Thesis Research 10: Kann Design Schweigeräume öffnen?

Neben dem Thema Wut beschäftigt mich zunehmend ein anderes Feld, das ebenso existenziell ist und gleichzeitig gesellschaftlich auffallend leise behandelt wird: Tod und Abschied. Ich finde dieses Thema besonders interessant, weil es in gewisser Weise ein Tabuthema ist, obwohl es das Alltäglichste überhaupt ist. Jeden Tag sterben Menschen. Jeden Tag werden Menschen geboren. Jede Person wird im Laufe ihres Lebens unweigerlich mit dem Tod konfrontiert, sei es durch den Verlust von Angehörigen, Freundinnen oder Freunden, oder irgendwann durch den Gedanken an den eigenen Tod. Und trotzdem fällt es uns schwer, darüber zu sprechen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie irritierend diese Schweigsamkeit sein kann. Als ich selbst einen Verlust erlebt habe, hat mich weniger die Trauer anderer irritiert als ihre Unsicherheit. Die Stummheit. Das Ausweichen. Das Gefühl, dass niemand weiß, wie man das Thema ansprechen darf. Diese Sprachlosigkeit hat mich gestört. Nicht, weil ich perfekte Worte erwartet hätte, sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr das Thema Tod aus dem öffentlichen Gespräch ausgeschlossen ist.

Natürlich ist Trauer schmerzhaft. Natürlich ist Abschied schwer. Aber warum fällt es uns so schwer, darüber offen zu sprechen, wenn es doch eine Erfahrung ist, die jede und jeder teilt.

Vielleicht liegt genau darin ein Kern des Problems. Der Tod ist real, aber er wird aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Er findet im Privaten statt. In Krankenhäusern, Hospizen, Familien. Und wenn er eintritt, fehlt vielen die Sprache.

Ein Satz von Chimamanda Ngozi Adichie begleitet mich in diesem Zusammenhang besonders:
„Trauer ist das Glück, geliebt zu haben.“

Dieser Gedanke verschiebt den Blick auf Trauer radikal. Trauer ist hier nicht nur Schmerz, sondern Ausdruck von Verbundenheit. Auch die Aussage von Eva Maria Thümling, „Trauer und Glück können koexistieren“, öffnet einen ähnlichen Raum. Trauer wird nicht als reiner Ausnahmezustand verstanden, sondern als Teil des Lebens, als etwas, das neben anderen Gefühlen existieren darf.

Im Podcast 50 über 50 spricht Stephanie Hielscher mit Leonie Jung über Tod, Verlust und Endlichkeit. Schon in der Einleitung wird deutlich, dass Tod und Trauer Themen sind, die uns ein Leben lang begleiten, über die aber kaum gesprochen wird. Ähnlich offen spricht Guido Maria Kretschmer im Format Deep und Deutlich über den Verlust seiner Eltern. Auch Joëlle berichtet dort sehr ehrlich über den Tod ihrer beiden Mütter. Diese Gespräche zeigen, dass Offenheit möglich ist. Dass Sprache entlasten kann. Dass das Teilen von Erfahrungen Verbindung schafft.

Und genau hier formt sich für mich ein weiterer Gedanke. Vielleicht geht es weniger darum, den Tod neu zu interpretieren, sondern ihn schlicht auszusprechen. Nicht symbolisch. Nicht metaphorisch. Sondern klar. Der Tod ist real.

Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick banal. Und gerade darin liegt seine Kraft. Vielleicht tun wir gesellschaftlich oft so, als wäre er es nicht. Als könnte Schweigen ihn kleiner machen. Als würde Unsichtbarkeit ihn weniger endgültig erscheinen lassen. Doch er ist real. Jeden Tag. Für irgendjemanden.

Wenn Gestaltung, wie Friedrich von Borries schreibt, politisch ist, weil sie „in die Welt interveniert“ (von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, 2024, S. 30), und wenn „alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft“ (ebd., S. 9f.), dann wäre eine gestalterische Arbeit mit dieser klaren Setzung bereits ein Eingriff. Eine Intervention gegen die gesellschaftliche Stummheit. Keine Provokation im Sinne eines Schocks, sondern eine ruhige, konsequente Benennung.

Mich interessiert weniger, den Tod selbst darzustellen, als die Sprachlosigkeit rund um ihn zu thematisieren. Das Unbehagen. Die Unsicherheit. Die Angst, etwas Falsches zu sagen. Und gleichzeitig die Sehnsucht nach Austausch. Vielleicht geht es darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen nicht perfekt reagieren müssen, sondern ehrlich.

Wut und Trauer haben für mich weiterhin eine Parallele. Beide sind starke, existenzielle Emotionen. Beide werden gesellschaftlich häufig privatisiert. Beide verlangen Raum. Beide sind zutiefst menschlich.

Im Moment weiß ich noch nicht, ob Tod und Abschied mein finales Thema sein werden. Aber ich merke sehr deutlich, dass mich der Gedanke nicht loslässt, Gestaltung als Einladung zum Gespräch zu denken. Vielleicht geht es weniger um ein einzelnes Thema, sondern um die Frage, wie Design Schweigeräume öffnen kann.

Links:
https://www.fischerverlage.de/buch/chimamanda-ngozi-adichie-trauer-ist-das-glueck-geliebt-zu-haben-9783596710164
https://www.instagram.com/p/DUplWGMDNfE/?img_index=8
https://open.spotify.com/episode/6WNHnZOAcZ9OKdnUU1Qljv
https://www.ardmediathek.de/video/deep-und-deutlich/der-verlust-meiner-eltern-oder-guido-maria-kretschmer-im-talk/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8zYjY0NGQ0Ni02NzIyLTQxZTQtYWQ2Yy02NDAwMWQxOTExNGM
https://www.ardmediathek.de/video/deep-und-deutlich/ich-habe-zwei-mal-meine-mutter-verloren-oder-joelle-im-talk/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9mMzkwMzE2NC1mYzRiLTRhMmQtYmZhZC0xZWE2MTdiMWQ5MmE

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