Kirchenfenster sind die Schnittstelle zwischen dem sakralen Raum und der Außenwelt. Durch sie wird das natürliche Licht gebündelt und auf die Innenarchitektur geführt. In diesem Beitrag werden drei besondere und unterschiedliche Kirchenfenster-Projekte näher betrachtet und verglichen.
Alle drei Projekte nutzen Licht als zentrales Medium, aber sie tun es mit völlig unterschiedlichen Strategien: abstrakte Farbmatrixe, roher Beton und gerichteten Lichtfugen oder mit figürlicher, tiefblauer Glasikonografie.
Gerhard Richter, Domfenster Kölner Dom (2007)
Raster aus ca. 11.500 farbigen Quadraten in 72 Tönen, basierend auf „4096 Farben“, erzeugt ein abstraktes, vibrierendes Farblichtefeld ohne Figuration.
Gleichmäßige Streuung von Farbflächen, keine narrative oder ikonographische Lesbarkeit.
Das Fenster wird als „Farbteppich“ beschrieben, dessen Wirkung sich mit dem Tageslicht permanent verändert und der die traditionelle Heiligenikonografie durch reine Farbatmosphäre ersetzt.
Im Gegensatz zu traditionellen Kirchenfenstern, die Heiligengeschichten ins Licht schreiben, verweigert Richters Werk jede figürliche Deutung. Das Licht tritt selbst zum Bildträger und erzeugt eine Atmosphäre, die gleichermaßen transzendent wie konzeptuell wirkt.
Holy Redeemer Church, Las Chumberas (Fernando Menis, 2022)
Die Holy Redeemer Church in Las Chumberas liegt in einem Problemstadtteil von San Cristóbal de La Laguna (Teneriffa), und wurde von Fernando Menis / Menis Arquitectos entworfen. Für mich besonders spannend, weil ich selber für 2 Wochen in La Laguna zu Besuch war und überlegt hatte, hier für eine Weile zu Wohnen und zu arbeiten.
Der Komplex erscheint als Gruppe aus vier großen, scheinbar aus Vulkanfelsen gehauenen Betonvolumen, die in einem Geländeeinschnitt wie eine geologische Formation sitzen. Natürliches Licht fällt ausschließlich durch die schmalen Fugen und eine ausgeschnittene Kreuzform ein; klassische Fenster wurden bewusst vermieden, um jede Ablenkung vom mystischen Charakter zu verhindern.
Innen entsteht ein höhlenartiger Raum, in dem Licht und Schatten die rohe Betonoberfläche modellieren; Licht fungiert als primäres Gestaltungsmaterial. Die Kirche verbindet topografische Symbolik (Vulkankrater, Felsformation) mit theologisch codiertem Licht und einem klaren sozialräumlichen Auftrag (Community Centre, urbaner Katalysator).
Zwischen diesen massiven Körpern entstehen schmale Spalten, in die Metall-Glas-Strukturen eingesetzt sind. Hier dringt das Licht ein, sodass die Kirche wirkt, als würde der vulkanische Boden selbst aufreißen und Licht freigeben. Bei Sonnenaufgang fällt ein Lichtschwall durch das Kreuz hinter dem Altar und beleuchtet das Taufbecken.
Die Monochromie (Farben der vulkanischen Landschaft Teneriffas) lässt die Lichtstrahlen umso stärker wirken: jede Öffnung wird als Ereignis gelesen, nicht als banale Belichtung. Monolithische Betonblöcke, deren schmale Fugen und ein ausgeschnittenes Kreuz das Licht wie Strahlen in eine höhlenartige Innenwelt leiten. Tageslicht ist exakt auf die sieben Sakramente choreografiert (Morgenlicht am Taufbecken, Mittagslicht am Altar etc.), sodass Licht selbst zum liturgischen „Akteur“ wird.
Marc Chagall, St. Stephan, Mainz (1978–1985)
Neun Fenster mit dominierendem „Chagall-Blau“, in dem alttestamentliche und neutestamentliche Szenen, Engel und Figuren schweben.
Die Fenster sind vor allem in intensiven Blau- und Violetttönen gehalten; darin schweben biblische Figuren, Engel, Tiere und Symbole, die Altes und Neues Testament dialogisch verbinden.
Das blaue Licht taucht den Kirchenraum in eine sehr dichte, fast traumartige Atmosphäre. Häufig beschrieben als „mystisch“ oder „meditativ“ und macht die Versöhnungsbotschaft buchstäblich „sichtbar“.
Hier kommen eine klare figürliche Ikonografie mit einer stark atmosphärischen, farbdominierten Lichtinszenierung zusammen. Die Fenster gelten als Zeichen jüdisch‑christlicher Versöhnung; das blaue Licht taucht den gesamten Raum in eine kontemplative, fast traumartige Atmosphäre.
Richter zeigt, wie sakrales Licht zu einer scheinbar säkularen, abstrakten Licht-Atmosphäre werden kann, die trotzdem in der Liturgie verankert bleibt.
Holy Redeemer macht deutlich, dass sakrale Lichttradition auch ohne Glasbilder funktioniert: Licht wird über räumliche Schnitte und Materialkontraste zum eigentlichen Bild.
Chagall demonstriert, wie stark Licht weiterhin als Träger klarer religiöser Ikonografie und politisch‑historischer Versöhnungsbotschaften eingesetzt werden kann.
Diese drei Fälle markieren drei Pole: abstrakt‑säkulares Farblicht (Richter), architektonisch modelliertes Tageslicht (Menis) und figürlich-symbolisches Versöhnungslicht (Chagall).
Licht ist eines der zentralen atmosphärischen Elemente sakraler Architektur.
Hinweis zur Verwendung von KI-Tools
Zur sprachlichen Optimierung und für Verbesserungsvorschläge hinsichtlich Rechtschreibung, Grammatik und Ausdruck wurde ein KI-gestütztes Schreibwerkzeug (ChatGPT, OpenAI, 2025) verwendet.


