Mein sechster Impuls für Design & Research 3 ist mein Besuch des Balletts La Divina Commedia in der Grazer Oper Graz, am 28.01.26. Seit ich denken kann, gehe ich regelmäßig ins Ballett. Umso besonderer war es für mich, hier eine Inszenierung zu erleben, die das klassische Format nicht nur erweitert, sondern grundlegend neu gedacht hat.
Die erste Hälfte des Balletts fand nicht im Opernsaal statt, sondern in den unterschiedlichen Räumen der Oper. Als Publikum bewegte man sich frei durch das Gebäude und konnte die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer in performativen Situationen beobachten. Diese Erfahrung erinnerte mich stark an einen Museumsbesuch, bei dem man selbst entscheidet, wie lange man verweilt und aus welcher Perspektive man beobachtet. Dadurch entstand keine lineare Erzählung, sondern eine individuelle Abfolge von Eindrücken.
Besonders intensiv war die unmittelbare Nähe zu den Tänzerinnen und Tänzern. Teilweise stand man so nah, dass es sich anfühlte, als würde man gleich Teil der Performance werden. Durch die dichte Situation im Raum kam es vor, dass man die Körper fast berührte. Diese Nähe erzeugte eine starke körperliche Präsenz und machte Bewegung, Atmung und Anspannung deutlich spürbar. Gleichzeitig hatte man das Gefühl, dass die Performenden auf das Publikum reagierten. Durch Blicke, Richtungswechsel oder kleine Gesten entstand eine Form von Interaktion, die die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum vollständig auflöste.
Diese räumliche Inszenierung hat mich besonders angesprochen, weil sie die Rolle des Publikums grundlegend verändert. Man ist nicht mehr passiv, sondern wird Teil der Situation. Wahrnehmung entsteht hier durch Bewegung, durch Nähe und durch das eigene Positionieren im Raum. Gestaltung funktioniert dabei nicht isoliert, sondern immer in Relation zum Körper der Betrachtenden.
Im zweiten Teil verlagerte sich das Geschehen in den Opernsaal. Nach der offenen und bewegten ersten Hälfte wirkte dieser Wechsel beinahe beruhigend. Umso eindrucksvoller war der reduzierte Einsatz von Bühnenmitteln. Besonders ein transparenter Vorhang ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Hinter diesem Vorhang bewegten sich die Tänzerinnen, ihre Körper waren nur schemenhaft sichtbar. Die Bewegungen wirkten dadurch entrückt und poetisch, fast so, als würden sie sich zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden bewegen.
In diesem Moment wurde mir auch ein sehr persönlicher Zugang bewusst, da ich die Inszenierung unmittelbar aus einer typografischen Perspektive wahrgenommen habe. Als Typografin musste ich beim Anblick der Tänzerinnen hinter dem transparenten Vorhang unweigerlich an Buchstaben denken. Die Körper, die nur fragmentarisch sichtbar waren, erinnerten mich an Zeichen, die sich dem vollständigen Erfassen entziehen und gerade dadurch eine besondere Spannung erzeugen.
Buchstaben können etwas sehr Tänzerisches und Akrobatisches haben. Besonders moderne Serifenschriften tragen Bewegung und Balance bereits in ihrer Form. Ich musste dabei konkret an die Schrift „Serif Babe“ der Schriftgestalterin Charlotte Rohde denken. Ihre stark ausgeprägten Serifen wirken beinahe wie Körper, die Position halten. Ähnlich wie im Ballett entstehen Spannung und Ausdruck genau in diesem Moment des Innehaltens. Die Serifen sind nicht bloß dekorative Elemente, sondern scheinen das Zeichen zu tragen und ihm Haltung zu geben.
Diese Assoziation hat meinen Blick darauf geschärft, dass Typografie nicht nur Information transportiert, sondern immer auch Wahrnehmung formt. Besonders dann, wenn sie sich an der Grenze von Lesbarkeit bewegt oder bewusst mit Transparenz, Unschärfe und zeitlicher Veränderung arbeitet. Wie die Tänzerinnen hinter dem Vorhang entfalten Buchstaben ihre Wirkung oft nicht durch vollständige Sichtbarkeit, sondern durch das, was angedeutet bleibt.
Der Gedanke, Typografie räumlich und installativ zu denken, hat mich seitdem stark beschäftigt. Eine Arbeit mit Schrift, Text und Licht, die sich ständig zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden bewegt, erscheint mir als eine spannende gestalterische Möglichkeit. Dieses Wechselspiel könnte Wahrnehmung ähnlich herausfordern wie das Ballett selbst und den Fokus weg vom reinen Lesen hin zum Erleben verschieben.
Für meine Design und Research Arbeit war dieser Abend insgesamt ein wichtiger Impuls. La Divina Commedia hat mir deutlich gemacht, wie stark Gestaltung über Raum, Körper, Zeit und Nähe wirkt. Besonders die Verbindung von Bewegung, Reduktion und Wahrnehmung hat mir neue Perspektiven eröffnet, die sich sowohl auf räumliche als auch auf grafische Fragestellungen übertragen lassen.
Der Besuch des Balletts war für mich damit weit mehr als ein ästhetisches Erlebnis. Er hat meinen Blick dafür geschärft, wie wirkungsvoll Offenheit, Reduktion und körperliche Präsenz in der Gestaltung sein können. Diese Gedanken möchte ich in meiner weiteren Forschung bewusst weiterdenken und auf typografische sowie räumliche Konzepte übertragen.
Links:
https://oper-graz.buehnen-graz.com/produktion/la-divina-comedia/
https://www.youtube.com/watch?v=k6o2SkFaQTs
https://www.charlotterohde.de/typefaces?utm_source=ig&utm_medium=social&utm_content=link_in_bio&fbclid=PAZXh0bgNhZW0CMTEAc3J0YwZhcHBfaWQMMjU2MjgxMDQwNTU4AAGnyihjna3g6MdrqXap37NHbLAvCKjwyR_MHE8eyMGGEyni8ctZEc8eCNTBOqw_aem_jy_ND6ImpzYCkDYGl0mS1w