Thesis Research 07: Wut gestalten? Übersetzung, Perspektive und Anwesenheit

Im letzten Research ist der Gedanke aufgekommen, Wut als möglichen Ausgangspunkt meiner Masterarbeit zu denken. Es war zunächst eine Idee, die mich intuitiv angesprochen hat. Gerade deshalb möchte ich sie weiterdenken und kritisch prüfen.

Eine der zentralen Fragen, die sich mir stellt, ist, wie man Wut überhaupt übersetzen kann. Und vielleicht noch grundlegender, ob man das sollte.

Wenn ich an wütende Typografie denke, entstehen sofort Bilder im Kopf. Verzerrte Buchstaben, gebrochene Formen, starke Kontraste, Unruhe im Satzbild. Doch genau hier beginnt mein Unbehagen. Ist das nicht eine ästhetische Verkürzung. Eine visuelle Zuschreibung. Eine Entscheidung darüber, wie Wut auszusehen hat.

In Thesis Research 06 habe ich formuliert, dass mich interessiert, wie Gestaltung Wut „nicht illustriert, sondern erfahrbar macht“. Aber was bedeutet das konkret. Sobald ich beginne, eine wütende Schrift zu gestalten, greife ich ein. Ich definiere. Ich lege fest. Ich übersetze eine Emotion in eine Formensprache. Und genau hier wird der Gedanke aus Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie von Friedrich von Borries relevant.

Von Borries schreibt: „Alles, was gestaltet ist, entwirft und unterwirft“ (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 9f.). Und weiter: „Design ist politisch, weil es in die Welt interveniert“ (vgl. ebd., S. 30). Wenn ich also Wut gestalte, entwerfe ich nicht nur eine Form, sondern ich interveniere. Ich greife in die Wahrnehmung dieser Emotion ein. Ich bestimme, wie sie sichtbar wird. Und damit bewege ich mich im Spannungsfeld zwischen entwerfendem und unterwerfendem Design, das von Borries beschreibt (vgl. ebd., S. 36).

Die Frage ist also, ob eine wütende Typografie ein entwerfender Akt ist, der Wut Raum gibt, oder ein unterwerfender Akt, der sie in eine ästhetische Kategorie zwingt.

In diesem Zusammenhang ist mir das Buch „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky begegnet. Schon der Titel beschäftigt mich. „Was man von hier aus sehen kann“ verweist auf Perspektive. Man sieht nie alles. Man sieht nur das, was vom eigenen Standpunkt aus sichtbar ist.

Übertrage ich diesen Gedanken auf Wut, wird klar, dass auch Wut perspektivisch ist. Sie entsteht aus einem bestimmten Hier. Aus einer individuellen Erfahrung, einer Verletzung, einer Grenzüberschreitung. Wenn ich Wut gestalte, gestalte ich immer nur das, was ich von hier aus sehen kann. Meine Wut. Oder eine bestimmte, ausgewählte Wut.

Das relativiert den Anspruch, Wut darzustellen. Vielleicht geht es weniger darum zu zeigen, wie Wut aussieht, sondern darum sichtbar zu machen, von wo aus sie entsteht.

Auf dem Buchrücken von „Was man von hier aus sehen kann“ steht der Satz „von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben.“ Dieser Gedanke lässt sich weiterführen. Vielleicht kann man auch von einer unbedingten Anwesenheitspflicht der Wut sprechen.

Wut verschwindet nicht, nur weil man sie nicht gestaltet. Sie ist da. Sie wirkt. Sie interveniert. Und wenn Design, wie von Borries schreibt, immer in die Welt interveniert (vgl. von Borries, Weltentwerfen, S. 30), dann stellt sich die Frage, ob Gestaltung Wut beruhigt oder ob sie ihre Anwesenheit ernst nimmt.

Von Borries fordert eine politische Haltung des Designs (vgl. ebd., S. 30). Eine solche Haltung könnte im Kontext von Wut bedeuten, nicht vorschnell eine Form zu definieren, sondern zunächst anzuerkennen, dass diese Emotion anwesend ist und aus einer bestimmten Perspektive spricht.

Im Moment verschiebt sich mein Thema weiter. Weg von der Frage, wie wütende Gestaltung aussieht, hin zu der Frage, wie Gestaltung mit einer anwesenden, perspektivischen Emotion umgehen kann, ohne sie zu unterwerfen. Vielleicht liegt genau in diesem Spannungsfeld zwischen Eingriff und Offenlassen, zwischen Entwerfen und Unterwerfen, der eigentliche Kern meiner Auseinandersetzung.

Links:
https://www.book2look.de/book/9783832198398&refererpath=www.dumont-buchverlag.de
https://www.youtube.com/watch?v=_zbqX7USL9g
https://res.cloudinary.com/suhrkamp/images/q_auto/v1742120777/38677/weltentwerfen_9783518127346_leseprobe.pdf




Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *