Mir ist sehr bewusst, dass meine Masterarbeit genauso wie auch schon meine Bachelorarbeit wieder politisch sein soll. Gleichzeitig möchte ich erneut einen klaren sprachlichen Schwerpunkt setzen und diesen selbstverständlich typografisch denken und umsetzen. Sprache, Schrift und Gestaltung verstehe ich dabei nicht als getrennte Ebenen, sondern als miteinander verwobene Werkzeuge, um Wahrnehmung, Zugang und Bedeutung zu formen. Aus genau diesem Grund möchte ich mich in diesem Blogpost mit einem Gedanken auseinandersetzen, der Sprache, Typografie und politische Wirkung unmittelbar miteinander verbindet.
Lesbarkeit gilt im Design oft als selbstverständliches Qualitätskriterium. Gute Typografie soll klar sein, verständlich, effizient. Doch je länger ich mich mit Gestaltung beschäftige, desto stärker hinterfrage ich diese scheinbare Neutralität. Wer entscheidet eigentlich, was lesbar sein muss. Für wen Gestaltung verständlich sein soll. Und wann Klarheit nicht mehr befähigt, sondern normiert.
In Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie formuliert Friedrich von Borries einen Satz, der mich in diesem Zusammenhang besonders beschäftigt: „Gutes Design hilft beim Überleben.“
F. von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, Suhrkamp, Berlin 2024, S. 53, Abs. 2.7
Zunächst klingt dieser Satz pragmatisch, beinahe funktional. Design hilft, sich zu orientieren, Informationen zu verstehen, sicher zu handeln. Überträgt man diesen Gedanken auf Typografie, wird schnell klar, wie existenziell Schrift sein kann. Lesen zu können bedeutet Zugang zu Wissen, zu Regeln, zu Rechten. Es gibt dieses banale Sprichwort: „Wer lesen kann, ist im Vorteil.“ So banal es klingt, so brutal ist seine Wahrheit. Lesbarkeit ist Macht.
Gute Schriftgestaltung, ein sicherer Umgang mit Schrift, hilft im wörtlichen Sinne beim Überleben. Formulare verstehen. Hinweise lesen. Verträge entziffern. Anweisungen folgen. Wer nicht lesen kann oder wer mit einer normierten Form von Lesbarkeit nicht vertraut ist, wird ausgeschlossen. In diesem Sinne ist Lesbarkeit kein neutraler Zustand, sondern eine gesellschaftliche Anforderung, die immer auch selektiv wirkt. Diese Perspektive lässt sich direkt mit von Borries’ Kritik an scheinbar neutralen, funktionalistischen Designmaßstäben verbinden, die politische und ethische Dimensionen von Gestaltung lange ausgeblendet haben (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 34–36).
Gleichzeitig beginnt an dieser Stelle mein Zweifel an der Gleichsetzung von Lesbarkeit und gutem Design. Denn Schrift kann mehr, als nur zu funktionieren. Sie kann auch etwas erst ermöglichen, was vorher nicht greifbar war. Besonders in der Lyrik wird das deutlich. Worte, Gefühle, Zustände, die ohne Schrift nicht existieren würden, werden durch Schriftzeichen erst sichtbar. Schrift erzeugt Bedeutung. Sie bildet Realität nicht nur ab, sie bringt sie hervor.
An diesem Punkt wird die theoretische Perspektive von Sabine Krämer zentral. In ihren Arbeiten zur Schriftbildlichkeit versteht sie Schrift nicht primär als aufgeschriebene Sprache, sondern als eigenständige kulturtechnische Praxis. Schrift ist bei ihr immer zugleich Symbolsystem und Technik. Auge und Hand, Wahrnehmung und Operation, Zeichen und Materialität wirken zusammen. Schrift besitzt eine aisthetische Dimension ihrer Erscheinung, eine operative Dimension der Replikation und Manipulierbarkeit sowie eine referentielle Dimension von Sinn und Bedeutung (vgl. Krämer, Schriftbildlichkeit, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik; sowie Krämer, Sprache – Stimme – Schrift, 2010, insbesondere S. 11–25 und S. 41–52).
Diese Sichtweise verschiebt den Fokus entscheidend. Schrift wird nicht mehr ausschließlich über Lesbarkeit definiert, sondern über ihre visuelle Gestalt, ihre Handhabung und ihre Fähigkeit, Bedeutung hervorzubringen. Lesbarkeit ist damit nur eine mögliche Funktion von Schrift, nicht ihr Wesen. Schrift existiert auch dort, wo sie sich dem unmittelbaren Lesen entzieht. In Diagrammen, Notationen, Programmiersprachen oder musikalischen Systemen.
Vor diesem Hintergrund wird Unlesbarkeit plötzlich interessant. Nicht als Defizit, sondern als gestalterische Strategie. Als bewusste Verlangsamung. Als Widerstand gegen sofortige Verständlichkeit. Unlesbare oder schwer lesbare Typografie kann irritieren, Aufmerksamkeit bündeln, schützen oder Raum für Interpretation öffnen. Sie kann sich normativen Erwartungen entziehen und alternative Formen von Bedeutung ermöglichen.
Bezogen auf die Unterscheidung zwischen entwerfendem und unterwerfendem Design, wie sie von Borries beschreibt, lässt sich Lesbarkeit neu denken. Lesbarkeit kann entwerfend sein, wenn sie Zugang schafft und Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Sie wird unterwerfend, wenn sie Normen festschreibt und alternative Ausdrucksformen ausschließt. Unlesbarkeit wiederum kann unterwerfend wirken, wenn sie bewusst ausschließt. Sie kann aber auch entwerfend sein, wenn sie Wahrnehmung öffnet und etablierte Lesegewohnheiten infrage stellt (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).
Gerade in Verbindung mit Krämers Verständnis von Schrift als kulturtechnischem Raum wird deutlich, dass Schrift nicht nur gelesen, sondern gesehen, gehandhabt und erfahren wird. Schrift ist Raum, Bewegung und Technik zugleich. Sie ist nicht bloß Medium von Sprache, sondern eine eigenständige Form der Weltaneignung und Weltgestaltung.
Für meine Masterarbeit wird hier ein zentrales Spannungsfeld sichtbar. Mich interessiert Typografie genau an dieser Grenze. Dort, wo Schrift nicht mehr nur Information transportiert, sondern Wahrnehmung formt. Wo sie sich zwischen Klarheit und Poesie, zwischen Funktion und Ausdruck bewegt. Wo Schrift nicht nur gelesen, sondern erlebt wird.
Die Frage ist nicht, ob Typografie lesbar oder unlesbar sein soll. Die Frage ist, für wen, in welchem Kontext und mit welcher Haltung gestaltet wird. Lesbarkeit ist kein Wert an sich. Sie ist eine Entscheidung. Und damit politisch.
Ein möglicher Ausgangspunkt meiner Thesis liegt in diesem Spannungsfeld. Mich interessiert, wie Typografie durch bewusste Grenzziehungen von Lesbarkeit Wahrnehmung beeinflussen kann, ohne sie vorschnell festzuschreiben. Ebenso beschäftigt mich die Frage, wie Schrift einerseits Orientierung und Sicherheit bieten kann und andererseits Bedeutungen, Stimmungen und Ausdrucksformen hervorbringt, die erst durch ihre visuelle und materielle Erscheinung entstehen.