#9 Die Neuro-Ontologie der Nähe: Rauminszenierung als empathischer Katalysator im Branded Short

Eine Analyse der affektiven Bildwirkung am Beispiel von „First Speech“ und „Through my Eyes“

Im Genre des Branded Short Film und explizit in den Formaten von NGOs wie dem UNHCR oder journalistischen Kampagnen, ist die Zeit die kritischste Ressource. Um innerhalb von 120 bis 180 Sekunden eine nachhaltige emotionale Resonanz zu erzeugen, reicht eine lineare Narration oft nicht aus. Eine Synthese aus der klassischen Filmtheorie André Bazins und aktuellen neuroästhetischen Untersuchungen legt nahe, dass die visuelle Raumkonstruktion der entscheidende Faktor für die Induktion von Empathie ist. Elen Lotman argumentiert in ihrer Untersuchung, dass die visuelle Verstärkung von Tiefe eines der am häufigsten genutzten Werkzeuge ist, um die wahrgenommene Empathie gegenüber Leinwandcharakteren zu steuern.

Bazin und die psychologische Notwendigkeit des Raumes

André Bazin sah im „Mythos vom totalen Kino“ das Bestreben, die Realität in ihrer räumlichen und zeitlichen Integrität zu rekonstruieren. Für ihn war die Tiefenschärfe kein bloßer Stil, sondern ein ontologisches Mittel, um dem Zuschauer die Freiheit der Wahrnehmung zurückzugeben und ihn in das Bild „einzubeziehen“.

Diese theoretische Annahme findet nun eine neurophysiologische Entsprechung. Lotman verweist darauf, dass neurobiologische Beweise eine Verbindung zwischen emotionaler Empathie und der Nutzung raumschaffender visueller Werkzeuge nahelegen. Wenn wir verstehen, wie das Gehirn Raum verarbeitet, verstehen wir auch, wie wir in Formaten wie First Speech Nähe erzeugen können.

Embodied Simulation vs. Theory of Mind: Die Wahl der Empathie

Um die Wirkung von Branded Shorts zu präzisieren, muss zwischen zwei Klassen empathischer Prozesse unterschieden werden, die Lotman unter Rückgriff auf Zaki und Ochsner definiert:

  1. Experience Sharing (Embodied Simulation – ES): Dies beschreibt eine affektive Reaktion, bei der der emotionale Zustand einer anderen Person geteilt wird (emotionale Ansteckung oder Resonanz).
  2. Mentalising (Theory of Mind – ToM): Hierbei handelt es sich um die kognitive Fähigkeit, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen (Sympathie, Mitgefühl).

Für emotionale Kampagnenfilme ist meist die Embodied Simulation das Ziel. Lotman postuliert, dass bestimmte visuelle Werkzeuge genutzt werden, um diese Form der „verkörperten Simulation“ durch eine tiefenbetonte Bildgestaltung zu verstärken. Im Gegensatz dazu führen Techniken, die die Räumlichkeit reduzieren (Verfremdung), eher zu kognitiven Prozessen der Theory of Mind.

Die Amygdala als Schnittstelle von Raum und Affekt

Die Korrelation zwischen Raumwahrnehmung und Gefühl ist neuroanatomisch fundiert. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Amygdala, zentral für emotionale Bewertungen auch eine entscheidende Rolle bei der Kodierung von räumlichen Informationen spielt. Die Amygdala moduliert die Raumwahrnehmung und ist gleichzeitig essenziell für das Empfinden emotionaler Empathie. Eine Bildgestaltung, die den Raum betont, signalisiert dem Gehirn somit eine höhere Salienz (Salienz [engl. salience; lat. salire springen], [SOZ], Bedeutsamkeit, das Hervortreten, z. B. von Merkmalen bei einer Person) und erleichtert die emotionale Involvierung.

Fallbeispiel I: „Through my Eyes“ (UNHCR) – Die Konstruktion der physischen Präsenz

Im Kontext von POV Szenen wie in Through my Eyes wird die Notwendigkeit der Embodied Simulation besonders deutlich.

  • Visuelle Strategie: Es wird mit Augenähnlichen Brennweiten gefilmt, die noch mehr die POV Symbolik verstärken sollten. Die Einstellungen sind of sehr eng und zeigen nicht viel vom Frame. dies hat wahrscheinlich damit zu tun, das die Sets nicht riesig waren und damit man das Gefühl von Enge vermitteln kann.
  • Anwendung der Theorie: Experience Sharing (Embodied Simulation – ES). Der Zuschauer fühlt sich in der Situation gefangen. Am Ende schwingt der Film um auf Mentalising (Theory of Mind – ToM) um. Wir fühlen mit der Person mit und was sie erlebt hat.
  • Der Effekt: Durch diese Hyper-Räumlichkeit wird die Amygdala aktiviert. Der Zuschauer „denkt“ nicht über das Flüchtlingslager nach (ToM), sondern sein Gehirn simuliert die physische Anwesenheit (ES). Die emotionale Distanz wird durch die räumliche Immersion eliminiert.

Fallbeispiel II: „First Speech“ (Free Press) – Die Isolation des Subjekts

Im Gegensatz zur Isolierung des Subjekts wählt die Kampagne The First Speech einen diametral entgegengesetzten visuellen Ansatz, der die theoretischen Annahmen von Lotman bestätigt. Der Film zeigt nicht die Redner (die Diktatoren), sondern die Zuhörer die Bürger in ihren Wohnzimmern, Cafés und Arbeitsplätzen, die hoffnungsvoll den ersten Worten ihrer neu gewählten Führer lauschen.

  • Visuelle Strategie: Integraler Realismus und Kontext Anstatt den Raum zu eliminieren, zelebriert die Kamera hier den Kontext. Wir sehen detailreiche, tief gestaffelte Tableaus des alltäglichen Lebens. Die Lichtarchitektur ist naturalistisch („Space-inducing Light“), oft mit weichen Texturgradienten und einer spürbaren räumlichen Tiefe, die durch Fenster, Möbel und die Anordnung der Personen im Raum erzeugt wird.
  • Anwendung der Theorie: Embodied Simulation durch Immersion Nach Lotman triggert diese Betonung von Räumlichkeit und Kontext („Depth Cues“) die Embodied Simulation (ES). Das Gehirn des Zuschauers rekonstruiert den dreidimensionalen Raum und platziert sich zu den Bürgern. Wir beobachten sie nicht distanziert (was eine Theory of Mind-Reaktion wäre, bei der wir über ihre Naivität urteilen könnten), sondern wir „bewohnen“ denselben Raum. Die Amygdala kodiert die räumliche Nähe als emotionale Relevanz.
  • Der Effekt: Affektive Dissonanz Der Film nutzt die durch die Rauminszenierung erzeugte Embodied Simulation, um eine emotionale Falle zu stellen. Da wir visuell und affektiv mit den hoffnungsvollen Bürgern verbunden sind („Experience Sharing“), spüren wir ihre Zuversicht physisch mit. Wenn wir dann realisieren, wessen Worte dort gesprochen werden (z.B. Putin oder Erdoğan) und wie sich die Geschichte entwickelte, entsteht eine schmerzhafte Dissonanz. Die visuelle Nähe zwingt uns, den Verrat an der Freiheit nicht als historisches Faktum zu analysieren, sondern als persönlichen Verlust zu empfinden. Eine flachere, distanziertere Bildsprache hätte uns erlaubt, sicher im „Hier und Jetzt“ zu bleiben; die immersive Tiefe jedoch zieht uns in das fatale „Damals“ der Opfer.

Fazit

Die Entscheidung für eine bestimmte Lichtarchitektur ist keine rein ästhetische Frage, sondern eine psychologische Weichenstellung. Wer emotionale Nähe will, muss Raum konstruieren. Die visuelle Verstärkung der Tiefe dient dabei als Trigger für die Amygdala, um den Zuschauer aus der bloßen Beobachtung (Theory of Mind) in das unmittelbare Erleben (Embodied Simulation) zu überführen. Empathie im Film ist somit, wie Lotman zeigt, direkt mit den Parametern der Raumwahrnehmung korreliert. Je mehr Seiten eines Würfels wir sehen, desto räumlicher wirkt er für uns.

Quellen:

Bazin, A. (1967). The myth of total cinema. In H. Gray (Trans.), What is cinema? (Vol. 1, pp. 23–32). University of California Press.

Lotman, E. (2016). Exploring the ways cinematography affects viewers’ perceived empathy towards onscreen characters. Baltic Screen Media Review4, 88–105.

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