Mein fünfter Impuls für Design & Research 3 ist mein Besuch des Festivals Klanglicht Ende Oktober in Graz. Klanglicht ist kein klassischer Ausstellungsbesuch, sondern ein nächtlicher Parcours durch den Stadtraum, in dem Licht, Klang und Bewegung temporär neue Wahrnehmungssituationen schaffen. Gerade diese Verlagerung von Kunst in den öffentlichen Raum hat für mich einen starken gestalterischen Impuls ausgelöst, da Gestaltung hier nicht isoliert funktioniert, sondern immer im Zusammenspiel mit Umgebung, Körper und Zeit.
Besonders angesprochen haben mich Installationen, die nicht auf visuelle Überforderung setzen, sondern auf Wahrnehmung, Atmosphäre und Reduktion. Zwei Arbeiten sind mir dabei nachhaltig im Gedächtnis geblieben: The Weather Project von Olafur Eliasson sowie AFTEREAL von Yasuhiro Chida.
Die Arbeit The Weather Project war in der Orangerie im Burggarten installiert und hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Der Raum war von Licht, Nebel und Klang erfüllt und erzeugte eine künstliche Wetterlage, die sich nur schwer rational greifen ließ. Das Licht erinnerte an eine abstrahierte Sonne, die sich im Nebel ausbreitete und den gesamten Raum in eine diffuse, fast zeitlose Atmosphäre tauchte. Man hatte nicht das Gefühl, vor einem Kunstwerk zu stehen, sondern sich innerhalb eines Zustands zu befinden. Mich hat diese Installation so stark angezogen, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr gehen zu wollen. Zeit spielte plötzlich keine Rolle mehr. Der Nebel ließ Konturen verschwimmen, Bewegungen wurden langsamer, das eigene Sehen unsicherer. The Weather Project machte mir sehr deutlich, wie stark Wahrnehmung konstruiert ist und wie Gestaltung nicht nur visuell, sondern körperlich und emotional wirkt. Eliassons Arbeit zeigt, dass Licht kein Effekt ist, sondern ein Material, das Raum, Stimmung und Verhalten formt.
Einen ganz anderen, aber ebenso intensiven Zugang zur Wahrnehmung bot AFTEREAL von Yasuhiro Chida im Burggarten. Die Installation erinnerte an den magischen Effekt von Wunderkerzen, an das Zeichnen mit Licht in der Luft. Hunderte elastische, sich bewegende Drähte wurden durch UV Licht zum Leuchten gebracht. Ihre wellenförmigen Bewegungen erzeugten ein Bild, das physisch eigentlich gar nicht existiert. Stattdessen entsteht es im Gehirn der Betrachtenden durch das schnelle Aneinanderreihen einzelner Lichtmomente.
Was mich an AFTEREAL besonders fasziniert hat, war die Einfachheit der Mittel im Verhältnis zur emotionalen Wirkung. Trotz der Reduktion entstand ein tief berührendes Erlebnis. Das leuchtende Bild bleibt im Gedächtnis, obwohl es materiell nie wirklich da war. Chidas Arbeit macht deutlich, dass das, was wir als Realität wahrnehmen, ein Konstrukt unserer Augen und unseres Gehirns ist. Diese Erkenntnis hat mich stark beschäftigt, da sie den Fokus weg vom Objekt hin zur Wahrnehmung selbst lenkt.
Für meine Design und Research Arbeit ist genau dieser Gedanke zentral. Gestaltung erzeugt nicht nur sichtbare Formen, sondern beeinflusst, wie Menschen Realität wahrnehmen, erinnern und emotional einordnen. Klanglicht hat mir gezeigt, dass Wirkung oft zeitlich verzögert entsteht und dass Gestaltung im Nachhall weiterarbeitet. Besonders im Vergleich zu klassischen grafischen Arbeiten wurde mir bewusst, dass auch dort Wahrnehmung kein statischer Zustand ist.
Ein weiterer Aspekt, der mich nachhaltig inspiriert hat, ist die Rolle des Körpers im Raum. Beide Installationen funktionieren nur durch Bewegung, durch Annäherung, Verweilen und Perspektivwechsel. Je nachdem, wie man sich positioniert, verändert sich das Erlebte. Diese Abhängigkeit von Zeit und Position lässt sich auch auf Grafikdesign übertragen. Wahrnehmung ist nie neutral und nie unabhängig vom Kontext.
Der Besuch von Klanglicht war für mich damit mehr als ein ästhetisches Erlebnis. Er hat meinen Blick dafür geschärft, wie stark Gestaltung Wahrnehmung formt und wie wirkungsvoll Reduktion, Atmosphäre und Zeitlichkeit sein können. Besonders The Weather Project und AFTEREAL haben mir gezeigt, dass Gestaltung dann am stärksten ist, wenn sie nicht alles erklärt, sondern Raum für eigenes Erleben lässt. Diese Erkenntnisse möchte ich in meiner weiteren Forschung bewusst weiterdenken und auf grafische und räumliche Fragestellungen übertragen.
https://klanglicht.buehnen-graz.com/installation/8-eye-see-you/
https://olafureliasson.net/
https://lightart-collection.com/artworks/aftereal
https://yasuhirochida.com/