#7 Der Ikaurs Komplex

Der Ikarus-Komplex der Filmgeschichte: Der Mythos des totalen Kinos

In der Geschichtsschreibung der Technik dominiert zumeist ein materialistischer Determinismus: Man geht davon aus, dass wissenschaftliche Durchbrüche und ökonomische Rahmenbedingungen die notwendige Basis bilden, auf der kulturelle Ausdrucksformen wie das Kino erst erwachsen können. Doch André Bazin, der geistige Vater der Nouvelle Vague, unterzieht in seinem essenziellen Text „Der Mythos vom totalen Kino“ genau diese Annahme einer radikalen Revision. Er postuliert eine paradoxe Umkehrung der Verhältnisse zwischen der ökonomisch-technischen Evolution und der schöpferischen Imagination der Pioniere.

Die Umkehrung der Kausalität: Geist über Materie

Bazin meint, dass die Entstehung des Films, entgegen marxistischen Deutungsmustern, wie sie etwa Georges Sadoul vertrat, nicht zwangsläufig aus der industriellen Infrastruktur des 19. Jahrhunderts hervorging. Vielmehr scheint die historische Kausalität auf dem Kopf zu stehen: Die grundlegenden technischen Entdeckungen waren für Bazin lediglich „glückliche Zufälle“, die weit weniger ins Gewicht fielen als die vorgefassten, fast schon im „Himmel“ schwebenden Ideen der Erfinder.

Das Kino, so Bazin, ist ein idealistisches Phänomen. Die Vision einer totalen Repräsentation der Realität existierte in den Köpfen der Forscher bereits in vollendeter Form, lange bevor die chemischen und mechanischen Mittel zu ihrer Realisierung bereitstanden. Was die Frühgeschichte des Films prägt, ist daher weniger die Unterstützung der Phantasie durch die Technik, sondern vielmehr der „hartnäckige Widerstand der Materie gegen die Idee“.

Die „Monomanen“ und der Widerstand der Technik

Ein zentrales Argument Bazins ist die Charakterisierung der Gründerväter des Kinos. Er unterscheidet strikt zwischen dem echten Wissenschaftler (Savant) und dem besessenen Erfinder. Während ein Wissenschaftler wie Marey lediglich an der Analyse von Bewegung interessiert war, also daran, die Zeit anzuhalten, statt sie zu rekonstruieren, waren Männer wie Muybridge, Niepce, Leroy oder Lumière in erster Linie „Monomanen einer fixen Idee“.

  • Muybridge und das Unmögliche: Bereits zwischen 1877 und 1880 realisierte Muybridge dank der Finanzierung eines Pferdeliebhabers komplexe Versuchsreihen, obwohl ihm zwei der drei technologischen Grundvoraussetzungen (die trockene Emulsion und die flexible Basis) noch gar nicht zur Verfügung standen. Er erzwang das Resultat mit nassen Kollodiumplatten auf Glas – ein technischer Anachronismus im Dienste einer Vision.
  • Der Bastler als Prophet: Selbst Thomas Edison wird von Bazin nicht als Wissenschaftler, sondern als „do-it-yourself man of genius“ beschrieben. Diese Pioniere waren keine kühlen Kalkulatoren der Industrie, sondern Visionäre, die eher bereit waren, wie der Töpfer Bernard Palissy ihr Mobiliar zu verbrennen, um für wenige Sekunden ein zitterndes Bild zu erzeugen.

Der Mythos vom totalen Kino: Das Ziel ist die totale Illusion

Der Kern von Bazins These liegt im Begriff des integralen Realismus. Der leitende Mythos, der die Erfindung des Kinos befeuerte, war die Sehnsucht nach einer Rekonstruktion der Welt nach ihrem eigenen Ebenbild – eine Wiedergabe, die unbeschwert ist von der interpretativen Freiheit des Künstlers oder der Unumkehrbarkeit der verstreichenden Zeit.

Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis der Filmgeschichte:

  1. Der Stummfilm als Mangelzustand: Es wäre absurd, den Stummfilm als einen Zustand ursprünglicher Vollkommenheit zu betrachten, den man später durch Ton und Farbe korrumpiert hätte. In der Vorstellung der Erfinder war das Kino von Beginn an mit Sound, Farbe und räumlicher Tiefe (Stereoskopie) konzipiert.
  2. Die Verspätung der Apparaturen: Da die optischen Prinzipien (wie die Netzhautträgheit) bereits seit der Antike bekannt waren, ist die späte Erfindung des Kinos nicht wissenschaftlich, sondern nur psychologisch zu erklären. Die Menschheit wartete darauf, dass die Chemie (die Fotografie) einen Weg fand, das Bild automatisch zu fixieren, bevor sie sich der Synthese der Bewegung widmete.
  3. Ein unendlicher Prozess: Da das Ziel eine vollkommene, identische Kopie der Natur ist, kommt Bazin zu dem provokanten Schluss: „Das Kino ist noch nicht erfunden!“ Jede neue technologische Stufe ist lediglich ein weiterer Schritt zur Realisierung des ursprünglichen Mythos.

Das Kino als metaphysisches Streben

Indem Bazin das Kino als ein Produkt der Imagination definiert, das seiner technischen Realisierung vorausging, enthebt er das Medium einer rein funktionalen Technikgeschichte. Er vergleicht das Streben nach dem Kino mit dem Ikarus-Mythos: So wie der Traum vom Fliegen seit Urzeiten in der menschlichen Seele wohnte und lediglich auf den Verbrennungsmotor wartete, so wartete der Traum vom totalen Realismus auf die chemische und mechanische Industrierevolution des 19. Jahrhunderts.

Das Kino ist somit nicht das Kind der Wissenschaft, sondern das Kind eines metaphysischen Bedürfnisses nach Realität. Damit lässt sich auch rückwirkend sagen, dass die Technik niemals ein Hinderniss war das Kino weiterzuentwicklen. Wichtiger sind Ideen, Gefühle und Emotionen um uns den Filmrealismus näher zu bringen. Natürlich kommen mit neueren Technologien (AI, etc.) auch neuere Möglichkeiten und neue Stile die sich ins Kino einbringen. Dies ist aber nicht anders als wie als Beispiel genannt, der Verbrennungsmotor um fliegen zu können.

Quellen:

  • Bazin, A. (1967). What is cinema? 1. Univ. of Calif. Press.

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