IMPULS #4 – Schowkampftraining samt Dreh von INDES Wien

Rückblickend war das Projekt, welches im Rahmen der Lehrveranstaltung Design and Research 2 entstanden ist, eines jener Projekte, bei denen mir erstmals klar wurde, dass sich meine bisher eher intuitiv verfolgten Interessen an historisch akkuraten Gefechten in Filmen und Videospielen tatsächlich zu einem tragfähigen Masterarbeitsthema formen lassen könnten. Die Arbeit mit den Schwertkampfchoreografien von den Teilnehmer:innen aus INDES Wien machte viele der theoretischen Überlegungen, die mich bereits zuvor beschäftigt hatten, nach und nach greifbar und praktisch überprüfbar.

Ich war bei diesem Projekt aktiv am Dreh beteiligt und sowohl während der Generalprobe am Vortag als auch beim eigentlichen Dreh hauptverantwortlich für die Kameraarbeit. Anschließend kümmerte ich mich ebenso um die Postproduktion im Alleingang. Die Choreografien selbst wurden von den Teilnehmenden des Kurses ausgearbeitet und waren nicht speziell für die Kamera adaptiert, sondern entsprachen in ihrer Struktur und Ausführung weitgehend realistischen, trainingsnahen Abläufen. Genau das machte das Projekt für mich besonders interessant, da ich anhand der zuvor gesendeten Handyvideos und zur Finalisierung direkt bei der Generalprobe Kamerabewegungen und -winkel definieren musste, um ebenjene Kampfabläufe visuell lesbar zu machen. Die einzige Vorgabe, die die Teilnehmenden nach Absprache zwischen dem Trainer Thomas Hofer und mir bekamen, war, dass die Choreografien zwischen 30 und 60 Sekunden maximal dauern dürfen.

Insgesamt wurden vier Choreografien umgesetzt, darunter eine mit langem Messer sowie drei mit langem Schwert, wobei zwei davon zusätzlich mit Dolch als Beiwaffe gearbeitet waren. Diese Vielfalt an Waffen stellte unterschiedliche Anforderungen an die Bildauswahl, denn gerade bei den Kombinationen mit Beiwaffen wurde mir spätestens beim Schnitt bewusst, wie schnell Bewegungen oder auch der Waffenwechsel visuell unübersichtlich werden können, wenn Kameraposition in dieser Situation nicht präzise gewählt sind oder nicht früh genug gezeigt wird, dass die Kontrahent:innen eine Sekundärwaffe mit sich führen. Aspekte wie die korrekte Wahl der Achse, dem Einsatz spezieller Techniken, wie beispielsweise das Winden oder Ringen in der Messerchoreografie, sowie die Beziehung der beiden Fechtenden im Raum zueinander spielten dabei eine wichtige Rolle und ich merkte spätestens bei der zweiten Choreografie, dass kleine Entscheidungen in der Kameraposition oder des Winkels bereits großen Einfluss darauf haben, ob eine Aktion für den Zuseher nachvollziehbar bleibt, spektakulär in Szene gesetzt ist oder aufgrund von Unübersichtlichkeit ihre Wirkung verliert.

Auch das Tempo der Choreografie war ein nicht zu unterschätzendes Element bei der Produktion. Besonders Team 2 mit Ben und Simon setzte ihre Choreografie mit etwa 70% der möglichen Geschwindigkeit um, um die Handlungen weiterhin lesbar zu machen. In einer Statischen Totalaufnahme setzten sie die Choreografie in 90%iger Geschwindikeit um, was für mich als Kenner der Materie bereits schwer war, alle Aktionen klar nachzuvollziehen. Das Tempo war jedoch beeindruckend, stellte mir jedoch vor die Frage ob ich einerseits das benötigte Können habe, um eine solch schnelle Szene auf professionellen Level zu filmen schaffe, oder ob es mehr Sinn macht, etwas Tempo einzubüßen und dafür die Nachvollziehbarkeit in den VOrdergrund zu bringen. LEtztendlich habe ich mich mit gemeinsamer Absprache mit Tom für zweiteres entschieden, da auch 70%ige Geschwindigkeit für die meisten Menschen ausgesprochen schnell wirkt.

Spannend war für mich war während der Produktion auch, wie stark sich die Kameraarbeit und Choreografie gegenseitig beeinflussen, denn während der Generalprobe konnte ich gut beobachten und erproben, welche Bewegungen gut lesbar sind, aus welchem Winkel die Kamera am besten die Darsteller samt Waffen verfolgen sollte und wo es zu potentiellen Brüchen kommen könnte, was durch die Raumgröße der Location von Zeit zu Zeit gegeben war. EIn großer Fokus lag für mich bei der Lesbarkeit der Aktionen und darauf, Bewegungsabläufe verständlich abzubilden, ohne dabei die Nähe der Charaktere zu verlieren, jedoch habe ich beim Schnitt wiederum gemerkt, wie ich wiederholt dazu tendierte, mich in Nahaufnahmen zu verlieren, welche die Emotionen besoders in den Vordergrund stellte, was wiederum Orientierung und Nachvollziehbarkeit der Choreografie einbüßte.

Die Arbeit mit INDES Wien hat mir gezeigt, dass sich reale, historisch fundierte Kampfabläufe sehr wohl filmisch umsetzen lassen, wenn Kameraarbeit, Timing, fechttechnisches Know-How und räumliches Verständnis bewusst zusammenspielen. Gerade im Kontext der historischen Fechtkunst ist diese Übersetzungsleistung ziemlich anspruchsvoll, da die historisch belegten Techniken oft weniger ausladend und fürs ungeschulte Auge unsichtbarer sind, als es filmische Konventionen erwarten lassen.

Wie ganz zu Beginn genannt, war diese Produktion der Start, an dem ich begann, mein Design&Research Thema als ernst zu nehmenden Teil einer möglichen Masterarbeit zu betrachten und nicht mehr nur als ein spannendes Projekt, welches sich als interessante Abwechslung in meinem Portfolio anbieten würde.

#3 Fernöstliche Choreografien: ein Spiel zwischen Kameraästhetik und Kampfkunst

Während westliche Actionfilme in der Darstellung von Gewalt und Bewegung oft auf Tempo, Wucht und Schnittintensität setzen, verfolgen asiatische Martial-Arts-Produktionen seit Jahrzehnten eine völlig andere Strategie. Was in Hollywood häufig als reines Spektakel präsentiert wird, ist in Filmen aus China, Japan oder Südostasien tief verwoben mit Geschichte, Philosophie und kultureller Identität. Die Kampfkunst steht hier nicht nur für physische Auseinandersetzung, sie ist Trägerin von Traditionen, Werten und künstlerischem Ausdruck, was wiederum auch auf die Kamera- und Schnittarbeit Einfluss hat.

In diesem Beitrag möchte ich die filmische Inszenierung von asiatischen Martial-Arts-Szenen mit westlichen Action-Inszenierungen vergleichen und analysieren, was wir aus dieser Gegenüberstellung lernen können, gerade im Hinblick auf Kameraarbeit, Shotdauer und choreografischen Anspruch.

Kampfkunst als kulturelles Narrativ

Kampfkünste wie Wushu, Karate, Taekwondo oder Silat sind im asiatischen Raum nicht nur als Sportarten verankert, sondern als lebendiges Kulturerbe. In Ländern wie China oder Japan sind sie eng mit spirituellen, philosophischen und historischen Weltbildern verknüpft. Filmische Adaptionen dieser Traditionen sind daher oft mehr als bloßes Actionkino, sie sind visuelle Hommagen an jahrhundertealte Praktiken. Filme wie Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000), Hero (2002) oder Fearless (2006) inszenieren Kampf nicht als brutalen Konflikt, sondern als kunstvolles Spiel mit Raum, Rhythmus und Bedeutung. Dabei wird nicht nur der Kampf selbst gezeigt, auch die Körperbeherrschung, die Präzision und die Ästhetik der Bewegung stehen im Fokus.

Längere Einstellungen und Slow-Motion

Was besonders auffällt: Im Gegensatz zum westlichen Kino setzen asiatische Martial-Arts-Filme häufig auf lange Einstellungen, in denen die Choreografie klar und vollständig sichtbar bleibt. Schnitte werden reduziert, nicht aus dramaturgischer Schwäche, sondern aus Respekt gegenüber der Bewegung. Die Kamera hält inne, beobachtet – und lässt dem Können der Darsteller*innen Raum zur Entfaltung.

Gerade in Szenen aus Ip Man (2008) oder dem klassischen Drunken Master (1978) mit Jackie Chan wird deutlich, wie bewusst Regie und Kameraarbeit darauf ausgerichtet sind, Technik sichtbar zu machen. Dabei kommt nicht selten Slow-Motion zum Einsatz, nicht als Effekt, sondern als stilistisches Mittel, um komplexe Bewegungen zu verlangsamen und ihre Qualität hervorzuheben1. Schlagkombinationen, Ausweichbewegungen, Körperrotationen – alles wird lesbar, greifbar und wertgeschätzt.

Ein zentrales Gestaltungsmittel ist dabei auch die bewusste Wahl der Einstellungsgröße: Totale und Halbtotale sind häufig, Close-Ups hingegen selten. Der ganze Körper soll sichtbar sein, denn schließlich ist die Bewegung als Ganzes die eigentliche Aussage.

Vergleich zum westlichen Kino

Dem gegenüber stehen viele westliche Actionfilme, in denen Kampf hauptsächlich als funktionales Mittel zum Spannungsaufbau dient. Bewegungsabläufe werden oft in kurzen, zerschnittenen Einstellungen gezeigt, häufig in Nahaufnahme und mit hektischer Kameraführung, um Dynamik zu simulieren. Dies führt zwar zu hoher Energie im Bild, lässt jedoch technische Präzision und choreografisches Verständnis oft vermissen. Nicht selten wird so der fehlende Kampfsport-Hintergrund der Darsteller*innen kaschiert. Die Kamera springt, die Schnitte verdecken Unsauberkeiten, das Sounddesign übernimmt die Wirkung. In vielen Fällen sind es die Stunt-Performer*innen, die den Kampf tragen, während Schauspieler*innen nur in wenigen Momenten direkt im Frame agieren.

Ein Paradebeispiel für diesen Unterschied liefert der Vergleich zwischen Crouching Tiger, Hidden Dragon2 und einem westlichen Actionfilm wie Taken3. Während bei Crouching Tiger, Hidden Dragon die Kampfchoreografien regelmäßig über viele Sekunden aus eine Einstellung zu sehen ist und den beeindruckenden Grad an Erfahrung zur Geltung bringt, wird in Taken der Nahkampf in etlichen Mikroshots zerstückelt – was zwar Adrenalin erzeugt, aber oft wenig Einblick in Technik oder Raum gibt.

Was ich aus asiatischen Martial-Arts-Filmen mitnehme

Der asiatische Zugang zeigt: Eine Kamera muss nicht immer mittendrin sein, sie darf auch beobachten, würdigen, sich zurücknehmen. Gerade wenn ich an bewaffneten Choreografien arbeite, ist es essenziell, dass das Bild den Bewegungen Platz gibt, um nicht nur die Action, sondern auch die genaue Bewegung zu zeigen.

Ich möchte daher im Schnitt versuchen, bewusst mit längeren Takes und übersichtlichen Einstellungsgrößen (sollte der Drehort es zulassen) zu arbeiten, um Technik und Timing sichtbar zu machen. Mein Ziel ist nicht, Action zu verschleiern, sondern sie verständlich und nachvollziehbar zu erzählen.

Kampfkunst ist mehr als Action. Sie ist Ausdruck, Disziplin und Teil eines kulturelles Erbes. Asiatische Martial-Arts-Filme zeigen, wie sich filmische Gestaltung diesem Anspruch unterordnen kann, ohne an Spannung zu verlieren. Im Gegenteil: Durch Klarheit, Rhythmus und Respekt gegenüber der Bewegung entsteht eine filmische Kraft, die weit über bloße Action hinausgeht.

Für mich ist dieser Zugang ein Vorbild zur bewussten Auseinandersetzung mit Kamera, Schnitt und Bildgestaltung, denn nur wer die Bewegung und deren Ziel versteht, kann sie auch richtig filmen.

  1. Drunken Master | Final Fight Freddy Wong VS. “Thunderleg” ↩︎
  2. Crouching Tiger, Hidden Dragon: Jen vs. Shu Lien Sword Fight ↩︎
  3. Taken Movie: Liam Neeson | I Told You I Would Find You ↩︎