Thesis Research 08: Zwischen Emotion, Funktion und Haltung

Nach meinen Überlegungen zur Wut als möglichem Thema meiner Masterarbeit merke ich, dass sich mein Fokus weiter verschiebt. Der Gedanke, Wut als Ausgangspunkt zu wählen, bleibt interessant. Gleichzeitig taucht immer wieder die Frage auf, welche Rolle Gestaltung dabei eigentlich einnimmt. Soll sie verstärken. Übersetzen. Strukturieren. Oder zurücktreten.

Beim Lesen des Artikels „Typografie: die Macht von ausgezeichneten Lettern“ auf red-dot.org wurde mir noch einmal deutlich, wie stark Typografie traditionell als vermittelndes Werkzeug verstanden wird. Dort wird betont, dass Schrift nicht nur Information transportiert, sondern Wahrnehmung unterbewusst beeinflusst. Gleichzeitig formuliert Akira Kobayashi sehr klar: „Das ultimative Ziel von Typedesign ist ganz simpel: zu helfen, den Lesern eine Botschaft zu vermitteln.“ Und weiter heißt es, Schrift könne ausdrucksstark sein, solle aber nicht vom Inhalt ablenken.

Auch Kurt Weidemanns Satz wird zitiert: „Gute Typografie erklärt den Inhalt. Nicht den Gestalter.“

Diese Aussagen sind nachvollziehbar. Typografie als Dienstleistung für den Inhalt. Als präzises, funktionales Werkzeug. Als Vermittlerin. Gerade im öffentlichen Raum, bei Leitsystemen oder Markenidentitäten, regelt und kontrolliert sie soziale Aktivitäten. Sie strukturiert Orientierung. Sie hilft beim Verstehen. Sie hilft beim Handeln.

Wenn ich diese Perspektive neben meine Überlegungen zur Wut stelle, entsteht eine Spannung. In Thesis Research 06 habe ich mich gefragt, wie Schrift laut sein darf, drängend, unruhig, vielleicht sogar fragmentiert. Doch wenn Typografie in erster Linie vermitteln soll, wenn sie nicht vom Inhalt ablenken soll, wo bleibt dann Raum für Emotion als eigenständige Kraft.

An dieser Stelle ist mir der Titel einer Ausstellung begegnet: „Aus Wut wird Gestaltung“. Dieser Satz beschäftigt mich besonders, weil er den Fokus verschiebt. Nicht wütende Gestaltung, sondern Gestaltung, die aus Wut entsteht. In der Beschreibung zur Ausstellung wird erläutert, wie der Erste Weltkrieg und seine traumatischen Auswirkungen das Sehen der Künstler veränderten. In den frühen Jahren der Weimarer Republik kam es zu einem künstlerischen Aufbegehren jener Generation, die den Krieg überlebt hatte. Es entstanden experimentelle Bilder, losgelöst von bisherigen Konventionen, eine bewusste Provokation des Publikums.

In den Jahren 1919 und 1920 zeigte der Mannheimer Kunstverein Ausstellungen der Gruppe „Rih“ aus Karlsruhe sowie der Berliner „Novembergruppe“. Über 240 Arbeiten ließen das Publikum die expressionistische Wucht der vom Krieg traumatisierten Künstler spüren. Zwei Ausstellungen auf dem Weg vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit, beschrieben als Situationsbericht aus der Perspektive des Mannheimer Kunstvereins in einem Vortrag von Dr. Friedrich W. Kasten und Dr. Martin Stather.

Hier wird deutlich, dass Gestaltung nicht aus einem ästhetischen Spieltrieb entstand, sondern aus einer existenziellen Erfahrung. Aus Erschütterung. Aus Trauma. Möglicherweise auch aus Wut. Die Form war Konsequenz, nicht Dekoration. Aus einem inneren Zustand wurde Gestaltung.

Dieser Gedanke verbindet sich mit Friedrich von Borries’ Verständnis von Design als Intervention. „Alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft“ (vgl. von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 9f.). Gestaltung ist nie neutral. Sie greift ein und positioniert sich zur bestehenden Ordnung (vgl. ebd., S. 30). Wenn aus Wut Gestaltung wird, dann ist diese Gestaltung nicht bloß Ausdruck, sondern Eingriff. Sie widerspricht. Sie bricht mit Gewohntem. Sie entwirft eine andere Sicht auf die Welt.

Vielleicht liegt mein Thema deshalb weniger in der Frage, wie Wut formal aussieht, sondern darin, wann aus einer inneren Haltung Gestaltung wird. Wann Emotion zur gestalterischen Notwendigkeit wird. Und wann Gestaltung lediglich Oberfläche bleibt.

Auch der Gedanke aus „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky begleitet mich weiterhin. Jede Gestaltung entsteht aus einem bestimmten Hier. Wut ist perspektivisch. Sie ist gebunden an Erfahrung. Vielleicht geht es weniger darum, Wut darzustellen, als vielmehr darum, sichtbar zu machen, aus welcher Position heraus Gestaltung entsteht.

Im Moment formt sich mein Thema nicht als eindeutige Entscheidung, sondern als Spannungsfeld. Zwischen Emotion und Struktur. Zwischen Vermittlung und Intervention. Zwischen funktionaler Typografie und einer Gestaltung, die aus einer Haltung heraus entsteht.

Vielleicht ist genau dieses Dazwischen mein eigentlicher Forschungsraum.

Links:
https://www.red-dot.org/de/magazine/typografie-die-macht-von-ausgezeichneten-lettern
https://res.cloudinary.com/suhrkamp/images/q_auto/v1742120777/38677/weltentwerfen_9783518127346_leseprobe.pdf
https://www.kuma.art/de/node/12985

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *