Thesis Research 04: Raum, Wahrnehmung und Entwerfen als Haltung

Der Besuch des Balletts La Divina Commedia in der Oper Graz hat mir eindrücklich gezeigt, wie stark Gestaltung über Raum, Körper und Wahrnehmung wirkt. Durch die Auflösung des klassischen Bühnenraums und die Bewegung des Publikums durch das Gebäude wurde Wahrnehmung zu etwas Aktivem, das durch Nähe, Bewegung und eigenes Positionieren entsteht. Dieser Impuls aus dem Ballett hat sich für mich zugleich als eine wichtige Grundlage für mein Thesis Research herauskristallisiert, da er Gestaltung nicht als Darstellung, sondern als entwerfenden Prozess erfahrbar macht.

In Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie beschreibt Friedrich von Borries Design als interventionistisch. Gestaltung greift in Räume, Beziehungen und Wahrnehmungsstrukturen ein und formt dadurch die Art und Weise, wie gesellschaftliches Zusammenleben organisiert wird (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 30 sowie S. 34). Genau diese Form von Eingriff habe ich in der Inszenierung körperlich erlebt. Der Raum war nicht bloß Kulisse, sondern ein gestalteter Möglichkeitsraum, der mein Verhalten, meine Aufmerksamkeit und meine Wahrnehmung aktiv beeinflusst hat.

Besonders relevant erscheint mir dabei der Gedanke, dass gutes Design nicht unterwerfend, sondern entwerfend ist. Die räumliche Struktur des Balletts hat mir keine feste Perspektive vorgegeben. Es gab keinen eindeutigen Anfang, kein Zentrum, keinen idealen Blickpunkt. Stattdessen war ich gezwungen, selbst Entscheidungen zu treffen. Wo bleibe ich stehen. Wem schaue ich zu. Wie nah lasse ich mich heran. Wahrnehmung wurde zu einer Handlung. In diesem Sinne hat die Inszenierung nicht unterworfen, sondern entworfen. Sie hat Handlungsspielräume eröffnet (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).

Auch der zweite Teil im Opernsaal, insbesondere der Einsatz des transparenten Vorhangs, lässt sich aus dieser Perspektive lesen. Die Tänzerinnen waren sichtbar und gleichzeitig entzogen. Diese Reduktion hat Wahrnehmung nicht vereinfacht, sondern verdichtet. Das Fragmentarische, das Unklare, das Nicht-ganz-Sichtbare hat Aufmerksamkeit erzeugt und Raum für eigene Projektionen gelassen. Gestaltung wirkte hier nicht erklärend, sondern atmosphärisch und offen. Diese Offenheit lässt sich mit der von Borries beschriebenen Kritik an rein funktionalen oder ästhetischen Bewertungsmaßstäben von Design verbinden (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 34).

An diesem Punkt wird für mich die Verbindung zur Typografie besonders deutlich. Die Assoziation der Tänzerinnen hinter dem Vorhang mit Buchstaben hat mir gezeigt, dass Schrift ebenfalls als Körper im Raum gedacht werden kann. Typografie ist nicht nur Informationsträger, sondern formt Wahrnehmung, lenkt Blickbewegungen und erzeugt Spannung. Besonders dann, wenn sie sich an der Grenze von Lesbarkeit bewegt oder mit Transparenz, Fragmentierung und zeitlicher Veränderung arbeitet.

Auch hier lässt sich der Gedanke des Weltentwerfens weiterführen. Wenn Design politisch ist, weil es Wahrnehmung strukturiert, dann gilt das auch für Typografie. Schrift entscheidet darüber, was sichtbar wird, was lesbar ist und was im Unklaren bleibt. Sie kann ordnen und stabilisieren oder irritieren und öffnen. In diesem Sinne ist auch typografische Gestaltung eine Form von Haltung, die sich im Spannungsfeld von Entwerfen und Unterwerfen bewegt (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 36).

Für meine Masterarbeit ergibt sich daraus ein klarer Ansatzpunkt. Mich interessiert zunehmend, wie Typografie und Raum zusammenwirken können, um Wahrnehmung nicht festzuschreiben, sondern zu öffnen. Wie lassen sich Schrift, Text und Raum so gestalten, dass sie nicht nur gelesen, sondern erlebt werden. Wie können Nähe, Bewegung, Transparenz und Reduktion eingesetzt werden, um Bedeutungsräume zu entwerfen, statt eindeutige Aussagen zu fixieren.

Ein mögliches Thema für meine Thesis könnte daher die räumliche und installative Typografie als politisches Gestaltungsmittel sein. Nicht im Sinne expliziter politischer Botschaften, sondern als Untersuchung von Wahrnehmung, Zugänglichkeit und Handlungsspielräumen. Typografie würde dabei nicht als statisches Medium verstanden, sondern als etwas, das sich im Raum entfaltet, auf Körper reagiert und sich über Zeit verändert.

Die Relevanz dieses Themas liegt für mich im Spannungsfeld zwischen Entwerfen und Unterwerfen, das von Borries beschreibt (vgl. ebd., S. 36). Eine typografische Praxis, die mit Offenheit, Unschärfe und Bewegung arbeitet, kann bestehende Sehgewohnheiten irritieren und neue Formen der Teilhabe ermöglichen. Sie macht Wahrnehmung verhandelbar.


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