Die Frage nach dem optimalen Verhältnis zwischen historischer Akkuratesse und visuellem Spektakel ist ein zentraler Pfeiler meiner Forschungsarbeit, der mich, je mehr ich mich mit der Thematik befasse, immer mehr in Detailfragen untergehen lässt, weshalb mir das Seminar für Bühnenfechten1 mit Peter Zillinger bei INDES Graz die Gelegenheit bot, die praktische Vermittlung von Kampfchoreografien genauer zu untersuchen und mehr darüber zu lernen. Da mein Werkstück bekanntlich eine Brücke zwischen Bewegungspraxis und Montage schlagen soll, ging ich mit spezifischen filmtheoretischen Fragestellungen in dieses Wochenende, in der Hoffnung weitere Antworten zu finden.
Der zweitägige Workshop erwies sich als eine spannende Erfahrung, die für den Fortgang meiner Masterarbeit jedoch eine andere Relevanz einnahm als ursprünglich angenommen. Durch meine beinahe zehnjährige Erfahrung im LARP-Bereich sowie meiner weit fortgeschrittenen Erfahrung im historischen Fechten, brachte ich bereits ein fundiertes Vorwissen in den Bereichen Schauspiel, Waffenkunde und Waffenhandhabung mit. Viele der grundlegenden Konzepte zur Körperbeherrschung und Distanzlehre waren mir daher bereits vertraut.
Einzige Ausnahme stellte das korrekte Handling eines Smallswords dar, mit welchem ich bis zu dem Tag noch keinerlei Erfahrung hatte.
Ein wesentlicherer Punkt für die Einordnung des Gelernten war der starke Fokus auf das Theater und die klassische Bühne. Die Gesetzmäßigkeiten des Raumes unterscheiden sich hier fundamental vom Medium Film. Auf der Theaterbühne müssen Bewegungen permanent für das gesamte Publikum vergrößert werden, da es keine dynamische Kamera gibt, die den Bildausschnitt verändern kann. Für mein primäres Forschungsfeld, das visuelle Storytelling durch Kamera und Schnitt, boten die rein theaterfokussierten Übungen daher weniger brauchbare neue Erkenntnisse.
Trotz des Fokus auf das Theater bot das Seminar wertvolle methodische Ansätze. Peter Zillinger vermittelte ein Set an Übungen, das als strukturierter Werkzeugkasten für Personen verstanden werden kann, die noch keine Berührungspunkte mit dem historischen Fechten hatten. Es wurde unter anderem vermittelt, wie Stiche sicher für die Bühne praktiziert werden, Häue überzeugend dargestellt werden (sowohl die Aktion, als auch die Reaktion dessen) und wie ein kleines 3-minütiges Stück aufgebaut werden kann. Für Stuntchoreografen oder Trainer ist dieses Wissen bestimmt essenziell, um unerfahrenen Darstellenden innerhalb kurzer Zeit die nötige Glaubwürdigkeit ihrer Aktionen auf der Bühne zu verleihen.
Ein persönliches Highlight und direkter Gewinn für meine theoretische Arbeit war ein intensiver Austausch mit Peter Zillinger abseits der praktischen Übungen. Er gab mir die Filmempfehlung „Die drei Musketiere“ aus dem Jahr 1973 mit auf den Weg. Dieser Film legte einst den Grundstein für seine eigene Begeisterung für das Bühnenfechten. Für meine Masterarbeit ist dieser Hinweis ein wertvoller Fund und ich habe diesen Klassiker in meine Liste der potenziellen Fallbeispiele aufgenommen, um die dortigen Duellszenen meinen Shot-by-Shot-Analyse zu unterziehen. Die Fechtszenen dieses Films gelten als wegweisend für die damalige Zeit und bieten hervorragendes Material, um den historischen Wandel von Kamera- und Schnittmustern im Film zu untersuchen.
Zusammenfassend hat mir das Seminar nochmals mehr verdeutlicht, dass die Abstraktion für die Bühne eine anderen Aufbau verlangt als die Inszenierung für die Kamera und trotz der anfänglichen Ernüchterung während dieses Workshop-Wochenendes konnte ich doch Nutzen für meine Arbeit ziehen.