#6 Das Gegenteil von Tiefenschärfe

Aktuelle High-End-TV-Produktionen wie Shōgun, The Bear oder The Last of Us markieren einen signifikanten Paradigmenwechsel in der visuellen Gestaltung: Die Abkehr vom „Deep Focus“ hin zu einer extrem geringen Schärfentiefe (Shallow Depth of Field). Basierend auf aktuellen technischen Analysen von IndieWire und The Ringer untersucht dieser Beitrag die technologischen Kausalitäten (Großformatsensoren) und die medienpsychologischen Funktionen (subjektive Wahrnehmung) dieses Trends.

1. Fallstudie: Optische Verzerrung als narratives Mittel in Shōgun

Wie The Ringer in seiner Analyse der FX-Serie Shōgun darlegt, ist die visuelle Unschärfe kein bloßes Stilmittel, sondern erfüllt eine spezifische narrative Funktion. Die Serie nutzt anamorphotische Objektive (spezifisch: Hawk V-Lite and class-X) in Kombination mit digitalen Sensoren (Sony Venice), um bewusst optische Fehler zu erzeugen.

Normalerweise gelten Randunschärfen und Verzerrungen als technische Mängel. In Shōgun jedoch wird die sogenannte geometrische Aberration und das „Swirly Bokeh“ (der strudelförmige Unschärfebereich) semantisch aufgeladen. Sie visualisieren den psychologischen Zustand des Protagonisten John Blackthorne. Die optische Desorientierung korreliert mit seiner kulturellen Desorientierung im feudalen Japan. Das Bild wird klaustrophobisch; die Ränder der Wahrnehmung verschwimmen buchstäblich, was den Zuschauer zwingt, den Fokus exklusiv auf das Zentrum des Geschehens zu richten. Dadurch wird natürlich auch das Center-Framing zu einem wichtigen Teil der Bildgestaltung.

2. Die Physik des „Large Format“: Warum der Hintergrund verschwindet

Der Trend zur Unschärfe ist nicht rein ästhetisch motiviert, sondern technisch determiniert durch den Industriewechsel zu Großformatsensoren (Large Format / Full Frame), wie sie in den Emmy-nominierten Produktionen dominieren.

Der physikalische Zusammenhang lässt sich wie folgt beschreiben:

Um auf einem größeren Sensor denselben Bildwinkel (Field of View) zu erhalten wie auf einem herkömmlichen Super-35mm-Sensor, muss die Brennweite (f) des Objektivs verlängert werden. Es gilt das optische Prinzip:

Das bedeutet: Eine Vergrößerung der Brennweite führt – bei gleichbleibender Blende und Distanz – zu einer exponentiellen Abnahme der Schärfentiefe.

Filmemacher sind durch die Nutzung moderner Kameras wie der ARRI Alexa LF oder Sony Venice physikalisch dazu gezwungen, mit unschärferen Hintergründen zu arbeiten, sofern sie nicht extrem stark abblenden (was wiederum mehr Licht erfordert). Die „Kinematographie der Unschärfe“ ist somit eine direkte Konsequenz der Sensor-Evolution.

3. Die „Re-Analogisierung“ des digitalen Bildes

Ein weiterer Aspekt, den IndieWire beleuchtet, ist die Gegenbewegung zur digitalen Perfektion. Moderne 4K- und 8K-Kameras liefern ein klinisch reines Bild, das oft als „steril“ oder „videospielartig“ (Hyperrealismus) empfunden wird.

Um diese digitale Härte zu brechen, nutzen Kameraleute (DoPs) das Verfahren des „Detuning“. Dabei werden moderne Objektive modifiziert oder Vintage-Gläser verwendet, um:

  • Chromatische Aberrationen (Farbsäume)
  • Vignettierung (Randabdunklung)
  • Sphärische Aberrationen (Weichzeichnung)

wieder einzuführen. Diese Artefakte verleihen dem Bild eine „organische“ Textur. Oft wird auch ein Höherer ISO Wert benutzt um mehr Details in then Highlights des Bildes zu behalten und den digitalen “Grain” zu verstärken.

Die Entscheidung solch einen Look für eine TV Serie zu benutzen verstehen nicht alle die SHOGUN gesehen haben. Die Serie erntete viel Kritik für ihr Aussehen. Darcy Touhey, director, producer, und camera assistant der als Film Loader bei Shogun gearbeitet hat, versichert, dass alles an diesem Look beabsichtigt war. 12-14 Monitore am Set zeigten genau das Bild, das die Zuschauer jetzt sehen. Außerdem fügte er hinzu:
“people are focused on the lenses way too much when considering the cinematography of [Shogun]. The cinematography shines in this show because of the intense commitment from every department towards realism and authenticity. The sets, both studio and location, were unbelievable. The attention to detail was astounding. … A good show looks good because of every aspect of production.”

Fazit

Die aktuelle Dominanz der geringen Schärfentiefe ist das Resultat einer Konvergenz aus technologischer Notwendigkeit (Large Format Sensoren) und narrativer Strategie (Fokus auf subjektive Psychologie). Filme und Serien bilden nicht mehr eine objektive Realität ab (wie im Deep Focus des klassischen Hollywood-Kinos), sondern simulieren eine selektive, oft fragmentierte Wahrnehmung, die stark mit Themen wie Isolation und individueller Überforderung in der modernen Gesellschaft resonieren kann.

Im Falle der Serie SHOGUN: Die anfänglich starke visuelle Verzerrung (durch die Linsenwahl) nimmt im Verlauf der Serie bewusst ab. Dies folgt einer klaren narrativen Logik: Die visuelle „Grammatik“ spiegelt die Entwicklung des Protagonisten Blackthorne wider. Während zu Beginn seine Desorientierung durch optische Effekte visualisiert wurde, klärt sich die Bildsprache in späteren Folgen, sobald er die Sprache lernt und die Kultur besser versteht. Obwohl die technische Ausrüstung (Kameras und anamorphotische Objektive) über die gesamte Staffel identisch blieb, wurde der Grad der Verfremdung reduziert, um diese Anpassung darzustellen. Alles daran war eine aktive und bewusste Entscheidung um den Zuschauer das Gefühl der Story weiterzugeben.

Im Endeffekt ist es eine Entscheidung die vor der Produktion des Films getroffen wird. Alles hängt davon ab was der Story helfen wird. Jede Entscheidung sollte bewusst sein und darauf hinauslaufen den Film immersiver und glaubwürdiger zu gestalten. Außer das Ziel ist genau das Gegenteil davon.

Surrey, M. (2024, April 8). Why does ‘Shōgun’ look like that? The Ringer. https://www.theringer.com/2024/04/08/tv/shogun-cinematography-tv-background-blur-anamorphic-lens-effect

O’Falt, C. (2020, August 13). Emmy Cinematography Survey: The Cameras and Lenses of the Nominees. IndieWire. https://www.indiewire.com/features/general/emmy-cinematography-cameras-lenses-best-tv-1234581022/

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