Thesis Research 09: Wut gestalten zwischen Irritation und Verantwortung

Im weiteren Verlauf meiner Recherche bin ich auf einen Artikel bei Design Made in Germany gestoßen, der sich ebenfalls mit Wut als gestalterischem Ausgangspunkt beschäftigt. Die dort vorgestellte Diplomarbeit „Wut – Eine Collage“ nähert sich dem Thema mit einem klaren Anliegen. Trauernde finden Mitleid und Trost in der Gesellschaft und jemanden, der mitlacht, findet man schnell. Doch wer wütend ist, wird oft mit seinem Gefühl allein gelassen. Aus dieser Beobachtung heraus entsteht der Anspruch, Wut nicht als rein negative Emotion zu betrachten, sondern ihre Energie konstruktiv und kreativ nutzbar zu machen.

Dieser Gedanke erinnert mich erneut an das Interview im Podcast Hotel Matze mit Caroline Wahl, in dem sie sagt: „Ich finde Wut und Zorn schöne Emotionen, weil Menschen, die wütend und zornig sind und dann das sagen und laut sind, die sind danach befreit und die sind ehrlich. Die lassen was Ehrliches raus. Deswegen bin ich für Wut.“

Gerade diese Perspektive macht deutlich, dass Wut nicht nur destruktiv gedacht werden muss, sondern auch als ehrliche, klärende Kraft verstanden werden kann. In der Diplomarbeit „Wut – Eine Collage“ scheint ein ähnlicher Gedanke mitzuschwingen. Wut wird nicht beruhigt, sondern ernst genommen. Nicht erklärt, sondern sichtbar gemacht.

Besonders interessant finde ich die bewusste Entscheidung der Gestalterin, sich nicht anzumaßen, Wut pauschal zu erklären oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen anzubieten. Stattdessen werden Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und beruflichen Kontexten vorgestellt, die jeweils ihren eigenen Umgang mit Wut gefunden haben. Wut erscheint hier nicht als einheitliches Gefühl, sondern als individuelles, vielschichtiges Phänomen.

Gestalterisch wird diese Haltung konsequent umgesetzt. Die zugrunde liegende Prämisse lautet, dass zwischen Geschmack, der mit Auslese und Geduld einhergeht, und Wut, die impulsiv und erbarmungslos ist, keine Verbindung besteht. Eine klassische, minimalistische Gestaltung wäre demnach unangebracht. Stattdessen wird Irritation bewusst eingesetzt. Gestaltungsregeln werden über Bord geworfen, visuelle Mittel wie Wingdings-Symbole oder alte Stockfotografien greifen Aspekte wie Tunnelblick oder Aggression auf. Auch das physische Trennen von Themen durch ausgerissene Seiten wird als Ausdruck von Wut verstanden.

Diese Arbeit beeindruckt mich, weil sie radikal versucht, Form und Emotion zusammenzuführen. Gleichzeitig wirft sie für mich neue Fragen auf. Ist das bewusste Brechen von Regeln automatisch ein Ausdruck von Wut. Oder entsteht hier eine neue Ästhetik, die zwar auf Wut verweist, sie aber gleichzeitig in ein gestalterisches System überführt.

In meinen bisherigen Researches habe ich mich gefragt, ob Wut gestaltet werden kann, ohne ästhetisiert zu werden. Auch hier bleibt die Spannung bestehen. „Wut – Eine Collage“ entscheidet sich bewusst gegen Minimalismus und für Irritation. Doch Irritation ist ebenfalls ein gestalterisches Mittel. Sie ist geplant, konzipiert, gerahmt. Selbst wenn Regeln gebrochen werden, geschieht dies innerhalb eines bewussten Konzepts.

Das führt mich zurück zu meinem Gedanken aus Thesis Research 08: Aus Wut wird Gestaltung. In der vorgestellten Arbeit wird deutlich, dass Wut nicht nur dargestellt, sondern zum Motor des Entwurfs gemacht wird. Gleichzeitig bleibt Gestaltung ein Eingriff. Sie wählt Mittel, setzt Grenzen und definiert Erscheinungsformen.

Hier wird auch Friedrich von Borries’ Gedanke erneut relevant, dass alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft. Auch eine Gestaltung, die sich gegen Konventionen richtet, interveniert in die Wahrnehmung. Sie entwirft eine bestimmte Sicht auf Wut und schließt andere aus.

Was ich aus diesem Beispiel mitnehme, ist weniger die konkrete Ästhetik als die Haltung dahinter. Wut wird nicht pathologisiert, sondern ernst genommen. Sie wird nicht beruhigt, sondern als Energie verstanden. Gleichzeitig wird sie nicht vereinnahmt, sondern geöffnet. Der Leser entscheidet selbst, wie er sie erlebt und was er daraus macht.

Vielleicht liegt genau hier ein wichtiger Punkt für meine eigene Arbeit. Wenn ich mich weiter mit Wut beschäftige, dann nicht im Sinne einer festen Form, sondern als offenes System. Nicht als Anleitung, sondern als Angebot. Nicht als Stil, sondern als Prozess.

Thesis Research 09 zeigt mir, dass eine Arbeit zum Thema Wut möglich ist. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie sensibel der Umgang mit dieser Emotion sein muss. Zwischen Provokation und Ernsthaftigkeit. Zwischen Irritation und Verantwortung. Zwischen Ausdruck und Gestaltung.

Links:
https://www.designmadeingermany.de/#68012
https://www.youtube.com/watch?v=_zbqX7USL9g
https://res.cloudinary.com/suhrkamp/images/q_auto/v1742120777/38677/weltentwerfen_9783518127346_leseprobe.pdf

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