Der indonesische Film The Raid (2011) von Regisseur Gareth Evans gilt nicht wegen bombastischer Effekte, sondern gerade aufgrund seines minimalistischen, handwerklich durchdachten Zugangs als Vorzeigebeispiel in Sachen Low-Budget Actionfilmen. In seinem Analysevideo „No CGI. No Budget. And they made Action History“ zeigt YouTuber Lancelloti auf, wie dieser Film Maßstäbe setzte, und was man daraus für die eigene Kameraarbeit mitnehmen kann.
Kamera als stiller Leiter durch die Szene
In vielen modernen Actionfilmen wird Bewegung oft durch schnelle Schnitte und unruhige Kamera suggeriert statt wirklich gezeigt. Lancelloti kritisiert diesen Trend deutlich und zeigt anhand von Beispielen aus The Raid, dass die Kamera gezielt geführt wird: Sie zeigt Bewegungen in ihrer Gänze, folgt den Akteuren so, dass man Angriffe, Reaktionen und Treffer wirklich lesen kann.
Dabei kommt kein teures Equipment zum Einsatz, stattdessen wird auf das Zusammenspiel von Kamera und Choreografie gesetzt, in der Timing eine wichtige Rolle spielt. Die Kamera ist zwar in Bewegung, aber nie ziellos. Sie weiß, wo der Fokus liegt, wer agiert, wer reagiert und wohin der nächste Schlag geht. Es ist eine bewusste Führung innerhalb des Frames, die dafür sorgt, dass Zuschauer*innen nicht nur Gewalt konsumieren, sondern den Kampf im eigentlichen Sinne sehen. Angewandte Kampfkunsttechniken sind klar erkennbar und werden trotz deutlich häufigere Schnitte, als in vergleichbaren östlichen Actionfilmen, dennoch visuell beeindruckend und gut verfolgbar in Szene gesetzt.
Ein zentrales Prinzip, das Lancelloti hervorhebt, lautet: Jede Aktion und Bewegung soll ihren Anfang und ihr Ende im Bild haben. Das bedeutet: Ein Faustschlag wird nicht in der Bewegung angeschnitten und weggeschnitten, sondern vollständig gezeigt, inklusive Ausholen, Treffmoment und Reaktion. Dadurch erhält jede Aktion Gewicht und Bedeutung. Für das Publikum wird sichtbar, was genau passiert, wer getroffen wird, warum die Figur zu Boden geht oder sich verteidigt. Die Action bleibt dadurch nachvollziehbar und nicht bloß „schnell“.
Dieses Prinzip betrifft nicht nur die Kamera, sondern auch den Schnitt. Anstatt hektisch zwischen Perspektiven zu springen, werden Schnitte bei The Raid so gesetzt, dass Bewegungen nicht unterbrochen, sondern ergänzt werden. Oft bleibt die Kamera länger in einer Einstellung, um eine ganze Bewegung zu zeigen oder sie schneidet erst dann, wenn die Blickachse bereits etabliert ist. Das sorgt für einen natürlichen Fluss und ermöglicht dem Zuschauer Orientierung.
Orientierung trotz Bewegung
Besonders faszinierend ist, wie es dem Film gelingt, auch in sehr chaotischen Momenten Übersicht zu bewahren. Lancelloti spricht hier von “Frame Clarity”: Die Kamera verliert nie den Überblick. Sie lässt den Zuschauer wissen, wo die Figuren sind, wie sie sich bewegen, und welche Richtung die Aktion nimmt. Auch wenn Gegner von mehreren Seiten angreifen oder durch enge Räume gehetzt wird, bleibt immer erkennbar, wer sich wo befindet.
Diese Klarheit entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis präziser Blocking- und Kameraplanung. Bewegung wird im Vorfeld so choreografiert, dass die Kamera ihre Position mit Bedeutung wählt – sei es als beobachtender Dritter oder als körperlich mitbewegte Instanz. Es gibt dabei keine künstliche Überästhetisierung – die Action wird nicht schöner gemacht, sondern verständliche.
Was ich für meine Arbeit mitnehme
Für mein Semesterprojekt, in dem ich selbst choreografierte Actionszenen filme, ist dieser Abschnitt aus Lancellotis Analyse besonders lehrreich. Vor allem drei Dinge nehme ich mir konkret mit:
Rhythmus durch Aktion, nicht durch Schnitt. Das Tempo der Szene entsteht durch das Spiel und die Bewegung der Darsteller*innen – nicht durch schnelle Schnittfolgen. Das Storyboard wird daher stark auf Timing und Blickführung ausgerichtet.
Bewegung muss lesbar sein. Ich werde darauf achten, dass Schläge, Ausweichbewegungen und Reaktionen im Bild bleiben – von Anfang bis Ende. Schnitte sollen nicht verdecken, sondern unterstützen.
Kamerabewegung braucht einen Zweck. Jede Fahrt, jeder Schwenk muss wissen, wohin sie führt. Ich möchte gezielt planen, wann die Kamera folgt, wann sie beobachtet und wann sie Position hält.
The Raid beweist, dass visuelle Klarheit in Actionszenen keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein handwerkliches Muss. Lancellotis Analyse zeigt, wie wichtig es ist, Bewegung nicht nur zu zeigen, sondern verständlich zu gestalten. Wer Action filmen will, muss lernen, wie man Action lesbar macht.