Impuls 08 Selbstinszenierung zwischen Bühne und Alltag – Podcast gSpot mit Nilam Farooq

Mein achter Impuls für Design & Research ist die Podcastfolge von gSpot mit der Schauspielerin Nilam Farooq, als Gästin. Die Folge beschäftigt sich mit dem Thema Selbstinszenierung und der Frage, wie bewusst wir jeden Tag entscheiden, wie wir nach außen wirken möchten.

Besonders spannend fand ich den Gedanken, dass jede Person sich täglich neu positionieren kann. Selbstinszenierung wird dabei nicht als etwas Oberflächliches verstanden, sondern als aktiver Prozess. Wie möchte ich wahrgenommen werden. Welche Teile meiner Persönlichkeit teile ich öffentlich. Welche bleiben privat. Und wie sehr lasse ich mich von der Meinung anderer beeinflussen.

Nilam Farooq spricht darüber, wie sie sich von ihren YouTube Anfängen bis zu ihren heutigen Rollen als Schauspielerin immer wieder neu erfinden musste. Dabei wird deutlich, dass Inszenierung nicht automatisch Unechtheit bedeutet, sondern eine bewusste Entscheidung darüber ist, welche Facetten man zeigt. Identität erscheint nicht als starres Konstrukt, sondern als etwas Bewegliches, das sich je nach Kontext verändern darf.

Ein besonders starker Gedanke aus dem Podcast war für mich die Auseinandersetzung mit äußerer Bewertung. Nilam Farooq spricht darüber, wie wichtig es ist, Kritik einzuordnen, Grenzen zu setzen und sich nicht ausschließlich über Resonanz im Außen zu definieren. Sie beschreibt sinngemäß, dass man nie allen gefallen kann und dass genau darin eine gewisse Freiheit liegt. Dieser Gedanke hat mich sehr beschäftigt. Gerade als Gestalterin bewegt man sich ständig im Spannungsfeld zwischen eigener Haltung und externer Bewertung. Entwürfe werden kommentiert, überarbeitet und hinterfragt. Gestaltung ist immer auch öffentlich und damit angreifbar. Gleichzeitig besteht die Gefahr, sich zu stark über Zustimmung oder Ablehnung zu definieren. Der Impuls aus dem Podcast hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, Kritik differenziert zu betrachten, ohne die eigene gestalterische Position aufzugeben.

Kritik einzuordnen bedeutet nicht, sie abzulehnen, sondern sie bewusst zu filtern. Welche Rückmeldung hilft dem Konzept weiter. Welche ist rein subjektiv. Wo muss ich mich anpassen, und wo darf ich bei meiner Haltung bleiben. Diese Fähigkeit, Grenzen zu setzen und sich nicht ausschließlich über Resonanz im Außen zu definieren, ist für Gestalterinnen essenziell. Sie schafft den Raum, in dem eigenständige Ideen überhaupt entstehen können.

Für mich wurde dadurch auch klar, dass Inszenierung im Design eine zentrale Rolle spielt. Jedes Projekt ist eine Entscheidung darüber, wie etwas erscheinen soll. Welche Haltung wird sichtbar. Welche Werte transportiert ein visuelles Konzept. Gestaltung ist immer auch Positionierung. Nicht nur für Marken oder Institutionen, sondern auch für uns Designerinnen selbst.

Im Designprozess stellt sich immer wieder die Frage, was gezeigt und was weggelassen wird. Wirkung entsteht nicht nur durch Präsenz, sondern auch durch Reduktion. Die bewusste Entscheidung für eine bestimmte Ästhetik, für eine typografische Haltung oder für eine visuelle Sprache ist vergleichbar mit der Entscheidung, wie man sich selbst im öffentlichen Raum präsentiert.

Der Podcast hat mir eröffnet, dass Gestaltung nicht losgelöst von Identität gedacht werden kann. Jede visuelle Entscheidung ist auch eine Aussage über Selbstverständnis und Haltung. Gleichzeitig bleibt sie wandelbar. So wie Nilam Farooq ihre Rollen wechselt und sich immer wieder neu definiert, verändern auch wir als Gestalterinnen unsere Perspektiven, Themen und Ausdrucksformen.

Der Impuls aus dieser Folge liegt für mich in der bewussten Auseinandersetzung mit Inszenierung als reflektiertem Akt der Positionierung. Nicht als reine Oberfläche, sondern als Entscheidung mit Konsequenz. Diese Gedanken möchte ich in meiner weiteren Design und Research Arbeit vertiefen, insbesondere im Hinblick darauf, wie visuelle Kommunikation Identität formt und gleichzeitig Raum für Entwicklung und Freiheit lässt.

Links:
https://open.spotify.com/episode/2QIUJc46vB6lKLYkdzl9DM?si=cR5u5lUJRKKkhk8839xDGw&nd=1&dlsi=36f5f990777545aa
https://www.instagram.com/nilam.farooq/

Impuls 07 MAK Wien: 100 Beste Plakate – Typografie als Bild, Haltung und Experiment

Mein siebter Impuls für Design & Research ist der Besuch der Ausstellung 100 Beste Plakate: Deutschland Österreich Schweiz im MAK Museum Wien, für angewandte Kunst am 10.02.2026.
Als Typografin war mir bereits vor dem Besuch bewusst, wie vielschichtig und konzeptuell stark das Medium Plakat sein kann. Die Ausstellung hat dieses Wissen jedoch nicht einfach bestätigt, sondern in seiner Bandbreite und Konsequenz sichtbar gemacht. Sie zeigte, wie unterschiedlich Haltung, Systematik und Experiment im zeitgenössischen Plakat aufeinandertreffen können.

Besonders beeindruckt hat mich die enorme Bandbreite typografischer Ansätze. Zwischen perfekter Spationierung und der bewussten Demontage klassischer Lehrsätze spannte sich ein weiter gestalterischer Raum. Einige Arbeiten wirkten streng und reduziert, andere experimentell und beinahe chaotisch. Schreibmaschinenschriften standen neben krakeliger Handschrift, analoge Anmutungen neben digitalen Prozessen. Teilweise wurde künstliche Intelligenz in den Gestaltungsprozess integriert. Dabei entstand der Eindruck, dass Typografie nicht als feststehendes System verstanden wird, sondern als offenes Feld, das ständig neu verhandelt werden kann.

In mehreren Arbeiten verloren Buchstaben ihren reinen Bedeutungsinhalt und wurden als visuelle Formen erfahrbar. Schrift wurde Bild. Der Moment, in dem Lesbarkeit an ihre Grenze kommt, erzeugt eine besondere Spannung. Man beginnt genauer hinzusehen, langsamer zu lesen und bewusster wahrzunehmen.

Besonders nachhaltig beeindruckt hat mich das Projekt „Rettungsplakate“ von Linus Knappe, einem ehemaligen Studenten der Hochschule Düsseldorf. Das Projekt wurde unter anderem mit Gold beim DDC Award ausgezeichnet. Die Idee hinter den Rettungsplakaten hinterfragt das Medium selbst und versteht das Plakat nicht nur als Werbeträger, sondern als Objekt mit gesellschaftlicher Funktion. Gestaltung erhält hier eine zusätzliche Ebene von Verantwortung. Formal überzeugen die Arbeiten durch Klarheit und Reduktion, zugleich transportieren sie eine starke konzeptuelle Haltung. Mich hat besonders angesprochen, wie selbstverständlich hier Gestaltung und Inhalt ineinandergreifen, ohne plakativ zu wirken.

Ein weiteres Projekt, das mich typografisch sehr fasziniert hat, stammt von Tao Lin, gestaltet im Atelier Ltd. Ltd. für die NewOne Awards in Shanghai. Seine Plakatserie basiert auf der Idee, dass Kreativität wie ein lebendiger Kosmos wächst. Sie saugt Inspiration aus der Umgebung auf und entwickelt sich stetig weiter. Diese Vorstellung wurde nicht illustrativ, sondern typografisch umgesetzt. Die Schrift wirkt in dieser Arbeit nicht statisch, sondern eingebunden in ein dynamisches System. Sie scheint sich auszudehnen, sich zu verdichten oder sich im Raum zu organisieren. Typografie wird hier zur Trägerin einer Idee, nicht nur zur Beschriftung. Zwischenräume werden zu aktiven Flächen, Rhythmus entsteht durch Anordnung und Wiederholung. Besonders angesprochen hat mich die Balance zwischen Kontrolle und organischer Entwicklung. Die Gestaltung wirkt präzise und zugleich lebendig.

Für meine eigene Praxis als Typografin war der Besuch dieser Ausstellung ein wichtiger Impuls. Er hat mir erneut bewusst gemacht, wie sensibel das Verhältnis von Lesbarkeit, Bildhaftigkeit und konzeptueller Klarheit ist. Ein gutes Plakat funktioniert auf Distanz ebenso wie in der Nähe. Es muss Aufmerksamkeit erzeugen und zugleich Bestand haben, wenn man genauer hinsieht.

Die Ausstellung hat mir gezeigt, dass zeitgenössisches Plakatdesign weniger von festen Regeln lebt als von bewussten Entscheidungen. Ob radikale Reduktion oder experimentelle Auflösung, entscheidend ist die Haltung dahinter. Diese Erkenntnis möchte ich in meiner weiteren Design und Research Arbeit weiterdenken und besonders im Hinblick auf Typografie als eigenständige gestalterische Kraft im öffentlichen Raum vertiefen.

Links:
https://www.mak.at/ausstellung/100besteplakate24
https://ddc.de/de/wettbewerb/ddc-award-2025/auszeichnungen/kommunikation/KOM-0034-rettungsplakate.php
https://www.instagram.com/tao.graphicdesign/?hl=de

Thesis Research 06: Wütend und Zornig Gestalten

Je weiter mein Masterprozess voranschreitet, desto deutlicher wird für mich, dass ich mich nicht nur mit politischen Inhalten beschäftigen möchte, sondern mit einer konkreten Emotion, die politisch ist. Wut. Zorn. Ärger. Nicht als Begleiterscheinung, sondern als Ausgangspunkt einer gestalterischen Auseinandersetzung. Mich interessiert, was passiert, wenn Gestaltung nicht ausgleichen, erklären oder vermitteln will, sondern eine Emotion ernst nimmt, die oft als störend, unangenehm oder unprofessionell gilt.

Ein wichtiger Impuls für diesen Gedanken war ein Interview im Podcast Hotel Matze mit Caroline Wahl, in dem sie über Wut und Zorn spricht: „Ich finde Wut und Zorn schöne Emotionen, weil Menschen, die wütend und zornig sind und dann das sagen und laut sind, die sind danach befreit und die sind ehrlich. Die lassen was Ehrliches raus. Deswegen bin ich für Wut.“
Caroline Wahl, Hotel Matze

Dieser Gedanke ist mir im Kopf geblieben. Wut wird hier nicht als destruktive Kraft verstanden, sondern als etwas Klärendes. Als Moment, in dem etwas ausgesprochen wird, das zuvor keinen Raum hatte. Als Zustand von Ehrlichkeit, der nicht vermittelt oder abgeschwächt werden muss.

Mich interessiert Wut als präzise emotionale Reaktion. Sie entsteht dort, wo Grenzen überschritten werden, wo Ungerechtigkeit erfahren wird, wo Sprache nicht mehr ausreicht oder überhört wird. In diesem Sinne ist Wut nicht irrational, sondern oft eine sehr genaue Antwort auf konkrete Erfahrungen. Genau diese Qualität macht sie für mich als Thema einer gestalterischen Arbeit relevant.

Ich frage mich, wie Gestaltung aussehen kann, wenn sie aus Wut heraus entsteht. Wie Sprache, Typografie und Form diese Emotion tragen können, ohne sie zu glätten oder zu entschärfen. Wie Schrift laut sein darf, drängend, unruhig, fragmentiert. Wie Gestaltung Spannung nicht auflöst, sondern aushält. Wut nicht illustriert, sondern erfahrbar macht.

Dabei geht es mir nicht um Provokation oder um den schnellen Effekt. Mich interessiert Wut als Zustand, der ernst genommen werden will. Als Emotion, die nicht erklärt oder beruhigt werden muss, sondern eine eigene Form finden darf. Gestaltung wird in diesem Zusammenhang nicht zur Vermittlerin, sondern zur Trägerin dieser Emotion. Sie zeigt nicht, dass jemand wütend ist, sondern schafft einen Raum, in dem Wut sichtbar und spürbar wird.

Wut als Thema meiner Masterarbeit bedeutet für mich nicht, Lösungen zu präsentieren oder Positionen zu glätten. Es bedeutet, einen emotionalen Zustand sichtbar zu machen und auszuhalten. Gestaltung nicht als Antwort, sondern als Ausdruck. Als Möglichkeit, etwas zu zeigen, das oft verdrängt, relativiert oder delegitimiert wird.

Noch ist offen, in welcher Form sich diese Auseinandersetzung konkret materialisieren wird. Typografisch, textbasiert, räumlich oder performativ. Vielleicht als Arbeit, die sich nicht beruhigen lässt. Vielleicht als Gestaltung, die sich wiederholt, widersetzt oder aufdrängt. Sicher ist für mich nur, dass Wut nicht nur ein Motiv sein soll, sondern der Ausgangspunkt meines gestalterischen Denkens.

Eine mögliche Richtung für die Umsetzung dieser Arbeit könnte darin liegen, Gestaltung nicht als Ausdruck meiner eigenen Wut zu verstehen, sondern als Raum für die Wut anderer. Mich interessiert die Idee, eine Arbeit zu entwickeln, die Interaktivität zulässt und Menschen aktiv einlädt, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Dies könnte über ein gestalterisches Tool, ein typografisches System oder eine visuelle Struktur geschehen, die nicht vorgibt, wie Wut aussehen muss, sondern Möglichkeiten eröffnet, sie zu artikulieren, zu markieren oder sichtbar zu machen. Gestaltung würde hier nicht stellvertretend sprechen, sondern einen Rahmen schaffen, in dem Emotionen Platz haben dürfen und sich individuell einschreiben können.


Thesis Research 05: Lesbarkeit, Unlesbarkeit und Macht

Mir ist sehr bewusst, dass meine Masterarbeit genauso wie auch schon meine Bachelorarbeit wieder politisch sein soll. Gleichzeitig möchte ich erneut einen klaren sprachlichen Schwerpunkt setzen und diesen selbstverständlich typografisch denken und umsetzen. Sprache, Schrift und Gestaltung verstehe ich dabei nicht als getrennte Ebenen, sondern als miteinander verwobene Werkzeuge, um Wahrnehmung, Zugang und Bedeutung zu formen. Aus genau diesem Grund möchte ich mich in diesem Blogpost mit einem Gedanken auseinandersetzen, der Sprache, Typografie und politische Wirkung unmittelbar miteinander verbindet.

Lesbarkeit gilt im Design oft als selbstverständliches Qualitätskriterium. Gute Typografie soll klar sein, verständlich, effizient. Doch je länger ich mich mit Gestaltung beschäftige, desto stärker hinterfrage ich diese scheinbare Neutralität. Wer entscheidet eigentlich, was lesbar sein muss. Für wen Gestaltung verständlich sein soll. Und wann Klarheit nicht mehr befähigt, sondern normiert.

In Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie formuliert Friedrich von Borries einen Satz, der mich in diesem Zusammenhang besonders beschäftigt: „Gutes Design hilft beim Überleben.“
F. von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, Suhrkamp, Berlin 2024, S. 53, Abs. 2.7

Zunächst klingt dieser Satz pragmatisch, beinahe funktional. Design hilft, sich zu orientieren, Informationen zu verstehen, sicher zu handeln. Überträgt man diesen Gedanken auf Typografie, wird schnell klar, wie existenziell Schrift sein kann. Lesen zu können bedeutet Zugang zu Wissen, zu Regeln, zu Rechten. Es gibt dieses banale Sprichwort: „Wer lesen kann, ist im Vorteil.“ So banal es klingt, so brutal ist seine Wahrheit. Lesbarkeit ist Macht.

Gute Schriftgestaltung, ein sicherer Umgang mit Schrift, hilft im wörtlichen Sinne beim Überleben. Formulare verstehen. Hinweise lesen. Verträge entziffern. Anweisungen folgen. Wer nicht lesen kann oder wer mit einer normierten Form von Lesbarkeit nicht vertraut ist, wird ausgeschlossen. In diesem Sinne ist Lesbarkeit kein neutraler Zustand, sondern eine gesellschaftliche Anforderung, die immer auch selektiv wirkt. Diese Perspektive lässt sich direkt mit von Borries’ Kritik an scheinbar neutralen, funktionalistischen Designmaßstäben verbinden, die politische und ethische Dimensionen von Gestaltung lange ausgeblendet haben (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 34–36).

Gleichzeitig beginnt an dieser Stelle mein Zweifel an der Gleichsetzung von Lesbarkeit und gutem Design. Denn Schrift kann mehr, als nur zu funktionieren. Sie kann auch etwas erst ermöglichen, was vorher nicht greifbar war. Besonders in der Lyrik wird das deutlich. Worte, Gefühle, Zustände, die ohne Schrift nicht existieren würden, werden durch Schriftzeichen erst sichtbar. Schrift erzeugt Bedeutung. Sie bildet Realität nicht nur ab, sie bringt sie hervor.

An diesem Punkt wird die theoretische Perspektive von Sabine Krämer zentral. In ihren Arbeiten zur Schriftbildlichkeit versteht sie Schrift nicht primär als aufgeschriebene Sprache, sondern als eigenständige kulturtechnische Praxis. Schrift ist bei ihr immer zugleich Symbolsystem und Technik. Auge und Hand, Wahrnehmung und Operation, Zeichen und Materialität wirken zusammen. Schrift besitzt eine aisthetische Dimension ihrer Erscheinung, eine operative Dimension der Replikation und Manipulierbarkeit sowie eine referentielle Dimension von Sinn und Bedeutung (vgl. Krämer, Schriftbildlichkeit, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik; sowie Krämer, Sprache – Stimme – Schrift, 2010, insbesondere S. 11–25 und S. 41–52).

Diese Sichtweise verschiebt den Fokus entscheidend. Schrift wird nicht mehr ausschließlich über Lesbarkeit definiert, sondern über ihre visuelle Gestalt, ihre Handhabung und ihre Fähigkeit, Bedeutung hervorzubringen. Lesbarkeit ist damit nur eine mögliche Funktion von Schrift, nicht ihr Wesen. Schrift existiert auch dort, wo sie sich dem unmittelbaren Lesen entzieht. In Diagrammen, Notationen, Programmiersprachen oder musikalischen Systemen.

Vor diesem Hintergrund wird Unlesbarkeit plötzlich interessant. Nicht als Defizit, sondern als gestalterische Strategie. Als bewusste Verlangsamung. Als Widerstand gegen sofortige Verständlichkeit. Unlesbare oder schwer lesbare Typografie kann irritieren, Aufmerksamkeit bündeln, schützen oder Raum für Interpretation öffnen. Sie kann sich normativen Erwartungen entziehen und alternative Formen von Bedeutung ermöglichen.

Bezogen auf die Unterscheidung zwischen entwerfendem und unterwerfendem Design, wie sie von Borries beschreibt, lässt sich Lesbarkeit neu denken. Lesbarkeit kann entwerfend sein, wenn sie Zugang schafft und Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Sie wird unterwerfend, wenn sie Normen festschreibt und alternative Ausdrucksformen ausschließt. Unlesbarkeit wiederum kann unterwerfend wirken, wenn sie bewusst ausschließt. Sie kann aber auch entwerfend sein, wenn sie Wahrnehmung öffnet und etablierte Lesegewohnheiten infrage stellt (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).

Gerade in Verbindung mit Krämers Verständnis von Schrift als kulturtechnischem Raum wird deutlich, dass Schrift nicht nur gelesen, sondern gesehen, gehandhabt und erfahren wird. Schrift ist Raum, Bewegung und Technik zugleich. Sie ist nicht bloß Medium von Sprache, sondern eine eigenständige Form der Weltaneignung und Weltgestaltung.

Für meine Masterarbeit wird hier ein zentrales Spannungsfeld sichtbar. Mich interessiert Typografie genau an dieser Grenze. Dort, wo Schrift nicht mehr nur Information transportiert, sondern Wahrnehmung formt. Wo sie sich zwischen Klarheit und Poesie, zwischen Funktion und Ausdruck bewegt. Wo Schrift nicht nur gelesen, sondern erlebt wird.

Die Frage ist nicht, ob Typografie lesbar oder unlesbar sein soll. Die Frage ist, für wen, in welchem Kontext und mit welcher Haltung gestaltet wird. Lesbarkeit ist kein Wert an sich. Sie ist eine Entscheidung. Und damit politisch.

Ein möglicher Ausgangspunkt meiner Thesis liegt in diesem Spannungsfeld. Mich interessiert, wie Typografie durch bewusste Grenzziehungen von Lesbarkeit Wahrnehmung beeinflussen kann, ohne sie vorschnell festzuschreiben. Ebenso beschäftigt mich die Frage, wie Schrift einerseits Orientierung und Sicherheit bieten kann und andererseits Bedeutungen, Stimmungen und Ausdrucksformen hervorbringt, die erst durch ihre visuelle und materielle Erscheinung entstehen.

Thesis Research 04: Raum, Wahrnehmung und Entwerfen als Haltung

Der Besuch des Balletts La Divina Commedia in der Oper Graz hat mir eindrücklich gezeigt, wie stark Gestaltung über Raum, Körper und Wahrnehmung wirkt. Durch die Auflösung des klassischen Bühnenraums und die Bewegung des Publikums durch das Gebäude wurde Wahrnehmung zu etwas Aktivem, das durch Nähe, Bewegung und eigenes Positionieren entsteht. Dieser Impuls aus dem Ballett hat sich für mich zugleich als eine wichtige Grundlage für mein Thesis Research herauskristallisiert, da er Gestaltung nicht als Darstellung, sondern als entwerfenden Prozess erfahrbar macht.

In Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie beschreibt Friedrich von Borries Design als interventionistisch. Gestaltung greift in Räume, Beziehungen und Wahrnehmungsstrukturen ein und formt dadurch die Art und Weise, wie gesellschaftliches Zusammenleben organisiert wird (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 30 sowie S. 34). Genau diese Form von Eingriff habe ich in der Inszenierung körperlich erlebt. Der Raum war nicht bloß Kulisse, sondern ein gestalteter Möglichkeitsraum, der mein Verhalten, meine Aufmerksamkeit und meine Wahrnehmung aktiv beeinflusst hat.

Besonders relevant erscheint mir dabei der Gedanke, dass gutes Design nicht unterwerfend, sondern entwerfend ist. Die räumliche Struktur des Balletts hat mir keine feste Perspektive vorgegeben. Es gab keinen eindeutigen Anfang, kein Zentrum, keinen idealen Blickpunkt. Stattdessen war ich gezwungen, selbst Entscheidungen zu treffen. Wo bleibe ich stehen. Wem schaue ich zu. Wie nah lasse ich mich heran. Wahrnehmung wurde zu einer Handlung. In diesem Sinne hat die Inszenierung nicht unterworfen, sondern entworfen. Sie hat Handlungsspielräume eröffnet (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).

Auch der zweite Teil im Opernsaal, insbesondere der Einsatz des transparenten Vorhangs, lässt sich aus dieser Perspektive lesen. Die Tänzerinnen waren sichtbar und gleichzeitig entzogen. Diese Reduktion hat Wahrnehmung nicht vereinfacht, sondern verdichtet. Das Fragmentarische, das Unklare, das Nicht-ganz-Sichtbare hat Aufmerksamkeit erzeugt und Raum für eigene Projektionen gelassen. Gestaltung wirkte hier nicht erklärend, sondern atmosphärisch und offen. Diese Offenheit lässt sich mit der von Borries beschriebenen Kritik an rein funktionalen oder ästhetischen Bewertungsmaßstäben von Design verbinden (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 34).

An diesem Punkt wird für mich die Verbindung zur Typografie besonders deutlich. Die Assoziation der Tänzerinnen hinter dem Vorhang mit Buchstaben hat mir gezeigt, dass Schrift ebenfalls als Körper im Raum gedacht werden kann. Typografie ist nicht nur Informationsträger, sondern formt Wahrnehmung, lenkt Blickbewegungen und erzeugt Spannung. Besonders dann, wenn sie sich an der Grenze von Lesbarkeit bewegt oder mit Transparenz, Fragmentierung und zeitlicher Veränderung arbeitet.

Auch hier lässt sich der Gedanke des Weltentwerfens weiterführen. Wenn Design politisch ist, weil es Wahrnehmung strukturiert, dann gilt das auch für Typografie. Schrift entscheidet darüber, was sichtbar wird, was lesbar ist und was im Unklaren bleibt. Sie kann ordnen und stabilisieren oder irritieren und öffnen. In diesem Sinne ist auch typografische Gestaltung eine Form von Haltung, die sich im Spannungsfeld von Entwerfen und Unterwerfen bewegt (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).

Für meine Masterarbeit ergibt sich daraus ein klarer Ansatzpunkt. Mich interessiert zunehmend, wie Typografie und Raum zusammenwirken können, um Wahrnehmung nicht festzuschreiben, sondern zu öffnen. Wie lassen sich Schrift, Text und Raum so gestalten, dass sie nicht nur gelesen, sondern erlebt werden. Wie können Nähe, Bewegung, Transparenz und Reduktion eingesetzt werden, um Bedeutungsräume zu entwerfen, statt eindeutige Aussagen zu fixieren.

Ein mögliches Thema für meine Thesis könnte daher die räumliche und installative Typografie als politisches Gestaltungsmittel sein. Nicht im Sinne expliziter politischer Botschaften, sondern als Untersuchung von Wahrnehmung, Zugänglichkeit und Handlungsspielräumen. Typografie würde dabei nicht als statisches Medium verstanden, sondern als etwas, das sich im Raum entfaltet, auf Körper reagiert und sich über Zeit verändert.

Die Relevanz dieses Themas liegt für mich im Spannungsfeld zwischen Entwerfen und Unterwerfen, das von Borries beschreibt (vgl. ebd., S. 36). Eine typografische Praxis, die mit Offenheit, Unschärfe und Bewegung arbeitet, kann bestehende Sehgewohnheiten irritieren und neue Formen der Teilhabe ermöglichen. Sie macht Wahrnehmung verhandelbar.


Thesis Research 03: Gutes Design, schlechtes Design und die Frage nach Haltung

Beim Weiterlesen in Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie verdichtet sich für mich ein zentraler Gedanke immer stärker. Wenn Design politisch ist, dann braucht es auch Kriterien, um Gestaltung zu bewerten. Nicht ästhetisch, nicht funktional, nicht ökonomisch, sondern ethisch und gesellschaftlich.

„Eine politische Designtheorie bietet deshalb Kriterien für ein anderes Bewertungsraster an. Sie setzt als Maßstäbe für gut und schlecht auf ethische und politische, nicht auf ästhetische, funktionalistische oder ökonomische Kategorien. Als gut wird entwerfendes, als schlecht unterwerfendes Design angesehen.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, Suhrkamp, S. 36

Dieser Perspektivwechsel ist für mich besonders inspirierend, weil er die gewohnte Frage nach guter Gestaltung radikal verschiebt. Es geht nicht mehr darum, ob etwas schön, effizient oder marktfähig ist, sondern darum, ob Design Handlungsspielräume eröffnet oder einschränkt. Ob es entwirft oder unterwirft.

„Gutes Design ist nicht unterwerfend, sondern entwerfend.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 37

Diese scheinbar einfache Aussage hat eine enorme Tragweite. Sie zwingt dazu, Gestaltung nicht nur als Ergebnis, sondern als Wirkung zu denken. Was ermöglicht ein Entwurf. Wen befähigt er. Wen schließt er aus. Welche Beziehungen entstehen dadurch und welche werden verhindert.

Im Kapitel über gutes und schlechtes Design wird deutlich, dass Designgeschichte lange versucht hat, Qualität anhand formaler oder funktionaler Kriterien festzumachen. Politische und ethische Dimensionen wurden dabei oft bewusst ausgeklammert.

„In der Geschichte des Designs gab es etliche Versuche, Kriterien für Qualitätsurteile über Design zu finden. Dabei wurde Design entweder ästhetisch oder funktional oder gar nach ökonomischem Erfolg bewertet. Politische und ethische Kriterien wurden lange abgelehnt.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 34

Für meine eigene Arbeit ist das ein wichtiger Punkt. Viele gesellschaftlich wirksame Gestaltungen funktionieren formal hervorragend und sind trotzdem problematisch, weil sie bestehende Machtverhältnisse stabilisieren oder Ungleichheiten reproduzieren. Eine politische Designtheorie bietet hier ein Werkzeug, um genauer hinzusehen und Verantwortung nicht an Neutralitätsbehauptungen abzugeben.

Besonders eindrücklich ist in diesem Zusammenhang auch der Bezug auf Bruno Latour und die Idee, dass Design immer eine ethische Dimension enthält. Sobald Gestaltung nicht nur Objekte, sondern Systeme, Städte, Technologien oder soziale Strukturen formt, ist moralische Verantwortung unausweichlich.

„Es ist, als würden Materialität und Moralität schließlich verschmelzen.“
Bruno Latour, zitiert nach Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 36

Dieser Satz bleibt bei mir hängen, weil er Gestaltung als etwas beschreibt, das nicht von Haltung zu trennen ist. Design kann sich nicht hinter Fakten, Funktionen oder reiner Umsetzung verstecken. Jede Entscheidung ist eine Positionierung.

Auch der Blick auf Dieter Rams und die berühmten „Zehn Thesen zum Design“ wird in diesem Kontext neu gelesen. Obwohl sie lange als Grundlage guter Gestaltung galten, zeigt sich aus politischer Perspektive eine gewisse Leerstelle. Die wiederholte Aussage „Gutes Design ist …“ bleibt oft im Formalen verhaftet und blendet gesellschaftliche Wirkung weitgehend aus.

„Die in den zehn Thesen wiederkehrende Aussage ‚Gutes Design ist …‘ stand Pate für die Formulierung der Schlusssätze der folgenden Kapitel.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 35

Für mich wird hier eine Spannung sichtbar zwischen einem Designverständnis, das auf Reduktion, Neutralität und Zurückhaltung setzt, und einem Designverständnis, das sich seiner politischen Wirksamkeit bewusst ist. Gerade diese Spannung ist produktiv für meine weitere Themenfindung.

Was nehme ich daraus für meine Masterarbeit mit.
Zum einen die klare Erkenntnis, dass es nicht reicht, politische Themen visuell zu bearbeiten. Entscheidend ist, wie gestaltet wird. Ob Gestaltung Handlungsmöglichkeiten öffnet, Beteiligung ermöglicht und Zugänge schafft. Oder ob sie still ordnet und damit auch unterwirft.

Zum anderen bestärkt mich dieser Abschnitt darin, Design nicht als Lösung, sondern als Frageform zu denken. Gestaltung als Angebot, als Einladung, als Intervention, die sich bewusst in gesellschaftliche Prozesse einschreibt.

Dieser Text schärft meinen Blick dafür, dass gutes Design nicht darin liegt, möglichst wenig aufzufallen, sondern darin, Verantwortung für seine Wirkung zu übernehmen. Genau hier sehe ich einen zentralen Ansatzpunkt für meine weitere Arbeit.

Thesis Research 02: Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, Friedrich von Borries

Aufbauend auf meiner Bachelorarbeit möchte ich mich auch innerhalb meiner Masterarbeit weiterhin mit politischen Inhalten beschäftigen. Gestaltung verstehe ich als Möglichkeit, visuellen Stimmen Raum zu geben und damit Inhalten mehr Macht, Sichtbarkeit und Zugänglichkeit zu verleihen. Dieses Potenzial von Design möchte ich weiter nutzen und vertiefen.

In meiner Bachelorarbeit „Was denkst du?“ – Fragen zur Vielfalt in unserer Gesellschaft habe ich mich mit gesellschaftlicher Diversität, Teilhabe und Dialog beschäftigt. Das Projekt zielte darauf ab, Menschen einzubeziehen, Fragen sichtbar zu machen und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen. Die Arbeit wurde im Rahmen des DDC Wettbewerbs 2025 eingereicht und ausgezeichnet.
https://www.wasdenkstdu.org/
https://ddc.de/de/wettbewerb/ddc-award-2025/auszeichnungen/kommunikation/KOM-0219-was-denkst-du.php

Beim Lesen von Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, bin ich erneut auf einen Textabschnitt gestoßen, der vieles von dem zusammenfasst, was mich an Gestaltung interessiert und motiviert: „Design ist politisch, weil es in die Welt interveniert. Dies erfordert eine politische Haltung des Designers. Viele Designer verstehen ihre gestalterische Arbeit nicht als politisch. Aufgrund des Spannungsfelds von Entwerfen und Unterwerfen ist Design, im Gegensatz zur freien Kunst, aber immer politisch. Design gestaltet die Form, in der eine Gesellschaft ihr Zusammenleben organisiert. Design ist seinem Wesen nach interventionistisch, denn es greift konkret in Objektkonstellationen, Räume, Beziehungen ein. Mit dem Gestalteten positioniert sich daher jeder Designer bewusst oder unbewusst zur bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Sie wird bestätigt, unterstützt, kritisiert oder unterlaufen, was sich in der Geschichte des Designs ablesen lässt.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, Suhrkamp, S. 30

Was mich an diesem Abschnitt besonders inspiriert, ist die klare Benennung von Design als Eingriff. Gestaltung wird hier nicht als neutrale oder rein ästhetische Tätigkeit verstanden, sondern als aktiver Teil gesellschaftlicher Prozesse. Jede gestalterische Entscheidung wirkt auf die Art und Weise, wie Menschen sich orientieren, bewegen, wahrnehmen und miteinander in Beziehung treten.

Der Gedanke, dass Design die Form bestimmt, in der gesellschaftliches Zusammenleben organisiert wird, macht mir noch einmal bewusst, wie viel Verantwortung in Gestaltung liegt. Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und Ausschluss entstehen nicht zufällig, sondern werden gestaltet. Auch wenn Design nicht ausdrücklich politisch gemeint ist, trägt es immer eine Haltung in sich. Es bestätigt bestehende Ordnungen oder stellt sie infrage.

Der Text von von Borries hilft mir, meine eigene Arbeit bewusster einzuordnen und weiterzudenken. Gestaltung wird für mich zu einer Form der Haltung. Nicht im Sinne einer eindeutigen Antwort, sondern als fortlaufender Prozess des Fragens, Erprobens und Reflektierens. Für meine Masterarbeit eröffnet sich daraus ein Möglichkeitsraum, in dem gesellschaftliche Themen, Machtverhältnisse, Teilhabe und visuelle Zugänglichkeit zentrale Rollen spielen können.

Impuls 06 La Divina Commedia – Ballett, Raum und typografische Wahrnehmung

Mein sechster Impuls für Design & Research 3 ist mein Besuch des Balletts La Divina Commedia in der Grazer Oper Graz, am 28.01.26. Seit ich denken kann, gehe ich regelmäßig ins Ballett. Umso besonderer war es für mich, hier eine Inszenierung zu erleben, die das klassische Format nicht nur erweitert, sondern grundlegend neu gedacht hat.

Die erste Hälfte des Balletts fand nicht im Opernsaal statt, sondern in den unterschiedlichen Räumen der Oper. Als Publikum bewegte man sich frei durch das Gebäude und konnte die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer in performativen Situationen beobachten. Diese Erfahrung erinnerte mich stark an einen Museumsbesuch, bei dem man selbst entscheidet, wie lange man verweilt und aus welcher Perspektive man beobachtet. Dadurch entstand keine lineare Erzählung, sondern eine individuelle Abfolge von Eindrücken.

Besonders intensiv war die unmittelbare Nähe zu den Tänzerinnen und Tänzern. Teilweise stand man so nah, dass es sich anfühlte, als würde man gleich Teil der Performance werden. Durch die dichte Situation im Raum kam es vor, dass man die Körper fast berührte. Diese Nähe erzeugte eine starke körperliche Präsenz und machte Bewegung, Atmung und Anspannung deutlich spürbar. Gleichzeitig hatte man das Gefühl, dass die Performenden auf das Publikum reagierten. Durch Blicke, Richtungswechsel oder kleine Gesten entstand eine Form von Interaktion, die die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum vollständig auflöste.

Diese räumliche Inszenierung hat mich besonders angesprochen, weil sie die Rolle des Publikums grundlegend verändert. Man ist nicht mehr passiv, sondern wird Teil der Situation. Wahrnehmung entsteht hier durch Bewegung, durch Nähe und durch das eigene Positionieren im Raum. Gestaltung funktioniert dabei nicht isoliert, sondern immer in Relation zum Körper der Betrachtenden.

Im zweiten Teil verlagerte sich das Geschehen in den Opernsaal. Nach der offenen und bewegten ersten Hälfte wirkte dieser Wechsel beinahe beruhigend. Umso eindrucksvoller war der reduzierte Einsatz von Bühnenmitteln. Besonders ein transparenter Vorhang ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Hinter diesem Vorhang bewegten sich die Tänzerinnen, ihre Körper waren nur schemenhaft sichtbar. Die Bewegungen wirkten dadurch entrückt und poetisch, fast so, als würden sie sich zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden bewegen.

In diesem Moment wurde mir auch ein sehr persönlicher Zugang bewusst, da ich die Inszenierung unmittelbar aus einer typografischen Perspektive wahrgenommen habe. Als Typografin musste ich beim Anblick der Tänzerinnen hinter dem transparenten Vorhang unweigerlich an Buchstaben denken. Die Körper, die nur fragmentarisch sichtbar waren, erinnerten mich an Zeichen, die sich dem vollständigen Erfassen entziehen und gerade dadurch eine besondere Spannung erzeugen.

Buchstaben können etwas sehr Tänzerisches und Akrobatisches haben. Besonders moderne Serifenschriften tragen Bewegung und Balance bereits in ihrer Form. Ich musste dabei konkret an die Schrift „Serif Babe“ der Schriftgestalterin Charlotte Rohde denken. Ihre stark ausgeprägten Serifen wirken beinahe wie Körper, die Position halten. Ähnlich wie im Ballett entstehen Spannung und Ausdruck genau in diesem Moment des Innehaltens. Die Serifen sind nicht bloß dekorative Elemente, sondern scheinen das Zeichen zu tragen und ihm Haltung zu geben.

Diese Assoziation hat meinen Blick darauf geschärft, dass Typografie nicht nur Information transportiert, sondern immer auch Wahrnehmung formt. Besonders dann, wenn sie sich an der Grenze von Lesbarkeit bewegt oder bewusst mit Transparenz, Unschärfe und zeitlicher Veränderung arbeitet. Wie die Tänzerinnen hinter dem Vorhang entfalten Buchstaben ihre Wirkung oft nicht durch vollständige Sichtbarkeit, sondern durch das, was angedeutet bleibt.

Der Gedanke, Typografie räumlich und installativ zu denken, hat mich seitdem stark beschäftigt. Eine Arbeit mit Schrift, Text und Licht, die sich ständig zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden bewegt, erscheint mir als eine spannende gestalterische Möglichkeit. Dieses Wechselspiel könnte Wahrnehmung ähnlich herausfordern wie das Ballett selbst und den Fokus weg vom reinen Lesen hin zum Erleben verschieben.

Für meine Design und Research Arbeit war dieser Abend insgesamt ein wichtiger Impuls. La Divina Commedia hat mir deutlich gemacht, wie stark Gestaltung über Raum, Körper, Zeit und Nähe wirkt. Besonders die Verbindung von Bewegung, Reduktion und Wahrnehmung hat mir neue Perspektiven eröffnet, die sich sowohl auf räumliche als auch auf grafische Fragestellungen übertragen lassen.

Der Besuch des Balletts war für mich damit weit mehr als ein ästhetisches Erlebnis. Er hat meinen Blick dafür geschärft, wie wirkungsvoll Offenheit, Reduktion und körperliche Präsenz in der Gestaltung sein können. Diese Gedanken möchte ich in meiner weiteren Forschung bewusst weiterdenken und auf typografische sowie räumliche Konzepte übertragen.

Links:
https://oper-graz.buehnen-graz.com/produktion/la-divina-comedia/

https://www.youtube.com/watch?v=k6o2SkFaQTs

https://www.charlotterohde.de/typefaces?utm_source=ig&utm_medium=social&utm_content=link_in_bio&fbclid=PAZXh0bgNhZW0CMTEAc3J0YwZhcHBfaWQMMjU2MjgxMDQwNTU4AAGnyihjna3g6MdrqXap37NHbLAvCKjwyR_MHE8eyMGGEyni8ctZEc8eCNTBOqw_aem_jy_ND6ImpzYCkDYGl0mS1w

Impuls 05 Klanglichter Graz 2025

Mein fünfter Impuls für Design & Research 3 ist mein Besuch des Festivals Klanglicht Ende Oktober in Graz. Klanglicht ist kein klassischer Ausstellungsbesuch, sondern ein nächtlicher Parcours durch den Stadtraum, in dem Licht, Klang und Bewegung temporär neue Wahrnehmungssituationen schaffen. Gerade diese Verlagerung von Kunst in den öffentlichen Raum hat für mich einen starken gestalterischen Impuls ausgelöst, da Gestaltung hier nicht isoliert funktioniert, sondern immer im Zusammenspiel mit Umgebung, Körper und Zeit.

Besonders angesprochen haben mich Installationen, die nicht auf visuelle Überforderung setzen, sondern auf Wahrnehmung, Atmosphäre und Reduktion. Zwei Arbeiten sind mir dabei nachhaltig im Gedächtnis geblieben: The Weather Project von Olafur Eliasson sowie AFTEREAL von Yasuhiro Chida.

Die Arbeit The Weather Project war in der Orangerie im Burggarten installiert und hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Der Raum war von Licht, Nebel und Klang erfüllt und erzeugte eine künstliche Wetterlage, die sich nur schwer rational greifen ließ. Das Licht erinnerte an eine abstrahierte Sonne, die sich im Nebel ausbreitete und den gesamten Raum in eine diffuse, fast zeitlose Atmosphäre tauchte. Man hatte nicht das Gefühl, vor einem Kunstwerk zu stehen, sondern sich innerhalb eines Zustands zu befinden. Mich hat diese Installation so stark angezogen, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr gehen zu wollen. Zeit spielte plötzlich keine Rolle mehr. Der Nebel ließ Konturen verschwimmen, Bewegungen wurden langsamer, das eigene Sehen unsicherer. The Weather Project machte mir sehr deutlich, wie stark Wahrnehmung konstruiert ist und wie Gestaltung nicht nur visuell, sondern körperlich und emotional wirkt. Eliassons Arbeit zeigt, dass Licht kein Effekt ist, sondern ein Material, das Raum, Stimmung und Verhalten formt.

Einen ganz anderen, aber ebenso intensiven Zugang zur Wahrnehmung bot AFTEREAL von Yasuhiro Chida im Burggarten. Die Installation erinnerte an den magischen Effekt von Wunderkerzen, an das Zeichnen mit Licht in der Luft. Hunderte elastische, sich bewegende Drähte wurden durch UV Licht zum Leuchten gebracht. Ihre wellenförmigen Bewegungen erzeugten ein Bild, das physisch eigentlich gar nicht existiert. Stattdessen entsteht es im Gehirn der Betrachtenden durch das schnelle Aneinanderreihen einzelner Lichtmomente.

Was mich an AFTEREAL besonders fasziniert hat, war die Einfachheit der Mittel im Verhältnis zur emotionalen Wirkung. Trotz der Reduktion entstand ein tief berührendes Erlebnis. Das leuchtende Bild bleibt im Gedächtnis, obwohl es materiell nie wirklich da war. Chidas Arbeit macht deutlich, dass das, was wir als Realität wahrnehmen, ein Konstrukt unserer Augen und unseres Gehirns ist. Diese Erkenntnis hat mich stark beschäftigt, da sie den Fokus weg vom Objekt hin zur Wahrnehmung selbst lenkt.

Für meine Design und Research Arbeit ist genau dieser Gedanke zentral. Gestaltung erzeugt nicht nur sichtbare Formen, sondern beeinflusst, wie Menschen Realität wahrnehmen, erinnern und emotional einordnen. Klanglicht hat mir gezeigt, dass Wirkung oft zeitlich verzögert entsteht und dass Gestaltung im Nachhall weiterarbeitet. Besonders im Vergleich zu klassischen grafischen Arbeiten wurde mir bewusst, dass auch dort Wahrnehmung kein statischer Zustand ist.

Ein weiterer Aspekt, der mich nachhaltig inspiriert hat, ist die Rolle des Körpers im Raum. Beide Installationen funktionieren nur durch Bewegung, durch Annäherung, Verweilen und Perspektivwechsel. Je nachdem, wie man sich positioniert, verändert sich das Erlebte. Diese Abhängigkeit von Zeit und Position lässt sich auch auf Grafikdesign übertragen. Wahrnehmung ist nie neutral und nie unabhängig vom Kontext.

Der Besuch von Klanglicht war für mich damit mehr als ein ästhetisches Erlebnis. Er hat meinen Blick dafür geschärft, wie stark Gestaltung Wahrnehmung formt und wie wirkungsvoll Reduktion, Atmosphäre und Zeitlichkeit sein können. Besonders The Weather Project und AFTEREAL haben mir gezeigt, dass Gestaltung dann am stärksten ist, wenn sie nicht alles erklärt, sondern Raum für eigenes Erleben lässt. Diese Erkenntnisse möchte ich in meiner weiteren Forschung bewusst weiterdenken und auf grafische und räumliche Fragestellungen übertragen.

https://klanglicht.buehnen-graz.com/installation/8-eye-see-you/
https://olafureliasson.net/

https://lightart-collection.com/artworks/aftereal
https://yasuhirochida.com/

Impuls 04 Klang Raum Spannung

Konzert von Wallners im PPC in Graz

Mein vierter Impuls für Design & Research ist der Besuch eines Konzerts der Band Wallners aus Wien, im PPC in Graz. Im Vergleich zu meinen bisherigen Impulsen war dieses Event stark über Atmosphäre, Klang und visuelle Zurückhaltung definiert. Gerade diese bewusste Gestaltung von Stimmung hat für mich einen klaren gestalterischen Reiz erzeugt.

Besonders eindrucksvoll war für mich das Opening des Konzerts. Zu Beginn war der Raum nahezu vollständig dunkel und stark vernebelt. Man hörte bereits den Gesang, konnte die Band jedoch noch nicht sehen. Diese Trennung von Stimme und Sichtbarkeit empfand ich als sehr starkes Gestaltungselement. Die Reduktion auf Klang erzeugte eine hohe Spannung und lenkte die Aufmerksamkeit vollständig auf das Hören. Erst nach und nach wurde die Bühne sichtbar, wodurch sich der Raum langsam öffnete. Dieser Moment hat mir gezeigt, wie wirkungsvoll zeitliche Verzögerung und kontrolliertes Sichtbarmachen sein können.

Auch im weiteren Verlauf des Konzerts spielte das Zusammenspiel von Musik, Licht und Raum eine große Rolle. Die Lichtstimmung war reduziert, aber sehr gezielt eingesetzt und unterstützte die emotionale Wirkung der Songs, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Die Bühne lebte dabei fast ausschließlich von einem konstant leichten Nebel, der je nach Song und Album in unterschiedliche Farbstimmungen getaucht wurde. So wurden einzelne Alben durch spezifische Farbwelten visuell markiert etwa Blau in Kombination mit Lila oder Pink oder verblasste Blau Weiß Töne.

Dadurch entstand nicht nur ein akustischer Wiedererkennungswert durch die Musik, sondern zusätzlich eine visuelle Codierung über Farbe. Die Songs waren somit auch farblich eindeutig zuordenbar. Diese bewusste Verknüpfung von Klang und Farbgestaltung empfand ich als besonders starkes Gestaltungsmittel. Es entstand ein geschlossenes Gesamtbild, in dem jedes Element eine klare Funktion hatte. Gestaltung funktionierte hier nicht über Überinszenierung, sondern über Präzision und Wiedererkennbarkeit.

Die Musik von Wallners ist ruhig, emotional und klar strukturiert. Es geht weniger um Lautstärke oder große Gesten, sondern um Feinheit, Wiederholung und subtile Veränderungen. Diese Zurückhaltung prägte auch die Atmosphäre im Raum. Das Publikum war aufmerksam und konzentriert, was das gemeinsame Erleben zusätzlich verstärkte.

Besonders inspiriert hat mich die Präsenz der Band auf der Bühne. Sie wirkte ruhig und fokussiert, ohne dominantes Auftreten. Diese Form von Präsenz hat mir gezeigt, dass Ausdruck nicht laut sein muss, um wirksam zu sein. Auch im Design können leise Entscheidungen eine starke Wirkung entfalten, wenn sie bewusst und klar gesetzt sind.

Für meine eigene Designpraxis nehme ich aus diesem Konzert vor allem das Prinzip der Reduktion und der zeitlichen Steuerung von Wahrnehmung mit. Inhalte müssen nicht sofort vollständig sichtbar sein, um zu funktionieren. Spannung kann entstehen, wenn Information bewusst zurückgehalten wird. Gerade im Umgang mit Layout, Typografie und Rhythmus sehe ich darin eine wertvolle gestalterische Strategie.

Das Konzert war für mich damit nicht nur ein musikalisches Erlebnis, sondern ein klarer Impuls, Gestaltung stärker über Atmosphäre, Timing und Zurückhaltung zu denken.

Abschließend hat mir das Konzert noch einmal sehr deutlich gezeigt, wie nah sich Musik und Gestaltung insbesondere Grafikdesign und Typografie eigentlich sind. In beiden Bereichen erfordert Gestaltung ein hohes Maß an Feingefühl. Es geht darum, welcher Ton welche Stimmung auslöst, genauso wie darum, welche Typografie welche Wirkung erzeugt. In beiden Fällen entsteht Gestaltung in einem ständigen Wechselspiel zwischen Störung und Balance. Genau dieses Spannungsverhältnis ist sowohl in der Musik als auch im Grafikdesign essenziell.

Durch dieses Konzert habe ich zudem noch einmal verstanden, dass Inspiration für meine grafische Arbeit nicht ausschließlich aus visuellen Eindrücken entstehen muss. Inspiration bedeutet nicht zwangsläufig, etwas zu sehen, sondern kann genauso stark aus dem Akustischen kommen. Klang, Rhythmus und Atmosphäre können neue visuelle Ideen auslösen und gestalterische Prozesse anstoßen. Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf Inspiration erweitert und mir gezeigt, wie wertvoll interdisziplinäre Wahrnehmung für meine gestalterische Praxis ist.

Links
https://www.youtube.com/watch?v=81toZio7qqM&list=RD81toZio7qqM&start_radio=1

https://open.spotify.com/artist/3EdHRW9KganBlpKU12OQos

https://www.youtube.com/shorts/OGZrvTvU0yc

https://www.youtube.com/shorts/xau4D7J57i4