Wenn ich auf meine bisherigen Research-Blogposts zurückblicke, sehe ich keine lineare Entwicklung, sondern ein Feld aus Gedanken, Impulsen, Begegnungen und Fragen. Ich habe mich mit politischer Gestaltung beschäftigt, mit Typografie, mit Lesbarkeit und Macht, mit Raum, Wahrnehmung und Intervention. Ich habe über Wut nachgedacht, über Haltung, über Perspektive. Und zuletzt intensiv über Tod, Trauer und Sprachlosigkeit. Nicht jedes Thema war gleich stark. Nicht jede Idee war gleich tragfähig. Aber jede hat etwas freigelegt.
Von Anfang an war mir klar, dass meine Masterarbeit politisch sein soll. Nicht im parteipolitischen Sinne, sondern im Sinne einer Haltung. Friedrich von Borries schreibt in Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, dass Design politisch ist, weil es in die Welt interveniert (vgl. von Borries, 2024, S. 30), und dass alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft (vgl. ebd., S. 9f.). Dieser Gedanke hat sich wie ein roter Faden durch meine Research-Phase gezogen. Gestaltung ist nie neutral. Sie schafft Realitäten, rahmt Wahrnehmung und positioniert sich zu bestehenden Ordnungen.
In den letzten Blogposts haben sich zwei Themen besonders verdichtet: Wut und Tod. Zwei scheinbar unterschiedliche Felder, die sich jedoch in einem Punkt berühren. Beide sind starke, existenzielle Erfahrungen. Beide werden gesellschaftlich oft verdrängt, privatisiert oder normiert. Beide erzeugen Sprachlosigkeit.
Beim Thema Wut ging es um die Frage, ob Gestaltung Emotion darstellen oder aus Emotion entstehen kann. Ob „aus Wut Gestaltung wird“ und was das für eine gestalterische Haltung bedeutet. Beim Thema Tod und Abschied ging es weniger um Ausdruck als um Schweigen. Um die irritierende Erfahrung, dass etwas so Alltägliches wie Sterben gesellschaftlich kaum besprochen wird. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wie merkwürdig diese Stummheit sein kann und das sie isoliert.
Der Satz „Der Tod ist real“ ist aus dieser Auseinandersetzung entstanden. Er wirkt banal und gleichzeitig radikal. Vielleicht weil er eine Tatsache ausspricht, die wir kollektiv oft umgehen.
Wenn ich meine Research-Beiträge insgesamt betrachte, wird deutlich, dass es mir weniger um einzelne Themen geht als um eine übergeordnete Frage: Wie kann Gestaltung Räume öffnen. Für Emotion. Für Perspektive. Für Gespräch. Für das, was gesellschaftlich schwer sagbar ist.
Wut, Tod, Lesbarkeit, politische Haltung sind Themen, welche um Sichtbarkeit und Zugang kreisen. Um Macht. Um das Verhältnis zwischen Gestaltung und Wirklichkeit.
Für den nächsten Schritt bedeutet das für mich vor allem eines: Zuspitzung. Ich muss entscheiden, ob ich mich thematisch fokussiere, etwa auf Tod und Sprachlosigkeit oder ob ich eine übergeordnete Fragestellung entwickle, die existenzielle Emotionen als Ausgangspunkt nimmt. Parallel dazu möchte ich beginnen, praktisch zu denken. Erste Gespräche führen. Stimmen sammeln. Formale Experimente wagen. Testen, wie sich Offenheit, Nähe oder Konfrontation gestalterisch anfühlen.
Die bisherige Research-Phase war kein Finden einer Antwort beziehungweise eines finalen Themas, sondern ein Schärfen meiner Haltung und Ideen. Die Kirmes im Kopf ist etwas weniger durcheinander, weil ich nun einige Themenansätze herausgearbeitet habe, die ich gerne weiter verfolgen möchte.
Author: Charlotte Poos
Thesis Research 10: Kann Design Schweigeräume öffnen?
Neben dem Thema Wut beschäftigt mich zunehmend ein anderes Feld, das ebenso existenziell ist und gleichzeitig gesellschaftlich auffallend leise behandelt wird: Tod und Abschied. Ich finde dieses Thema besonders interessant, weil es in gewisser Weise ein Tabuthema ist, obwohl es das Alltäglichste überhaupt ist. Jeden Tag sterben Menschen. Jeden Tag werden Menschen geboren. Jede Person wird im Laufe ihres Lebens unweigerlich mit dem Tod konfrontiert, sei es durch den Verlust von Angehörigen, Freundinnen oder Freunden, oder irgendwann durch den Gedanken an den eigenen Tod. Und trotzdem fällt es uns schwer, darüber zu sprechen.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie irritierend diese Schweigsamkeit sein kann. Als ich selbst einen Verlust erlebt habe, hat mich weniger die Trauer anderer irritiert als ihre Unsicherheit. Die Stummheit. Das Ausweichen. Das Gefühl, dass niemand weiß, wie man das Thema ansprechen darf. Diese Sprachlosigkeit hat mich gestört. Nicht, weil ich perfekte Worte erwartet hätte, sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr das Thema Tod aus dem öffentlichen Gespräch ausgeschlossen ist.
Natürlich ist Trauer schmerzhaft. Natürlich ist Abschied schwer. Aber warum fällt es uns so schwer, darüber offen zu sprechen, wenn es doch eine Erfahrung ist, die jede und jeder teilt.
Vielleicht liegt genau darin ein Kern des Problems. Der Tod ist real, aber er wird aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Er findet im Privaten statt. In Krankenhäusern, Hospizen, Familien. Und wenn er eintritt, fehlt vielen die Sprache.
Ein Satz von Chimamanda Ngozi Adichie begleitet mich in diesem Zusammenhang besonders:
„Trauer ist das Glück, geliebt zu haben.“
Dieser Gedanke verschiebt den Blick auf Trauer radikal. Trauer ist hier nicht nur Schmerz, sondern Ausdruck von Verbundenheit. Auch die Aussage von Eva Maria Thümling, „Trauer und Glück können koexistieren“, öffnet einen ähnlichen Raum. Trauer wird nicht als reiner Ausnahmezustand verstanden, sondern als Teil des Lebens, als etwas, das neben anderen Gefühlen existieren darf.
Im Podcast 50 über 50 spricht Stephanie Hielscher mit Leonie Jung über Tod, Verlust und Endlichkeit. Schon in der Einleitung wird deutlich, dass Tod und Trauer Themen sind, die uns ein Leben lang begleiten, über die aber kaum gesprochen wird. Ähnlich offen spricht Guido Maria Kretschmer im Format Deep und Deutlich über den Verlust seiner Eltern. Auch Joëlle berichtet dort sehr ehrlich über den Tod ihrer beiden Mütter. Diese Gespräche zeigen, dass Offenheit möglich ist. Dass Sprache entlasten kann. Dass das Teilen von Erfahrungen Verbindung schafft.
Und genau hier formt sich für mich ein weiterer Gedanke. Vielleicht geht es weniger darum, den Tod neu zu interpretieren, sondern ihn schlicht auszusprechen. Nicht symbolisch. Nicht metaphorisch. Sondern klar. Der Tod ist real.
Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick banal. Und gerade darin liegt seine Kraft. Vielleicht tun wir gesellschaftlich oft so, als wäre er es nicht. Als könnte Schweigen ihn kleiner machen. Als würde Unsichtbarkeit ihn weniger endgültig erscheinen lassen. Doch er ist real. Jeden Tag. Für irgendjemanden.
Wenn Gestaltung, wie Friedrich von Borries schreibt, politisch ist, weil sie „in die Welt interveniert“ (von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, 2024, S. 30), und wenn „alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft“ (ebd., S. 9f.), dann wäre eine gestalterische Arbeit mit dieser klaren Setzung bereits ein Eingriff. Eine Intervention gegen die gesellschaftliche Stummheit. Keine Provokation im Sinne eines Schocks, sondern eine ruhige, konsequente Benennung.
Mich interessiert weniger, den Tod selbst darzustellen, als die Sprachlosigkeit rund um ihn zu thematisieren. Das Unbehagen. Die Unsicherheit. Die Angst, etwas Falsches zu sagen. Und gleichzeitig die Sehnsucht nach Austausch. Vielleicht geht es darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen nicht perfekt reagieren müssen, sondern ehrlich.
Wut und Trauer haben für mich weiterhin eine Parallele. Beide sind starke, existenzielle Emotionen. Beide werden gesellschaftlich häufig privatisiert. Beide verlangen Raum. Beide sind zutiefst menschlich.
Im Moment weiß ich noch nicht, ob Tod und Abschied mein finales Thema sein werden. Aber ich merke sehr deutlich, dass mich der Gedanke nicht loslässt, Gestaltung als Einladung zum Gespräch zu denken. Vielleicht geht es weniger um ein einzelnes Thema, sondern um die Frage, wie Design Schweigeräume öffnen kann.
Links:
https://www.fischerverlage.de/buch/chimamanda-ngozi-adichie-trauer-ist-das-glueck-geliebt-zu-haben-9783596710164
https://www.instagram.com/p/DUplWGMDNfE/?img_index=8
https://open.spotify.com/episode/6WNHnZOAcZ9OKdnUU1Qljv
https://www.ardmediathek.de/video/deep-und-deutlich/der-verlust-meiner-eltern-oder-guido-maria-kretschmer-im-talk/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8zYjY0NGQ0Ni02NzIyLTQxZTQtYWQ2Yy02NDAwMWQxOTExNGM
https://www.ardmediathek.de/video/deep-und-deutlich/ich-habe-zwei-mal-meine-mutter-verloren-oder-joelle-im-talk/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9mMzkwMzE2NC1mYzRiLTRhMmQtYmZhZC0xZWE2MTdiMWQ5MmE
Thesis Research 09: Wut gestalten zwischen Irritation und Verantwortung
Im weiteren Verlauf meiner Recherche bin ich auf einen Artikel bei Design Made in Germany gestoßen, der sich ebenfalls mit Wut als gestalterischem Ausgangspunkt beschäftigt. Die dort vorgestellte Diplomarbeit „Wut – Eine Collage“ nähert sich dem Thema mit einem klaren Anliegen. Trauernde finden Mitleid und Trost in der Gesellschaft und jemanden, der mitlacht, findet man schnell. Doch wer wütend ist, wird oft mit seinem Gefühl allein gelassen. Aus dieser Beobachtung heraus entsteht der Anspruch, Wut nicht als rein negative Emotion zu betrachten, sondern ihre Energie konstruktiv und kreativ nutzbar zu machen.
Dieser Gedanke erinnert mich erneut an das Interview im Podcast Hotel Matze mit Caroline Wahl, in dem sie sagt: „Ich finde Wut und Zorn schöne Emotionen, weil Menschen, die wütend und zornig sind und dann das sagen und laut sind, die sind danach befreit und die sind ehrlich. Die lassen was Ehrliches raus. Deswegen bin ich für Wut.“
Gerade diese Perspektive macht deutlich, dass Wut nicht nur destruktiv gedacht werden muss, sondern auch als ehrliche, klärende Kraft verstanden werden kann. In der Diplomarbeit „Wut – Eine Collage“ scheint ein ähnlicher Gedanke mitzuschwingen. Wut wird nicht beruhigt, sondern ernst genommen. Nicht erklärt, sondern sichtbar gemacht.
Besonders interessant finde ich die bewusste Entscheidung der Gestalterin, sich nicht anzumaßen, Wut pauschal zu erklären oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen anzubieten. Stattdessen werden Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und beruflichen Kontexten vorgestellt, die jeweils ihren eigenen Umgang mit Wut gefunden haben. Wut erscheint hier nicht als einheitliches Gefühl, sondern als individuelles, vielschichtiges Phänomen.
Gestalterisch wird diese Haltung konsequent umgesetzt. Die zugrunde liegende Prämisse lautet, dass zwischen Geschmack, der mit Auslese und Geduld einhergeht, und Wut, die impulsiv und erbarmungslos ist, keine Verbindung besteht. Eine klassische, minimalistische Gestaltung wäre demnach unangebracht. Stattdessen wird Irritation bewusst eingesetzt. Gestaltungsregeln werden über Bord geworfen, visuelle Mittel wie Wingdings-Symbole oder alte Stockfotografien greifen Aspekte wie Tunnelblick oder Aggression auf. Auch das physische Trennen von Themen durch ausgerissene Seiten wird als Ausdruck von Wut verstanden.
Diese Arbeit beeindruckt mich, weil sie radikal versucht, Form und Emotion zusammenzuführen. Gleichzeitig wirft sie für mich neue Fragen auf. Ist das bewusste Brechen von Regeln automatisch ein Ausdruck von Wut. Oder entsteht hier eine neue Ästhetik, die zwar auf Wut verweist, sie aber gleichzeitig in ein gestalterisches System überführt.
In meinen bisherigen Researches habe ich mich gefragt, ob Wut gestaltet werden kann, ohne ästhetisiert zu werden. Auch hier bleibt die Spannung bestehen. „Wut – Eine Collage“ entscheidet sich bewusst gegen Minimalismus und für Irritation. Doch Irritation ist ebenfalls ein gestalterisches Mittel. Sie ist geplant, konzipiert, gerahmt. Selbst wenn Regeln gebrochen werden, geschieht dies innerhalb eines bewussten Konzepts.
Das führt mich zurück zu meinem Gedanken aus Thesis Research 08: Aus Wut wird Gestaltung. In der vorgestellten Arbeit wird deutlich, dass Wut nicht nur dargestellt, sondern zum Motor des Entwurfs gemacht wird. Gleichzeitig bleibt Gestaltung ein Eingriff. Sie wählt Mittel, setzt Grenzen und definiert Erscheinungsformen.
Hier wird auch Friedrich von Borries’ Gedanke erneut relevant, dass alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft. Auch eine Gestaltung, die sich gegen Konventionen richtet, interveniert in die Wahrnehmung. Sie entwirft eine bestimmte Sicht auf Wut und schließt andere aus.
Was ich aus diesem Beispiel mitnehme, ist weniger die konkrete Ästhetik als die Haltung dahinter. Wut wird nicht pathologisiert, sondern ernst genommen. Sie wird nicht beruhigt, sondern als Energie verstanden. Gleichzeitig wird sie nicht vereinnahmt, sondern geöffnet. Der Leser entscheidet selbst, wie er sie erlebt und was er daraus macht.
Vielleicht liegt genau hier ein wichtiger Punkt für meine eigene Arbeit. Wenn ich mich weiter mit Wut beschäftige, dann nicht im Sinne einer festen Form, sondern als offenes System. Nicht als Anleitung, sondern als Angebot. Nicht als Stil, sondern als Prozess.
Thesis Research 09 zeigt mir, dass eine Arbeit zum Thema Wut möglich ist. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie sensibel der Umgang mit dieser Emotion sein muss. Zwischen Provokation und Ernsthaftigkeit. Zwischen Irritation und Verantwortung. Zwischen Ausdruck und Gestaltung.
Links:
https://www.designmadeingermany.de/#68012
https://www.youtube.com/watch?v=_zbqX7USL9g
https://res.cloudinary.com/suhrkamp/images/q_auto/v1742120777/38677/weltentwerfen_9783518127346_leseprobe.pdf
Thesis Research 08: Zwischen Emotion, Funktion und Haltung
Nach meinen Überlegungen zur Wut als möglichem Thema meiner Masterarbeit merke ich, dass sich mein Fokus weiter verschiebt. Der Gedanke, Wut als Ausgangspunkt zu wählen, bleibt interessant. Gleichzeitig taucht immer wieder die Frage auf, welche Rolle Gestaltung dabei eigentlich einnimmt. Soll sie verstärken. Übersetzen. Strukturieren. Oder zurücktreten.
Beim Lesen des Artikels „Typografie: die Macht von ausgezeichneten Lettern“ auf red-dot.org wurde mir noch einmal deutlich, wie stark Typografie traditionell als vermittelndes Werkzeug verstanden wird. Dort wird betont, dass Schrift nicht nur Information transportiert, sondern Wahrnehmung unterbewusst beeinflusst. Gleichzeitig formuliert Akira Kobayashi sehr klar: „Das ultimative Ziel von Typedesign ist ganz simpel: zu helfen, den Lesern eine Botschaft zu vermitteln.“ Und weiter heißt es, Schrift könne ausdrucksstark sein, solle aber nicht vom Inhalt ablenken.
Auch Kurt Weidemanns Satz wird zitiert: „Gute Typografie erklärt den Inhalt. Nicht den Gestalter.“
Diese Aussagen sind nachvollziehbar. Typografie als Dienstleistung für den Inhalt. Als präzises, funktionales Werkzeug. Als Vermittlerin. Gerade im öffentlichen Raum, bei Leitsystemen oder Markenidentitäten, regelt und kontrolliert sie soziale Aktivitäten. Sie strukturiert Orientierung. Sie hilft beim Verstehen. Sie hilft beim Handeln.
Wenn ich diese Perspektive neben meine Überlegungen zur Wut stelle, entsteht eine Spannung. In Thesis Research 06 habe ich mich gefragt, wie Schrift laut sein darf, drängend, unruhig, vielleicht sogar fragmentiert. Doch wenn Typografie in erster Linie vermitteln soll, wenn sie nicht vom Inhalt ablenken soll, wo bleibt dann Raum für Emotion als eigenständige Kraft.
An dieser Stelle ist mir der Titel einer Ausstellung begegnet: „Aus Wut wird Gestaltung“. Dieser Satz beschäftigt mich besonders, weil er den Fokus verschiebt. Nicht wütende Gestaltung, sondern Gestaltung, die aus Wut entsteht. In der Beschreibung zur Ausstellung wird erläutert, wie der Erste Weltkrieg und seine traumatischen Auswirkungen das Sehen der Künstler veränderten. In den frühen Jahren der Weimarer Republik kam es zu einem künstlerischen Aufbegehren jener Generation, die den Krieg überlebt hatte. Es entstanden experimentelle Bilder, losgelöst von bisherigen Konventionen, eine bewusste Provokation des Publikums.
In den Jahren 1919 und 1920 zeigte der Mannheimer Kunstverein Ausstellungen der Gruppe „Rih“ aus Karlsruhe sowie der Berliner „Novembergruppe“. Über 240 Arbeiten ließen das Publikum die expressionistische Wucht der vom Krieg traumatisierten Künstler spüren. Zwei Ausstellungen auf dem Weg vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit, beschrieben als Situationsbericht aus der Perspektive des Mannheimer Kunstvereins in einem Vortrag von Dr. Friedrich W. Kasten und Dr. Martin Stather.
Hier wird deutlich, dass Gestaltung nicht aus einem ästhetischen Spieltrieb entstand, sondern aus einer existenziellen Erfahrung. Aus Erschütterung. Aus Trauma. Möglicherweise auch aus Wut. Die Form war Konsequenz, nicht Dekoration. Aus einem inneren Zustand wurde Gestaltung.
Dieser Gedanke verbindet sich mit Friedrich von Borries’ Verständnis von Design als Intervention. „Alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft“ (vgl. von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 9f.). Gestaltung ist nie neutral. Sie greift ein und positioniert sich zur bestehenden Ordnung (vgl. ebd., S. 30). Wenn aus Wut Gestaltung wird, dann ist diese Gestaltung nicht bloß Ausdruck, sondern Eingriff. Sie widerspricht. Sie bricht mit Gewohntem. Sie entwirft eine andere Sicht auf die Welt.
Vielleicht liegt mein Thema deshalb weniger in der Frage, wie Wut formal aussieht, sondern darin, wann aus einer inneren Haltung Gestaltung wird. Wann Emotion zur gestalterischen Notwendigkeit wird. Und wann Gestaltung lediglich Oberfläche bleibt.
Auch der Gedanke aus „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky begleitet mich weiterhin. Jede Gestaltung entsteht aus einem bestimmten Hier. Wut ist perspektivisch. Sie ist gebunden an Erfahrung. Vielleicht geht es weniger darum, Wut darzustellen, als vielmehr darum, sichtbar zu machen, aus welcher Position heraus Gestaltung entsteht.
Im Moment formt sich mein Thema nicht als eindeutige Entscheidung, sondern als Spannungsfeld. Zwischen Emotion und Struktur. Zwischen Vermittlung und Intervention. Zwischen funktionaler Typografie und einer Gestaltung, die aus einer Haltung heraus entsteht.
Vielleicht ist genau dieses Dazwischen mein eigentlicher Forschungsraum.
Links:
https://www.red-dot.org/de/magazine/typografie-die-macht-von-ausgezeichneten-lettern
https://res.cloudinary.com/suhrkamp/images/q_auto/v1742120777/38677/weltentwerfen_9783518127346_leseprobe.pdf
https://www.kuma.art/de/node/12985
Thesis Research 07: Wut gestalten? Übersetzung, Perspektive und Anwesenheit
Im letzten Research ist der Gedanke aufgekommen, Wut als möglichen Ausgangspunkt meiner Masterarbeit zu denken. Es war zunächst eine Idee, die mich intuitiv angesprochen hat. Gerade deshalb möchte ich sie weiterdenken und kritisch prüfen.
Eine der zentralen Fragen, die sich mir stellt, ist, wie man Wut überhaupt übersetzen kann. Und vielleicht noch grundlegender, ob man das sollte.
Wenn ich an wütende Typografie denke, entstehen sofort Bilder im Kopf. Verzerrte Buchstaben, gebrochene Formen, starke Kontraste, Unruhe im Satzbild. Doch genau hier beginnt mein Unbehagen. Ist das nicht eine ästhetische Verkürzung. Eine visuelle Zuschreibung. Eine Entscheidung darüber, wie Wut auszusehen hat.
In Thesis Research 06 habe ich formuliert, dass mich interessiert, wie Gestaltung Wut „nicht illustriert, sondern erfahrbar macht“. Aber was bedeutet das konkret. Sobald ich beginne, eine wütende Schrift zu gestalten, greife ich ein. Ich definiere. Ich lege fest. Ich übersetze eine Emotion in eine Formensprache. Und genau hier wird der Gedanke aus Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie von Friedrich von Borries relevant.
Von Borries schreibt: „Alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft“ (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 9f.). Und weiter: „Design ist politisch, weil es in die Welt interveniert“ (vgl. ebd., S. 30). Wenn ich also Wut gestalte, entwerfe ich nicht nur eine Form, sondern ich interveniere. Ich greife in die Wahrnehmung dieser Emotion ein. Ich bestimme, wie sie sichtbar wird. Und damit bewege ich mich im Spannungsfeld zwischen entwerfendem und unterwerfendem Design, das von Borries beschreibt (vgl. ebd., S. 36).
Die Frage ist also, ob eine wütende Typografie ein entwerfender Akt ist, der Wut Raum gibt, oder ein unterwerfender Akt, der sie in eine ästhetische Kategorie zwingt.
In diesem Zusammenhang ist mir das Buch „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky begegnet. Schon der Titel beschäftigt mich. „Was man von hier aus sehen kann“ verweist auf Perspektive. Man sieht nie alles. Man sieht nur das, was vom eigenen Standpunkt aus sichtbar ist.
Übertrage ich diesen Gedanken auf Wut, wird klar, dass auch Wut perspektivisch ist. Sie entsteht aus einem bestimmten Hier. Aus einer individuellen Erfahrung, einer Verletzung, einer Grenzüberschreitung. Wenn ich Wut gestalte, gestalte ich immer nur das, was ich von hier aus sehen kann. Meine Wut. Oder eine bestimmte, ausgewählte Wut.
Das relativiert den Anspruch, Wut darzustellen. Vielleicht geht es weniger darum zu zeigen, wie Wut aussieht, sondern darum sichtbar zu machen, von wo aus sie entsteht.
Auf dem Buchrücken von „Was man von hier aus sehen kann“ steht der Satz „von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben.“ Dieser Gedanke lässt sich weiterführen. Vielleicht kann man auch von einer unbedingten Anwesenheitspflicht der Wut sprechen.
Wut verschwindet nicht, nur weil man sie nicht gestaltet. Sie ist da. Sie wirkt. Sie interveniert. Und wenn Design, wie von Borries schreibt, immer in die Welt interveniert (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 30), dann stellt sich die Frage, ob Gestaltung Wut beruhigt oder ob sie ihre Anwesenheit ernst nimmt.
Von Borries fordert eine politische Haltung des Designs (vgl. ebd., S. 30). Eine solche Haltung könnte im Kontext von Wut bedeuten, nicht vorschnell eine Form zu definieren, sondern zunächst anzuerkennen, dass diese Emotion anwesend ist und aus einer bestimmten Perspektive spricht.
Im Moment verschiebt sich mein Thema weiter. Weg von der Frage, wie wütende Gestaltung aussieht, hin zu der Frage, wie Gestaltung mit einer anwesenden, perspektivischen Emotion umgehen kann, ohne sie zu unterwerfen. Vielleicht liegt genau in diesem Spannungsfeld zwischen Eingriff und Offenlassen, zwischen Entwerfen und Unterwerfen, der eigentliche Kern meiner Auseinandersetzung.
Links:
https://www.book2look.de/book/9783832198398&refererpath=www.dumont-buchverlag.de
https://www.youtube.com/watch?v=_zbqX7USL9g
https://res.cloudinary.com/suhrkamp/images/q_auto/v1742120777/38677/weltentwerfen_9783518127346_leseprobe.pdf
Impuls 08 Selbstinszenierung zwischen Bühne und Alltag – Podcast gSpot mit Nilam Farooq
Mein achter Impuls für Design & Research ist die Podcastfolge von gSpot mit der Schauspielerin Nilam Farooq, als Gästin. Die Folge beschäftigt sich mit dem Thema Selbstinszenierung und der Frage, wie bewusst wir jeden Tag entscheiden, wie wir nach außen wirken möchten.
Besonders spannend fand ich den Gedanken, dass jede Person sich täglich neu positionieren kann. Selbstinszenierung wird dabei nicht als etwas Oberflächliches verstanden, sondern als aktiver Prozess. Wie möchte ich wahrgenommen werden. Welche Teile meiner Persönlichkeit teile ich öffentlich. Welche bleiben privat. Und wie sehr lasse ich mich von der Meinung anderer beeinflussen.
Nilam Farooq spricht darüber, wie sie sich von ihren YouTube Anfängen bis zu ihren heutigen Rollen als Schauspielerin immer wieder neu erfinden musste. Dabei wird deutlich, dass Inszenierung nicht automatisch Unechtheit bedeutet, sondern eine bewusste Entscheidung darüber ist, welche Facetten man zeigt. Identität erscheint nicht als starres Konstrukt, sondern als etwas Bewegliches, das sich je nach Kontext verändern darf.
Ein besonders starker Gedanke aus dem Podcast war für mich die Auseinandersetzung mit äußerer Bewertung. Nilam Farooq spricht darüber, wie wichtig es ist, Kritik einzuordnen, Grenzen zu setzen und sich nicht ausschließlich über Resonanz im Außen zu definieren. Sie beschreibt sinngemäß, dass man nie allen gefallen kann und dass genau darin eine gewisse Freiheit liegt. Dieser Gedanke hat mich sehr beschäftigt. Gerade als Gestalterin bewegt man sich ständig im Spannungsfeld zwischen eigener Haltung und externer Bewertung. Entwürfe werden kommentiert, überarbeitet und hinterfragt. Gestaltung ist immer auch öffentlich und damit angreifbar. Gleichzeitig besteht die Gefahr, sich zu stark über Zustimmung oder Ablehnung zu definieren. Der Impuls aus dem Podcast hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, Kritik differenziert zu betrachten, ohne die eigene gestalterische Position aufzugeben.
Kritik einzuordnen bedeutet nicht, sie abzulehnen, sondern sie bewusst zu filtern. Welche Rückmeldung hilft dem Konzept weiter. Welche ist rein subjektiv. Wo muss ich mich anpassen, und wo darf ich bei meiner Haltung bleiben. Diese Fähigkeit, Grenzen zu setzen und sich nicht ausschließlich über Resonanz im Außen zu definieren, ist für Gestalterinnen essenziell. Sie schafft den Raum, in dem eigenständige Ideen überhaupt entstehen können.
Für mich wurde dadurch auch klar, dass Inszenierung im Design eine zentrale Rolle spielt. Jedes Projekt ist eine Entscheidung darüber, wie etwas erscheinen soll. Welche Haltung wird sichtbar. Welche Werte transportiert ein visuelles Konzept. Gestaltung ist immer auch Positionierung. Nicht nur für Marken oder Institutionen, sondern auch für uns Designerinnen selbst.
Im Designprozess stellt sich immer wieder die Frage, was gezeigt und was weggelassen wird. Wirkung entsteht nicht nur durch Präsenz, sondern auch durch Reduktion. Die bewusste Entscheidung für eine bestimmte Ästhetik, für eine typografische Haltung oder für eine visuelle Sprache ist vergleichbar mit der Entscheidung, wie man sich selbst im öffentlichen Raum präsentiert.
Der Podcast hat mir eröffnet, dass Gestaltung nicht losgelöst von Identität gedacht werden kann. Jede visuelle Entscheidung ist auch eine Aussage über Selbstverständnis und Haltung. Gleichzeitig bleibt sie wandelbar. So wie Nilam Farooq ihre Rollen wechselt und sich immer wieder neu definiert, verändern auch wir als Gestalterinnen unsere Perspektiven, Themen und Ausdrucksformen.
Der Impuls aus dieser Folge liegt für mich in der bewussten Auseinandersetzung mit Inszenierung als reflektiertem Akt der Positionierung. Nicht als reine Oberfläche, sondern als Entscheidung mit Konsequenz. Diese Gedanken möchte ich in meiner weiteren Design und Research Arbeit vertiefen, insbesondere im Hinblick darauf, wie visuelle Kommunikation Identität formt und gleichzeitig Raum für Entwicklung und Freiheit lässt.
Links:
https://open.spotify.com/episode/2QIUJc46vB6lKLYkdzl9DM?si=cR5u5lUJRKKkhk8839xDGw&nd=1&dlsi=36f5f990777545aa
https://www.instagram.com/nilam.farooq/
Impuls 07 MAK Wien: 100 Beste Plakate – Typografie als Bild, Haltung und Experiment
Mein siebter Impuls für Design & Research ist der Besuch der Ausstellung 100 Beste Plakate: Deutschland Österreich Schweiz im MAK Museum Wien, für angewandte Kunst am 10.02.2026.
Als Typografin war mir bereits vor dem Besuch bewusst, wie vielschichtig und konzeptuell stark das Medium Plakat sein kann. Die Ausstellung hat dieses Wissen jedoch nicht einfach bestätigt, sondern in seiner Bandbreite und Konsequenz sichtbar gemacht. Sie zeigte, wie unterschiedlich Haltung, Systematik und Experiment im zeitgenössischen Plakat aufeinandertreffen können.
Besonders beeindruckt hat mich die enorme Bandbreite typografischer Ansätze. Zwischen perfekter Spationierung und der bewussten Demontage klassischer Lehrsätze spannte sich ein weiter gestalterischer Raum. Einige Arbeiten wirkten streng und reduziert, andere experimentell und beinahe chaotisch. Schreibmaschinenschriften standen neben krakeliger Handschrift, analoge Anmutungen neben digitalen Prozessen. Teilweise wurde künstliche Intelligenz in den Gestaltungsprozess integriert. Dabei entstand der Eindruck, dass Typografie nicht als feststehendes System verstanden wird, sondern als offenes Feld, das ständig neu verhandelt werden kann.
In mehreren Arbeiten verloren Buchstaben ihren reinen Bedeutungsinhalt und wurden als visuelle Formen erfahrbar. Schrift wurde Bild. Der Moment, in dem Lesbarkeit an ihre Grenze kommt, erzeugt eine besondere Spannung. Man beginnt genauer hinzusehen, langsamer zu lesen und bewusster wahrzunehmen.
Besonders nachhaltig beeindruckt hat mich das Projekt „Rettungsplakate“ von Linus Knappe, einem ehemaligen Studenten der Hochschule Düsseldorf. Das Projekt wurde unter anderem mit Gold beim DDC Award ausgezeichnet. Die Idee hinter den Rettungsplakaten hinterfragt das Medium selbst und versteht das Plakat nicht nur als Werbeträger, sondern als Objekt mit gesellschaftlicher Funktion. Gestaltung erhält hier eine zusätzliche Ebene von Verantwortung. Formal überzeugen die Arbeiten durch Klarheit und Reduktion, zugleich transportieren sie eine starke konzeptuelle Haltung. Mich hat besonders angesprochen, wie selbstverständlich hier Gestaltung und Inhalt ineinandergreifen, ohne plakativ zu wirken.
Ein weiteres Projekt, das mich typografisch sehr fasziniert hat, stammt von Tao Lin, gestaltet im Atelier Ltd. Ltd. für die NewOne Awards in Shanghai. Seine Plakatserie basiert auf der Idee, dass Kreativität wie ein lebendiger Kosmos wächst. Sie saugt Inspiration aus der Umgebung auf und entwickelt sich stetig weiter. Diese Vorstellung wurde nicht illustrativ, sondern typografisch umgesetzt. Die Schrift wirkt in dieser Arbeit nicht statisch, sondern eingebunden in ein dynamisches System. Sie scheint sich auszudehnen, sich zu verdichten oder sich im Raum zu organisieren. Typografie wird hier zur Trägerin einer Idee, nicht nur zur Beschriftung. Zwischenräume werden zu aktiven Flächen, Rhythmus entsteht durch Anordnung und Wiederholung. Besonders angesprochen hat mich die Balance zwischen Kontrolle und organischer Entwicklung. Die Gestaltung wirkt präzise und zugleich lebendig.
Für meine eigene Praxis als Typografin war der Besuch dieser Ausstellung ein wichtiger Impuls. Er hat mir erneut bewusst gemacht, wie sensibel das Verhältnis von Lesbarkeit, Bildhaftigkeit und konzeptueller Klarheit ist. Ein gutes Plakat funktioniert auf Distanz ebenso wie in der Nähe. Es muss Aufmerksamkeit erzeugen und zugleich Bestand haben, wenn man genauer hinsieht.
Die Ausstellung hat mir gezeigt, dass zeitgenössisches Plakatdesign weniger von festen Regeln lebt als von bewussten Entscheidungen. Ob radikale Reduktion oder experimentelle Auflösung, entscheidend ist die Haltung dahinter. Diese Erkenntnis möchte ich in meiner weiteren Design und Research Arbeit weiterdenken und besonders im Hinblick auf Typografie als eigenständige gestalterische Kraft im öffentlichen Raum vertiefen.
Links:
https://www.mak.at/ausstellung/100besteplakate24
https://ddc.de/de/wettbewerb/ddc-award-2025/auszeichnungen/kommunikation/KOM-0034-rettungsplakate.php
https://www.instagram.com/tao.graphicdesign/?hl=de
Thesis Research 06: Wütend und Zornig Gestalten
Je weiter mein Masterprozess voranschreitet, desto deutlicher wird für mich, dass ich mich nicht nur mit politischen Inhalten beschäftigen möchte, sondern mit einer konkreten Emotion, die politisch ist. Wut. Zorn. Ärger. Nicht als Begleiterscheinung, sondern als Ausgangspunkt einer gestalterischen Auseinandersetzung. Mich interessiert, was passiert, wenn Gestaltung nicht ausgleichen, erklären oder vermitteln will, sondern eine Emotion ernst nimmt, die oft als störend, unangenehm oder unprofessionell gilt.
Ein wichtiger Impuls für diesen Gedanken war ein Interview im Podcast Hotel Matze mit Caroline Wahl, in dem sie über Wut und Zorn spricht: „Ich finde Wut und Zorn schöne Emotionen, weil Menschen, die wütend und zornig sind und dann das sagen und laut sind, die sind danach befreit und die sind ehrlich. Die lassen was Ehrliches raus. Deswegen bin ich für Wut.“
Caroline Wahl, Hotel Matze
Dieser Gedanke ist mir im Kopf geblieben. Wut wird hier nicht als destruktive Kraft verstanden, sondern als etwas Klärendes. Als Moment, in dem etwas ausgesprochen wird, das zuvor keinen Raum hatte. Als Zustand von Ehrlichkeit, der nicht vermittelt oder abgeschwächt werden muss.
Mich interessiert Wut als präzise emotionale Reaktion. Sie entsteht dort, wo Grenzen überschritten werden, wo Ungerechtigkeit erfahren wird, wo Sprache nicht mehr ausreicht oder überhört wird. In diesem Sinne ist Wut nicht irrational, sondern oft eine sehr genaue Antwort auf konkrete Erfahrungen. Genau diese Qualität macht sie für mich als Thema einer gestalterischen Arbeit relevant.
Ich frage mich, wie Gestaltung aussehen kann, wenn sie aus Wut heraus entsteht. Wie Sprache, Typografie und Form diese Emotion tragen können, ohne sie zu glätten oder zu entschärfen. Wie Schrift laut sein darf, drängend, unruhig, fragmentiert. Wie Gestaltung Spannung nicht auflöst, sondern aushält. Wut nicht illustriert, sondern erfahrbar macht.
Dabei geht es mir nicht um Provokation oder um den schnellen Effekt. Mich interessiert Wut als Zustand, der ernst genommen werden will. Als Emotion, die nicht erklärt oder beruhigt werden muss, sondern eine eigene Form finden darf. Gestaltung wird in diesem Zusammenhang nicht zur Vermittlerin, sondern zur Trägerin dieser Emotion. Sie zeigt nicht, dass jemand wütend ist, sondern schafft einen Raum, in dem Wut sichtbar und spürbar wird.
Wut als Thema meiner Masterarbeit bedeutet für mich nicht, Lösungen zu präsentieren oder Positionen zu glätten. Es bedeutet, einen emotionalen Zustand sichtbar zu machen und auszuhalten. Gestaltung nicht als Antwort, sondern als Ausdruck. Als Möglichkeit, etwas zu zeigen, das oft verdrängt, relativiert oder delegitimiert wird.
Noch ist offen, in welcher Form sich diese Auseinandersetzung konkret materialisieren wird. Typografisch, textbasiert, räumlich oder performativ. Vielleicht als Arbeit, die sich nicht beruhigen lässt. Vielleicht als Gestaltung, die sich wiederholt, widersetzt oder aufdrängt. Sicher ist für mich nur, dass Wut nicht nur ein Motiv sein soll, sondern der Ausgangspunkt meines gestalterischen Denkens.
Eine mögliche Richtung für die Umsetzung dieser Arbeit könnte darin liegen, Gestaltung nicht als Ausdruck meiner eigenen Wut zu verstehen, sondern als Raum für die Wut anderer. Mich interessiert die Idee, eine Arbeit zu entwickeln, die Interaktivität zulässt und Menschen aktiv einlädt, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Dies könnte über ein gestalterisches Tool, ein typografisches System oder eine visuelle Struktur geschehen, die nicht vorgibt, wie Wut aussehen muss, sondern Möglichkeiten eröffnet, sie zu artikulieren, zu markieren oder sichtbar zu machen. Gestaltung würde hier nicht stellvertretend sprechen, sondern einen Rahmen schaffen, in dem Emotionen Platz haben dürfen und sich individuell einschreiben können.
Thesis Research 05: Lesbarkeit, Unlesbarkeit und Macht
Mir ist sehr bewusst, dass meine Masterarbeit genauso wie auch schon meine Bachelorarbeit wieder politisch sein soll. Gleichzeitig möchte ich erneut einen klaren sprachlichen Schwerpunkt setzen und diesen selbstverständlich typografisch denken und umsetzen. Sprache, Schrift und Gestaltung verstehe ich dabei nicht als getrennte Ebenen, sondern als miteinander verwobene Werkzeuge, um Wahrnehmung, Zugang und Bedeutung zu formen. Aus genau diesem Grund möchte ich mich in diesem Blogpost mit einem Gedanken auseinandersetzen, der Sprache, Typografie und politische Wirkung unmittelbar miteinander verbindet.
Lesbarkeit gilt im Design oft als selbstverständliches Qualitätskriterium. Gute Typografie soll klar sein, verständlich, effizient. Doch je länger ich mich mit Gestaltung beschäftige, desto stärker hinterfrage ich diese scheinbare Neutralität. Wer entscheidet eigentlich, was lesbar sein muss. Für wen Gestaltung verständlich sein soll. Und wann Klarheit nicht mehr befähigt, sondern normiert.
In Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie formuliert Friedrich von Borries einen Satz, der mich in diesem Zusammenhang besonders beschäftigt: „Gutes Design hilft beim Überleben.“
F. von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, Suhrkamp, Berlin 2024, S. 53, Abs. 2.7
Zunächst klingt dieser Satz pragmatisch, beinahe funktional. Design hilft, sich zu orientieren, Informationen zu verstehen, sicher zu handeln. Überträgt man diesen Gedanken auf Typografie, wird schnell klar, wie existenziell Schrift sein kann. Lesen zu können bedeutet Zugang zu Wissen, zu Regeln, zu Rechten. Es gibt dieses banale Sprichwort: „Wer lesen kann, ist im Vorteil.“ So banal es klingt, so brutal ist seine Wahrheit. Lesbarkeit ist Macht.
Gute Schriftgestaltung, ein sicherer Umgang mit Schrift, hilft im wörtlichen Sinne beim Überleben. Formulare verstehen. Hinweise lesen. Verträge entziffern. Anweisungen folgen. Wer nicht lesen kann oder wer mit einer normierten Form von Lesbarkeit nicht vertraut ist, wird ausgeschlossen. In diesem Sinne ist Lesbarkeit kein neutraler Zustand, sondern eine gesellschaftliche Anforderung, die immer auch selektiv wirkt. Diese Perspektive lässt sich direkt mit von Borries’ Kritik an scheinbar neutralen, funktionalistischen Designmaßstäben verbinden, die politische und ethische Dimensionen von Gestaltung lange ausgeblendet haben (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 34–36).
Gleichzeitig beginnt an dieser Stelle mein Zweifel an der Gleichsetzung von Lesbarkeit und gutem Design. Denn Schrift kann mehr, als nur zu funktionieren. Sie kann auch etwas erst ermöglichen, was vorher nicht greifbar war. Besonders in der Lyrik wird das deutlich. Worte, Gefühle, Zustände, die ohne Schrift nicht existieren würden, werden durch Schriftzeichen erst sichtbar. Schrift erzeugt Bedeutung. Sie bildet Realität nicht nur ab, sie bringt sie hervor.
An diesem Punkt wird die theoretische Perspektive von Sabine Krämer zentral. In ihren Arbeiten zur Schriftbildlichkeit versteht sie Schrift nicht primär als aufgeschriebene Sprache, sondern als eigenständige kulturtechnische Praxis. Schrift ist bei ihr immer zugleich Symbolsystem und Technik. Auge und Hand, Wahrnehmung und Operation, Zeichen und Materialität wirken zusammen. Schrift besitzt eine aisthetische Dimension ihrer Erscheinung, eine operative Dimension der Replikation und Manipulierbarkeit sowie eine referentielle Dimension von Sinn und Bedeutung (vgl. Krämer, Schriftbildlichkeit, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik; sowie Krämer, Sprache – Stimme – Schrift, 2010, insbesondere S. 11–25 und S. 41–52).
Diese Sichtweise verschiebt den Fokus entscheidend. Schrift wird nicht mehr ausschließlich über Lesbarkeit definiert, sondern über ihre visuelle Gestalt, ihre Handhabung und ihre Fähigkeit, Bedeutung hervorzubringen. Lesbarkeit ist damit nur eine mögliche Funktion von Schrift, nicht ihr Wesen. Schrift existiert auch dort, wo sie sich dem unmittelbaren Lesen entzieht. In Diagrammen, Notationen, Programmiersprachen oder musikalischen Systemen.
Vor diesem Hintergrund wird Unlesbarkeit plötzlich interessant. Nicht als Defizit, sondern als gestalterische Strategie. Als bewusste Verlangsamung. Als Widerstand gegen sofortige Verständlichkeit. Unlesbare oder schwer lesbare Typografie kann irritieren, Aufmerksamkeit bündeln, schützen oder Raum für Interpretation öffnen. Sie kann sich normativen Erwartungen entziehen und alternative Formen von Bedeutung ermöglichen.
Bezogen auf die Unterscheidung zwischen entwerfendem und unterwerfendem Design, wie sie von Borries beschreibt, lässt sich Lesbarkeit neu denken. Lesbarkeit kann entwerfend sein, wenn sie Zugang schafft und Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Sie wird unterwerfend, wenn sie Normen festschreibt und alternative Ausdrucksformen ausschließt. Unlesbarkeit wiederum kann unterwerfend wirken, wenn sie bewusst ausschließt. Sie kann aber auch entwerfend sein, wenn sie Wahrnehmung öffnet und etablierte Lesegewohnheiten infrage stellt (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).
Gerade in Verbindung mit Krämers Verständnis von Schrift als kulturtechnischem Raum wird deutlich, dass Schrift nicht nur gelesen, sondern gesehen, gehandhabt und erfahren wird. Schrift ist Raum, Bewegung und Technik zugleich. Sie ist nicht bloß Medium von Sprache, sondern eine eigenständige Form der Weltaneignung und Weltgestaltung.
Für meine Masterarbeit wird hier ein zentrales Spannungsfeld sichtbar. Mich interessiert Typografie genau an dieser Grenze. Dort, wo Schrift nicht mehr nur Information transportiert, sondern Wahrnehmung formt. Wo sie sich zwischen Klarheit und Poesie, zwischen Funktion und Ausdruck bewegt. Wo Schrift nicht nur gelesen, sondern erlebt wird.
Die Frage ist nicht, ob Typografie lesbar oder unlesbar sein soll. Die Frage ist, für wen, in welchem Kontext und mit welcher Haltung gestaltet wird. Lesbarkeit ist kein Wert an sich. Sie ist eine Entscheidung. Und damit politisch.
Ein möglicher Ausgangspunkt meiner Thesis liegt in diesem Spannungsfeld. Mich interessiert, wie Typografie durch bewusste Grenzziehungen von Lesbarkeit Wahrnehmung beeinflussen kann, ohne sie vorschnell festzuschreiben. Ebenso beschäftigt mich die Frage, wie Schrift einerseits Orientierung und Sicherheit bieten kann und andererseits Bedeutungen, Stimmungen und Ausdrucksformen hervorbringt, die erst durch ihre visuelle und materielle Erscheinung entstehen.
Thesis Research 04: Raum, Wahrnehmung und Entwerfen als Haltung
Der Besuch des Balletts La Divina Commedia in der Oper Graz hat mir eindrücklich gezeigt, wie stark Gestaltung über Raum, Körper und Wahrnehmung wirkt. Durch die Auflösung des klassischen Bühnenraums und die Bewegung des Publikums durch das Gebäude wurde Wahrnehmung zu etwas Aktivem, das durch Nähe, Bewegung und eigenes Positionieren entsteht. Dieser Impuls aus dem Ballett hat sich für mich zugleich als eine wichtige Grundlage für mein Thesis Research herauskristallisiert, da er Gestaltung nicht als Darstellung, sondern als entwerfenden Prozess erfahrbar macht.
In Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie beschreibt Friedrich von Borries Design als interventionistisch. Gestaltung greift in Räume, Beziehungen und Wahrnehmungsstrukturen ein und formt dadurch die Art und Weise, wie gesellschaftliches Zusammenleben organisiert wird (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 30 sowie S. 34). Genau diese Form von Eingriff habe ich in der Inszenierung körperlich erlebt. Der Raum war nicht bloß Kulisse, sondern ein gestalteter Möglichkeitsraum, der mein Verhalten, meine Aufmerksamkeit und meine Wahrnehmung aktiv beeinflusst hat.
Besonders relevant erscheint mir dabei der Gedanke, dass gutes Design nicht unterwerfend, sondern entwerfend ist. Die räumliche Struktur des Balletts hat mir keine feste Perspektive vorgegeben. Es gab keinen eindeutigen Anfang, kein Zentrum, keinen idealen Blickpunkt. Stattdessen war ich gezwungen, selbst Entscheidungen zu treffen. Wo bleibe ich stehen. Wem schaue ich zu. Wie nah lasse ich mich heran. Wahrnehmung wurde zu einer Handlung. In diesem Sinne hat die Inszenierung nicht unterworfen, sondern entworfen. Sie hat Handlungsspielräume eröffnet (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).
Auch der zweite Teil im Opernsaal, insbesondere der Einsatz des transparenten Vorhangs, lässt sich aus dieser Perspektive lesen. Die Tänzerinnen waren sichtbar und gleichzeitig entzogen. Diese Reduktion hat Wahrnehmung nicht vereinfacht, sondern verdichtet. Das Fragmentarische, das Unklare, das Nicht-ganz-Sichtbare hat Aufmerksamkeit erzeugt und Raum für eigene Projektionen gelassen. Gestaltung wirkte hier nicht erklärend, sondern atmosphärisch und offen. Diese Offenheit lässt sich mit der von Borries beschriebenen Kritik an rein funktionalen oder ästhetischen Bewertungsmaßstäben von Design verbinden (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 34).
An diesem Punkt wird für mich die Verbindung zur Typografie besonders deutlich. Die Assoziation der Tänzerinnen hinter dem Vorhang mit Buchstaben hat mir gezeigt, dass Schrift ebenfalls als Körper im Raum gedacht werden kann. Typografie ist nicht nur Informationsträger, sondern formt Wahrnehmung, lenkt Blickbewegungen und erzeugt Spannung. Besonders dann, wenn sie sich an der Grenze von Lesbarkeit bewegt oder mit Transparenz, Fragmentierung und zeitlicher Veränderung arbeitet.
Auch hier lässt sich der Gedanke des Weltentwerfens weiterführen. Wenn Design politisch ist, weil es Wahrnehmung strukturiert, dann gilt das auch für Typografie. Schrift entscheidet darüber, was sichtbar wird, was lesbar ist und was im Unklaren bleibt. Sie kann ordnen und stabilisieren oder irritieren und öffnen. In diesem Sinne ist auch typografische Gestaltung eine Form von Haltung, die sich im Spannungsfeld von Entwerfen und Unterwerfen bewegt (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).
Für meine Masterarbeit ergibt sich daraus ein klarer Ansatzpunkt. Mich interessiert zunehmend, wie Typografie und Raum zusammenwirken können, um Wahrnehmung nicht festzuschreiben, sondern zu öffnen. Wie lassen sich Schrift, Text und Raum so gestalten, dass sie nicht nur gelesen, sondern erlebt werden. Wie können Nähe, Bewegung, Transparenz und Reduktion eingesetzt werden, um Bedeutungsräume zu entwerfen, statt eindeutige Aussagen zu fixieren.
Ein mögliches Thema für meine Thesis könnte daher die räumliche und installative Typografie als politisches Gestaltungsmittel sein. Nicht im Sinne expliziter politischer Botschaften, sondern als Untersuchung von Wahrnehmung, Zugänglichkeit und Handlungsspielräumen. Typografie würde dabei nicht als statisches Medium verstanden, sondern als etwas, das sich im Raum entfaltet, auf Körper reagiert und sich über Zeit verändert.
Die Relevanz dieses Themas liegt für mich im Spannungsfeld zwischen Entwerfen und Unterwerfen, das von Borries beschreibt (vgl. ebd., S. 36). Eine typografische Praxis, die mit Offenheit, Unschärfe und Bewegung arbeitet, kann bestehende Sehgewohnheiten irritieren und neue Formen der Teilhabe ermöglichen. Sie macht Wahrnehmung verhandelbar.