Warum ist das wichtig für meine Design-Masterarbeit?
Unser Gehirn ist biologisch sehr stark auf unsere visuelle Wahrnehmung ausgerichtet – Bilder ziehen unsere Aufmerksamkeit fast automatisch an. Sehen ist unser zentraler Sinn für die Informationsaufnahme und vor allem visuelle Reize werden extrem schnell verarbeitet. Wir besitzen ein bemerkenswert leistungsfähiges Bildgedächtnis und können uns so an tausende Bilder mit ziemlich hoher Genauigkeit erinnern. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Introduction)
Unser Gehirn ist darum bemüht Sinn aus all den Reizen zu machen und der Prozess des Verstehens heißt so viel wie „unsere Erinnerungen nach Assoziationen, Emotionen und Verbindungen zu durchsuchen“ (Vgl. Malamed, 2015, chap. Introduction)
Ein grundlegendes Verständnis der menschlichen visuellen und kognitiven Fähigkeiten hilft Designer:innen dabei, verschiedene Botschaften gezielt und wirkungsvoll zu gestalten.Wenn man weiß wie Menschen Informationen wahrnehmen, verarbeiten und speichern kann Gestaltung präziser eingesetzt werden. Beispielsweise lassen sich Prozesse klarer visualisieren oder emotionale Reaktionen können bewusster auslösen werden. Design ist damit dann nicht mehr nur ästhetisch, sondern funktional wirksam, weil es sich an den tatsächlichen Grenzen und Möglichkeiten menschlicher Wahrnehmung orientiert. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Introduction)
Visual Processing bzw. „Visuelle Verarbeitung“
Wahrnehmung ist ein Prozess, in dem wir sensorische Reize aufnehmen (z.B. über unsere Sinne), diese Informationen dann verstehen und ihnen schlussendlich Bedeutung geben. Wir sehen etwas und müssen dann das Gesehene kognitiv verarbeiten, um daraus „Sinn“ abzuleiten. Unser Gehirn sucht dabei ständig nach Mustern, um schnell Entscheidungen treffen zu können. Unser Gehirn sucht in der visuellen Umgebung nach bedeutungsvollen Mustern, um Entscheidungen darüber zu treffen, wie wir handeln und reagieren sollen. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
Menschen verarbeiten diese Reize während sie weiter mit ihrer Umwelt interagieren und es werden verschiedene Hirnregionen gleichzeitig aktiviert. Dieses parallele Verarbeiten ermöglicht es, visuelle Informationen so schnell und effizient zu erfassen und erklärt, warum Gestaltung ebenfalls schnell und wirkungsvoll kommunizieren kann! (Vgl. Malamed, 2015, chap. Introduction)
Visuelle Wahrnehmung ist ein wechselseitiger Prozess: Einerseits nehmen wir einzelne Details wahr und setzen sie zu einem Gesamtbild zusammen. Andererseits bringen wir eigenes Wissen sowie konkrete Ziele in die Wahrnehmung ein, die bestimmen, wohin wir blicken und wie wir sensorische Informationen interpretieren.
Wie wir Dinge wahrnehmen, entsteht aus dem Zusammenspiel von „Bottom-Up“ und „Top-Down“-Prozessen. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
Bottom-Up-Verarbeitung
Die menschliche Fovea (im Auge) kann jeweils nur einen sehr kleinen Bereich scharf erfassen, weshalb wir unsere Umgebung nicht kontinuierlich, sondern in schnellen Sprüngen (Sakkaden) erfassen. Wir fixieren kurz einen Punkt, springen dann zum nächsten und nehmen bei jeder Fixation nur einen kleinen Teil der visuellen Information auf. Erst durch dieses Muster aus Sakkaden entsteht unser Gesamtbild der Umgebung. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
Dieser Prozess läuft extrem schnell und früh in der visuellen Verarbeitung ab ohne bewusste Aufmerksamkeit. Bereits auf den ersten Blick erkennen wir unbewusst:
– Bewegung
– Kanten von Formen
– Farbe
– Konturen
– Kontraste
All diese Eigenschaften können genutzt werden, um Aufmerksamkeit im Design gezielt zu lenken! (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
Währenddessen übernimmt das Gehirn gleichzeitig weitere Aufgaben:
Es unterscheidet Figur-Grund-Beziehungen, gruppiert visuelle Elemente, organisiert Texturen zu grundlegenden Formen. (Hier kommen die Gestaltprinzipien ins Spiel, aber darauf gehe ich in diesem Kapitel nicht näher ein.) (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
Diese Prozesse laufen sehr schnell ab und lassen uns Dinge erkennen. Die gewonnenen Informationen werden unmittelbar an andere Hirnregionen weitergeleitet und beeinflussen, worauf wir als Nächstes unsere Aufmerksamkeit richten. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
Top-Down-Verarbeitung
Die Top-Down-Verarbeitung wird durch Vorwissen, Erwartungen und aktuelle Ziele gesteuert. Was wir sehen, hängt also stark davon ab, wonach wir gerade suchen. Unser Gehirn blendet Informationen aus, die im Moment nicht relevant erscheinen, und hebt das hervor, was zu unserer aktuellen Aufgabe/Ziel passt. Verändert sich das Ziel, verändert sich auch die Wahrnehmung: Wir sehen mehr von dem, worauf wir fokussiert sind, und weniger vom Rest. Wahrnehmung ist daher kein rein visueller Vorgang, sondern wird maßgeblich durch Denken, Erwartungen und Absichten beeinflusst. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
All die visuelle Eindrücke werden zunächst nur für Millisekunden im sensorischen Gedächtnis gespeichert und erst später im Arbeitsgedächtnis wird die Information bewusst analysiert, verglichen und interpretiert. Dort treffen neue Reize auf vorhandenes Wissen – Bottom-Up- und Top-Down-Prozesse treffen quasi aufeinander.
Da Inhalte im Arbeitsgedächtnis schnell verblassen, müssen sie weiterverarbeitet werden, um behalten zu werden. Die Leistungsfähigkeit unseres Arbeitsgedächtnisses hängt unter anderem von Verarbeitungsgeschwindigkeit, Ablenkung, Alter und Expertise ab. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic.)
Die Belastung des Arbeitsgedächtnisses wird als cognitive load bezeichnet. Je höher sie ist, desto schlechter können wir Informationen verarbeiten. Für Design bedeutet das: Inhalte sollten so gestaltet werden, dass sie das Arbeitsgedächtnis nicht überanspruchen. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic. Cognitive Load: Demand on Working Memory) Wird Information dann im Arbeitsgedächtnis weiterverarbeitet und mit vorhandenem Wissen verknüpft, kann sie ins Langzeitgedächtnis übergehen. Das Langzeitgedächtnis speichert Fakten und Konzepte (semantisch), persönliche Erlebnisse und Emotionen (episodisch) sowie erlernte Abläufe und Fähigkeiten (prozedural). (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic. Long-Term Memory: Permanent Storage)
Unser Arbeitsgedächtnis ist begrenzt. Design muss Informationen daher klar strukturieren, reduzieren und priorisieren, damit sie überhaupt verarbeitet werden können. Je klarer, reduzierter und bedeutungsvoller Informationen gestaltet sind, desto eher bleiben sie im Gedächtnis.
Neue Informationen werden immer in vorhandenes Wissen eingeordnet. Dafür nutzt unser Gehirn sogenannte Schemata. Schemata sind mentale Strukturen, die dabei helfen, verschiedene Eindrücke schnell zu interpretieren und einzuordnen. Diese Schemata verändern sich laufend durch neue Erfahrungen. Abruf aus dem Gedächtnis geschieht über Reize wie Bilder, Emotionen oder Begriffe. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic. Schemas: Mental Representations)
Darüber hinaus nützt das Gehirn „mental Models“, also Vorstellungen davon, wie Dinge funktionieren (z.B. Navigation in Interfaces). Sie ermöglichen schnelle Orientierung, weil wir bekannte Muster auf neue Situationen übertragen. (Vgl. Malamed, 2015, chap. Section One Getting Graphic. Mental Models)
Für Designer:innen kann man daraus ableiten. Visuelle Elemente aktivieren automatisch bestehende Schemata und mental Models. Formen, Farben und Strukturen erzeugen immer auch Erwartungen und Bedeutungen. Gestaltung sollte daher an den kognitiven Voraussetzungen der Zielgruppe ausgerichtet sein und an deren Vorwissen, kulturellem Kontext, visueller Kompetenz, Motivation und Ablenkbarkeit. (Vgl. Bradley, 2011)
Design funktioniert dann am besten, wenn es an vorhandene Denkstrukturen anschließt und Bedeutung klar vermittelt – nicht nur ästhetisch wirkt.
Designer sollen sich vor Beginn also die Frage stellen: Was soll hier eigentlich kommuniziert werden? Dann kann man die Gestaltung gezielt auf unterschiedliche kognitive Prozesse ausgerichtet werden.
– Geht es um Wiedererkennung, müssen Elemente durch Kontrast, Größe oder visuelle Dominanz hervorgehoben werden. (Vgl. Bradley, 2011)
– Geht es um Verständnis und Erkenntnis, braucht es klare Strukturen, Anknüpfung an bestehende mentale Modelle und visuelle Systeme, die leicht interpretierbar sind. (Vgl. Bradley, 2011)
Ein erfolgreiches Design berücksichtigt sowohl das Gesamtbild als auch alle einzelnen Elemente – etwa. Man soll bei allen Entscheidungen die kognitiven Aufgaben der Nutzer:innen mitzudenken und sich fragen: Welche Informationen sollen sie aufnehmen? Welche visuellen Fragen soll das Design beantworten? Wenn man diese Mechanismen versteht, kann man Gestaltung gezielt einsetzen, um Blickführung zu steuern, Bedeutung zu erzeugen und Inhalte nachhaltiger im Gedächtnis zu verankern. (Vgl. Bradley, 2011)
Quelle:
Malamed, C. (2015). Visual language for designers (E-book ed.). Rockport.
Bradley, S. (2011, March 7). About Vanseo Design. Vanseo Design. https://vanseodesign.com/about/
Bemerkung für Masterarbeit: Noch andere Quellen/Infos reinbringen und Verknüpfungen finden; Derzeit eher “Nacherzählung aus der Quelle”





