Breaking) the Rules of Cinematic Composition.
  • Katz, Steven D. (1991): Film Directing Shot by Shot. Michael Wiese Productions.
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