Beim Weiterlesen in Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie verdichtet sich für mich ein zentraler Gedanke immer stärker. Wenn Design politisch ist, dann braucht es auch Kriterien, um Gestaltung zu bewerten. Nicht ästhetisch, nicht funktional, nicht ökonomisch, sondern ethisch und gesellschaftlich.
„Eine politische Designtheorie bietet deshalb Kriterien für ein anderes Bewertungsraster an. Sie setzt als Maßstäbe für gut und schlecht auf ethische und politische, nicht auf ästhetische, funktionalistische oder ökonomische Kategorien. Als gut wird entwerfendes, als schlecht unterwerfendes Design angesehen.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, Suhrkamp, S. 36
Dieser Perspektivwechsel ist für mich besonders inspirierend, weil er die gewohnte Frage nach guter Gestaltung radikal verschiebt. Es geht nicht mehr darum, ob etwas schön, effizient oder marktfähig ist, sondern darum, ob Design Handlungsspielräume eröffnet oder einschränkt. Ob es entwirft oder unterwirft.
„Gutes Design ist nicht unterwerfend, sondern entwerfend.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 37
Diese scheinbar einfache Aussage hat eine enorme Tragweite. Sie zwingt dazu, Gestaltung nicht nur als Ergebnis, sondern als Wirkung zu denken. Was ermöglicht ein Entwurf. Wen befähigt er. Wen schließt er aus. Welche Beziehungen entstehen dadurch und welche werden verhindert.
Im Kapitel über gutes und schlechtes Design wird deutlich, dass Designgeschichte lange versucht hat, Qualität anhand formaler oder funktionaler Kriterien festzumachen. Politische und ethische Dimensionen wurden dabei oft bewusst ausgeklammert.
„In der Geschichte des Designs gab es etliche Versuche, Kriterien für Qualitätsurteile über Design zu finden. Dabei wurde Design entweder ästhetisch oder funktional oder gar nach ökonomischem Erfolg bewertet. Politische und ethische Kriterien wurden lange abgelehnt.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 34
Für meine eigene Arbeit ist das ein wichtiger Punkt. Viele gesellschaftlich wirksame Gestaltungen funktionieren formal hervorragend und sind trotzdem problematisch, weil sie bestehende Machtverhältnisse stabilisieren oder Ungleichheiten reproduzieren. Eine politische Designtheorie bietet hier ein Werkzeug, um genauer hinzusehen und Verantwortung nicht an Neutralitätsbehauptungen abzugeben.
Besonders eindrücklich ist in diesem Zusammenhang auch der Bezug auf Bruno Latour und die Idee, dass Design immer eine ethische Dimension enthält. Sobald Gestaltung nicht nur Objekte, sondern Systeme, Städte, Technologien oder soziale Strukturen formt, ist moralische Verantwortung unausweichlich.
„Es ist, als würden Materialität und Moralität schließlich verschmelzen.“
Bruno Latour, zitiert nach Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 36
Dieser Satz bleibt bei mir hängen, weil er Gestaltung als etwas beschreibt, das nicht von Haltung zu trennen ist. Design kann sich nicht hinter Fakten, Funktionen oder reiner Umsetzung verstecken. Jede Entscheidung ist eine Positionierung.
Auch der Blick auf Dieter Rams und die berühmten „Zehn Thesen zum Design“ wird in diesem Kontext neu gelesen. Obwohl sie lange als Grundlage guter Gestaltung galten, zeigt sich aus politischer Perspektive eine gewisse Leerstelle. Die wiederholte Aussage „Gutes Design ist …“ bleibt oft im Formalen verhaftet und blendet gesellschaftliche Wirkung weitgehend aus.
„Die in den zehn Thesen wiederkehrende Aussage ‚Gutes Design ist …‘ stand Pate für die Formulierung der Schlusssätze der folgenden Kapitel.“
Friedrich von Borries, Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie, S. 35
Für mich wird hier eine Spannung sichtbar zwischen einem Designverständnis, das auf Reduktion, Neutralität und Zurückhaltung setzt, und einem Designverständnis, das sich seiner politischen Wirksamkeit bewusst ist. Gerade diese Spannung ist produktiv für meine weitere Themenfindung.
Was nehme ich daraus für meine Masterarbeit mit.
Zum einen die klare Erkenntnis, dass es nicht reicht, politische Themen visuell zu bearbeiten. Entscheidend ist, wie gestaltet wird. Ob Gestaltung Handlungsmöglichkeiten öffnet, Beteiligung ermöglicht und Zugänge schafft. Oder ob sie still ordnet und damit auch unterwirft.
Zum anderen bestärkt mich dieser Abschnitt darin, Design nicht als Lösung, sondern als Frageform zu denken. Gestaltung als Angebot, als Einladung, als Intervention, die sich bewusst in gesellschaftliche Prozesse einschreibt.
Dieser Text schärft meinen Blick dafür, dass gutes Design nicht darin liegt, möglichst wenig aufzufallen, sondern darin, Verantwortung für seine Wirkung zu übernehmen. Genau hier sehe ich einen zentralen Ansatzpunkt für meine weitere Arbeit.